Zum Hauptinhalt springen

Von Sexualaufklärung und Trittbrettfahren

Katrin Sutter und Vanessa Sonder luden zur Vernissage ihres Buches «Gelebtes Embrach». Die Schauspielerin Bella Neri las aus den 17 Porträts von Dorfbewohnern – dar­un­ter auch die Geschichte ihrer eigenen Kindheit.

Nie wurde ihnen so viel Kaffee und Kuchen serviert wie in den letzten Monaten. Doch gewährte man den beiden Autorinnen nicht nur Einlass in die Wohnstuben, sondern liess sie auch teilhaben an einem reichen Fundus gelebter Geschichte. Diese für nachfolgende Generationen zu bewahren, war Ziel der Embracher Journalistin Katrin Sutter und der Redaktorin Vanessa Sonder. Ihr Buch «Gelebtes Embrach» mit 17 Porträts von Dorfbewohnern zwischen 60 und 100 Jahren haben sie am vergangenen Dienstag im reformierten Kirchgemein­dehaus vor rund 150 Gästen präsentiert. Die teils bebilderten, in der Ichform wiedergegebenen «Erinnerungen an ein vergangenes Jahrhundert» führen zurück in die Jugendjahre der Protagonisten. Viele von ihnen sassen im Publikum, die Prominenteste las auf der Bühne. Extravaganz und Prüderie Schauspielerin Bella Neri begann mit charmanten Anekdoten aus ihrer «Kindheit zwischen Kunst und Miststöcken». 1942 geboren, wuchs sie als zweites von vier Kindern der beiden Kunstschaffenden Hedwig und Umberto ­Neri heran. Sie war «arm wie ­alle», doch ihre Angst, eines Tages mit den Geschwistern im Wald ausgesetzt zu werden, erwies sich als unbegründet. Nach dem Krieg zügelten sie per Pferdewagen in das alte Amtshaus, wo die ersten Ausstellungen mit Bildern des Vaters und Keramiken der Mutter stattfanden. ­Inmitten bäuerlicher Umgebung empfing man urbane Gäste: «Männer mit langen Haaren und Intellektuellenbrille, geschminkte Frauen mit Zigarettenspitzen. Serviert wurden selbst gesammelte Weinbergschnecken.» Neben aller Extravaganz erlebte Bella einen strengen Alltag mit «vielen Ämtli und manchmal ohne Znacht ins Bett». Sie schilderte heimliche Mitfahrten auf dem Trittbrett des Firmenlastwagens; der eingehandelte Ärger schien ihr damals grauenhaft übertrieben. Trotz Weltoffenheit der Eltern musste sie peinliche Aufklärungsversuche über sich ergehen lassen: «Auf einem Spaziergang fing meine Mutter an von Äpfeln, die reifen müssen.» Als erstes Mädchen der Klasse trug sie Hosen: «7/8 mit seitlichem Schlitz.» Durch den Besuch des Berufsberaters erfuhren die Mitschüler von ihren anrüchigen Zukunftsplänen: «Die Bella Neri will Filmstar werden.» Mit dem Velo in die Luft Es folgten amüsante und bewegende Auszüge aus weiteren Porträts, wie etwa vom ehemaligen Schulabwart Hans Klinger, dessen Abneigung gegen Kürbis­suppe in die Kriegsjahre zurückreicht: «Die Suppe gab es damals von Anfang bis Ende der Woche, und was übrig blieb, bekam die Sau.» Margrit Walder erinnerte sich an strenge Zeiten: «Tanzen durfte nur, wer bereits konfirmiert war. Und das Pfeifen war bloss den Buben erlaubt.» Eine wichtige Rolle in den Erzählungen von Richard Ganz spielt dessen Vater Fritz, Politiker und Radrennfahrer. Mit einem kleinen Flieger ging es ab Dübendorf zu einem Rennen nach Manchester: «Das Velo war unter dem Flügel angebunden.» Einige spannende, jedoch zu persönliche Passagen mussten im Nachhinein wieder gestrichen werden. Diese liessen sich vielleicht beim nachfolgenden Apéro erfahren, an dem die beiden Autorinnen bereits einen Grossteil der Erstauflage verkaufen konnten. Aus ihrer Sicht hat das Projekt Fortsetzungspo­ten­zial. Bereits gibt es Pläne, Erinnerungen auch in Vanessa Sonders Heimatgemeinde Meilen zu sammeln oder eine urbane Variante über Bewohner aus dem Zürcher Kreis 4 zu verfassen. Das Buch«Gelebtes Embrach»von Katrin Sutter und Vanessa Sonder ist für 30 Franken in der Bibliothek Embrach und unter info@redaktionsbuero.ch erhältlich.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch