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Vom wunden Wildschwein gerammt

Ein Wildschwein greift einen Vater an, der mit seinen Kindern an der Thur spaziert. Das von einem Zug angefahrene Tier schleppte sich vermutlich schon zwei Wochen durch das Weinland.

Markus Lehner spaziert mit seinen zwei Söhnen und dem Hund in Dättwil bei Adlikon der Thur entlang. Es ist Samstag, kurz vor Mittag. Den 3-Jährigen trägt der 37-jährige Vater auf der Schulter, der 5-Jährige springt ihm um die Beine. Sie gehen am Pumpenhäuschen vorbei, als sie auf ein Tier aufmerksam werden, das über den Fluss in ihre Richtung schwimmt. Dieser ist an der Stelle etwa 20 Meter breit. Am Ufer angekommen, kämpft sich das Wildschwein, ein 2-jähriges weibliches Tier – eine Bache –, die Flussböschung hoch. Und bleibt erschöpft im Gras liegen. Tabasco, der Mischlingshund, bellt. Der Vater und die zwei Söhne nähern sich neugierig der vermutlich verletzten Bache. Lehner setzt den kleinen Diego ab, zückt seine Handykamera. Während er filmt, bewegt er sich auf die Wildsau zu. Er ist schliesslich so nahe, dass er sie fast berühren könnte. Das verletzte Tier liegt ruhig da, schnaubt. Lehner kommt noch näher. Plötzlich stemmt sich das Wildschweinweibchen auf, wirft sich dem Mann entgegen — und schlägt ihm einen seiner Haken, einen nach oben gebogenen Eckzahn, in die Wade. Sauber abgetrennte Hinterläufe Lehner schreit auf, versucht, sich zu wehren, schlägt mit den Fäusten auf das aggressive Wildschwein ein, bis es von ihm ablässt. Er humpelt davon, bringt sich und seine Kinder in Sicherheit. Das Tier schleppt sich zum Fluss, überquert ihn erneut und bleibt etwa 200 Meter flussabwärts regungslos auf einer Sandbank liegen. Lehners Frau Jeannette, welche die gefährliche Si­tua­tion vom Garten aus beobachtet hat, alarmiert die Polizei und den Wildhüter. Marc Edelmann, Wildhüter von Adlikon, und zwei seiner Kollegen nehmen nur kurze Zeit später die Schweissfährte des wunden Tiers auf. Das heisst, sie folgen seiner Blutspur. Das aufgebotene Nachsuchegespann – ein Wildhüter mit Schweisshund – ist noch nicht eingetroffen, da finden die Jäger das Tier und erlösen es von seinem Leiden. Von ihren sauber abgetrennten Hinterläufen schliessen die Jäger darauf, dass die «Überläuferbache» – wie eine weibliche Wildsau dieses Alters im Jägerjargon heisst – von einem Zug und nicht von einem Auto angefahren worden ist. Das passt mit der Meldung eines Lokführers vor zwei Wochen über einen Wildschaden in der Gegend von Thalheim an der Thur zusammen. «Extrem zäh» Auch wegen der Tatsache, dass das Tier ziemlich abgemagert ist, vermutet Edelmann, dass es sich bereits seit Wochen auf seinen Beinstümpfen durch die Landschaft schleppt. «Wildschweine sind extrem zäh», sagt der Adliker Jagdpächter. Die Thur hat die Bache nicht nur die zwei Male überquert, als die Familie Lehner sie dabei beobachtet hat, sondern bereits häufiger, stellt Edelmann aufgrund von Spuren fest. Dass Wildschweine schwimmen, sei gar nicht so aussergewöhnlich. «Es kann auch sein, dass das wunde Tier seine brandigen Wunden im Wasser kühlen wollte.» Selten sei hingegen, dass Schwarzwild Menschen angreife. Das passiere nur, wenn Bachen ihre Jungtiere bei sich hätten, sie sich in die Enge getrieben fühlten oder verletzt seien. Markus Lehner wird diese Begegnung eine Lehre sein. Er ist mit einer kleinen Fleischwunde davongekommen. Und der Arzt hat ihn gegen Starrkrampf geimpft und ihm ein Antibiotikum verschrieben. Die tote Bache sei schliesslich in der Kadaversammelstelle gelandet und nicht etwa in einem Kochtopf, sagt Wildhüter Edelmann. «Kranke Tiere werden nicht verwertet.»

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