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Vom syrischen Regime verfolgt

Drei Syrer erzählen, war­um sie in die Schweiz geflüchtet sind. Als Kulisse dient die Ausstellung «Grosse Fluchten – kleines Asyl» in Zürich, die dem syrischen Krieg die Kunst gegenüberstellt.

Omar, Achmed und Taha sind drei junge Männer, die eines gemein haben: Sie sind Flüchtlinge. In ihren Heimatländern werden sie gesucht. Ihre Namen stehen auf Listen. Das Treffen mit der Journalistin findet an der Ausstellung «Grosse Fluchten – kleines Asyl» im Fabriktheater der Roten Fabrik in Zürich statt. Der 28-jährige Taha flüchtete vor eineinhalb Jahren aus Homs. Per Zufall hatte er erfahren, dass er gesucht wird. Sein Vater hatte einen Polizisten bezahlt, damit dieser die Listen überprüft. Was ihm vorgeworfen wird, weiss Taha nicht. Es gebe ein syrisches Sprichwort: «Wer verschwindet, von dem spricht man nie mehr. Wer zurückkommt, dem wurde ein zweites Leben geschenkt.» Eine Verhaftung in Syrien ist eine Einbahnstrasse. Projektleiterin Rayelle Niemann hat selber von 2002 bis 2012 im Nahen Osten gelebt. Nach ihrer Rückkehr nutzte sie ihre Kontakte und liess sich Videokunst und Dokumentationen von syrischen Künstlern schicken. Selber ausreisen dürfen diese nicht. Auf verschiedenen Bildschirmen sehen die Besucher friedliche Protestaktionen aus den Jahren 2011 und 2012. Wie Wasser eines Brunnens rot eingefärbt wurde zum Beispiel. So etwas sei heute in Syrien undenkbar, sagt Niemann. Aber auch Videos von den Giftgasattacken im August 2013 oder Luftangriffe auf Flüchtlingslager sind zu sehen. «Mir brannte viel unter den Nägeln, als ich zurückgekommen bin. Das Thema wird immer furchtbarer und der Krieg dauert nun schon drei Jahre», erzählt die Projektleiterin. «Ich habe keine Angst» Im Gegensatz zu Taha weiss Achmed genau, war­um er gesucht wird. «Meine Familie war von Anfang an aktiv. Wir haben uns gewehrt», sagt der 30-Jährige. Eine Weiterbildung in Medizintechnik führte ihn vor zwei Jahren in die Schweiz. Danach war es zu gefährlich, um nach Homs zurückzukehren. Drei seiner Onkel seien getötet worden, weitere Familienmitglieder verhaftet, sagt er. Während Taha und Omar zurückhaltend sind und weder ihre richtigen Namen noch Fotos veröffentlichen möchten, spürt man bei Achmed die Wut: «Ich habe keine Angst. Meine Familie ist immer noch da drin, war­um sollte ich in der Schweiz Angst haben. Hier darf ich wenigstens reden.» Dass die Schweiz jedoch ein steiniges Pflaster für Asylsuchende ist, haben alle drei erfahren müssen. Omar ist aus der Türkei gekommen: «Ich war geschockt, als ich hier ankam. Alle erzählen, die Schweiz sei der Himmel. Aber das Asylverfahren ist extrem viel strenger als in anderen europäischen Ländern.» Er habe die Schweiz nicht ausgewählt, sein Fluchthelfer habe das Land vorgeschlagen. Der 29-Jährige ist Zahnarzt und musste flüchten, weil er selber politisch aktiv war. Ins Detail gehen will er dabei nicht, aus Angst, erkannt zu werden. Die Ausstellung zeigt auch verschiedene Flüchtlingsunterkünfte. Das klassische Uno-Familienzelt steht neben neuen Entwürfen der Firma More-thanshelters. Die Anforderungen an die geplanten Behausungen sind hoch: Sie sollen sich für verschiedene Kulturen und Klimata eignen, aus Materialien produziert werden, die von den jeweiligen Orten stammen und nachhaltig sein. Sicherheit, Geborgenheit und Privatsphäre sind prioritär. Bleiben die Unterkünfte doch meist viele Jahre länger stehen, als ursprünglich geplant. Auch in der Schweiz können die Asylsuchenden nicht viel Platz ihr Eigen nennen. «Wir wohnen zu zwanzigst in einem Haus, vier Leute in einem Raum», sagt Achmed: «Falls es Schweizer gibt, die denken, wir machten es uns hier mit Steuergeldern gemütlich, liegen sie falsch.» Der 30-Jährige spricht auch den omnipräsenten Appell nach Integration an. In den Heimen sei man sozusagen «eingefroren», man warte einfach auf Bescheid. Die drei Flüchtlinge in seinem Zimmer seien die falschen, um sich zu integrieren. Die ID wird zum Todesurteil Der Krieg, die Unterdrückung und die Angst vor dem Tod seien die Hauptgründe für Flucht, sagt Taha. Wobei von allen Seiten unterdrückt werde. Vor seiner Flucht habe er ein stabiles Leben geführt. Er habe eine Wohnung gehabt und sei kurz davor gewesen, zu heiraten. Nachdem er erfahren habe, dass sein Name auf der Liste stehe, drehte sich alles um 180 Grad. «Heutzutage reicht es, dass das Falsche auf deiner ID steht, um getötet zu werden», sagt er. Es herrsche grosse Willkür in Syrien. Familien kämen um, egal welcher Gruppierung sie angehörten. Schon das Überqueren einer Strasse könne zur Todesfalle werden. Taha schildert, wie Syrer Bettlaken über Gassen spannen, sodass Scharfschützen nicht sehen, wann sie die andere Seite zu erreichen versuchen. Achmed hofft, dass die Besucher der Ausstellung ein anderes Bild von Syrien mitnehmen. Zu sehen sind die Videos und Installationen im Fabriktheater noch bis und mit Freitag, 14. März.

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