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Vorbereitung auf das Tal der Tränen

Die Winterthurer Kultur steht vor entscheidenden Weichen- stellungen. Von Kahlschlag bis Erhalten scheint alles möglich, erfuhr man in einer Diskussionsrunde im Café des Arts.

Es geht nicht nur um das Schicksal der kulturellen Leuchttürme, auch die Kultur an der Basis und alternative Organisationen müssen um die städtischen Gelder bangen. Denn die Stadt hat sich trotz schwacher Finanzkraft zu viel an Kultur geleistet. Werden Leuchttürme nun ausgeknipst oder bloss gedimmt? Und, etwas dramatischer, wo wird die Axt angesetzt? – Karin Salm, Kulturjournalistin bei Radio SRF 2, hatte am Mittwochabend eine Runde ins Café des Arts in der Kunsthalle geladen, die keine Langweile verhiess und entsprechend viel Aufmerksamkeit fand.

Pius Knüsel, ehemaliger Direktor der Stiftung Pro Helvetia, hatte mit seinem Buch «Kulturinfarkt» die Schweizer Kunstszene mächtig in Aufruhr versetzt und empfahl auch Winterthur eine Schocktherapie. Marc Fehlmann, Direktor des Museums Oskar Reinhart am Stadtgarten und ebenfalls ein passionierter Querdenker, schreckte nicht mal vor dem Schlachten von heiligen Kühen zurück. Beide prophezeiten der Winterthurer Kultur ein Tal der Tränen, ein Heulen und Zähneklappern.

Mini- oder Maxi-Kulturleitbild?

Nicht nur dem Projektleiter und Vertreter der Kulturlobby, Rolf Heusser, stockte ob solchen Aussichten der Atem, auch Nicole Kurmann, Bereichsleiterin Kultur der Stadt Winterthur, war gefordert. Aber sie parierte mit viel Witz und zeigte ganz klar die Widersprüche auf, in die sie seitens der Politik hineinmanövriert wurde.

Stadtpräsident Michael Künzle hatte im Wahlkampf ein neues Kulturleitbild versprochen. Bis Ende Jahr soll es fertiggestellt sein und dann im Frühjahr 2015 dem Grossen Gemeinderat vorgelegt werden. Da die Subventionsverträge auslaufen, eröffnet sich die Chance für die Neuordnung der Kulturlandschaft. Soweit die Fakten. Doch welche Form und welchen Umfang dieses Papier haben soll und vor allem: wo die Schwerpunkte zu setzen sind, das scheint alles andere als klar. Denn diese Entscheide müsste ja eigentlich die Politik fällen und so den Rahmen vorgeben.

So biss sich die Schlange den ganzen Abend in den eigenen Schwanz und die Diskussion erinnerte zwischendurch an absurdes Theater. Knüsel plädierte für die Kurzversion von zwei bis drei Leitsätzen, die dann durch die Kultur- verantwortlichen umzusetzen wären. Heusser versprach sich mehr von einem Reglement, das Transparenz und Planungssicherheit bringen soll. Knüsel fand das schrecklich, weil damit jede Dynamik und Entdeckerfreude abgewürgt wird. Und Fehlmann spottete, dass die Politik doch nur fördern wolle, was mehrheitsfähig sei, also Anker und Giacometti.

Zu viele Museen

Das paradoxe Malaise von Winterthur: Es ist zu viel Kultur vorhanden, die sich die Stadt nicht leisten kann. Heusser sieht in dieser Vielfalt des Angebots das spezifisch Winterthurerische, wo sehr viel Kooperation stattfinde und eine breit abgestützte Vernetzung funktioniere. Für Knüsel war das eine selbstverliebte Innensicht, die nur das Alte fortschreibt und keine Neuerungen mehr erlaubt. Deshalb würde er die Zahl der Leuchttürme reduzieren. Fehlmann unterstützte diese Sicht mit dem Hinweis auf den grössten kulturpolitischen Fehler, den die Familie Reinhart begangen habe, indem sie den Aufbau von drei Museen ermöglichte.

Was einst von der Stadt (und der Bevölkerung) als Segen empfunden wurde, erweist sich nun als finanzielle Last. Für die ältere Generation unter den Zuhörern musste das wie Blasphemie klingen. Doch das «Duo infernale» rief zum Loslassen auf, empfahl die Zusammenlegung von Museen und den Konzertbesuch in Zürich; vom Theater war überhaupt nicht die Rede.

Kurmann glaubt, dass man bezüglich der Fusion von Museen auf gutem Weg sei, und erinnerte an die Bedeutung der überregionalen Leuchttürme für das Stadtmarketing. Und sie gab tapfer der Hoffnung Ausdruck, dass die Kultur die Sparstürme heil überstehe und keine «Tabula-rasa»-Politik das Gewachsene und Bewährte zerstöre.

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