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Vorweggenommene Trauer

In ihrer Erzählung «Alles, was draussen ist» schildert Saskia Hennig von Lange die Innenwelt eines Melancholikers und nähert sich behutsam dem Ganzen des Lebens. Ein starkes Debüt.

Dieses Buch liest man am besten in einem Zug durch. Mit dem ersten Satz betritt man eine Welt, und jeder folgende führt tiefer hinein in das Labyrinth: «Ich blieb immer hier drinnen.» Im Kern dieses Innenraums sitzt die Stimme der Mutter wie die Spinne im Netz: «Nein, du bleibst hier, du gehst nicht nach draussen.» Wie ein Leitmotiv kehrt der Satz aus Kindheitstagen in diesem dichten, suggestiven Text wieder, der von einer Einsamkeit handelt, der aber auch ein originelles ­litera- risch-psychologisches Experiment ist. Genauer gesagt, interessiert sich der Text für das Verhältnis unseres Ichs zur Welt und dafür, was Körper und Sprache mit dem Wissen um die Vergänglichkeit anstellen. Die Erzählung «Alles, was draussen ist» – der Verlag nennt es eine Novelle – ist das literarische Debüt der 1976 geborenen deutschen Kunsthistorikerin Saskia Hennig von Lange. Die äussere Handlung ist schnell zusammengefasst: Ein Mann, der weiss, dass er bald sterben wird, denkt nach über sein Leben und sein «Universum», das aus einem kleinen anatomischen Museum besteht. Eine Treppe führt vom Museum hinauf in sein Zimmer, in dem er wohnt. Der Rest sind Erinnerungen, Fantasien, fixe Ideen und Betrachtungen, verteilt über einen Tag im Leben dieses Mannes, über dessen äussere Erscheinung wir nichts erfahren: Es ist eine nach innen gewandte Welt, die hier geschildert wird, in einem flüssigen Duktus, der die Gedanken in konkreten Handlungen, Verrichtungen und Gesten inszeniert. Die Stimme des anderen Seine Sterblichkeit reflektiert der Prot­ago­nist anhand der Totenmaske des mit der Guillotine enthaupteten Revolutionärs Robespierre: «Ich schaue ihn an: Auch in seinen Zügen strömt etwas, etwas blickt auf mich zurück. Hinter den geschlossenen Augen seiner Totenmaske kann ich Robes­pierre schauen sehen.» Die schwangere Leiche einer unbekannten Frau dagegen ruft ihm eine eigene, unglückliche Liebesgeschichte in Erinnerung. In Zen­trum steht aber seine obsessive Beschäftigung mit dem menschlichen Ohr. Darin forschte er nach der Stelle, «an der jede Stimme eine Spur hinterlässt im Kopf des anderen». Man wird da vor allem an das von der Mutter ausgesprochene Verbot denken. Das aber war in Wirklichkeit gut begründet: Der Junge sollte nicht hinaus aufs Eis gehen, weil es noch nicht fest war; er machte es trotzdem und brach ein. Wie der Satz der Mutter sich im Laufe der Jahre verselbstständigt, so erfahren auch andere prägende Motive – das Antlitz von Robespierre, die «Schöne Beischläferin», die «Unbekannte aus der Seine», die Nachbarin, die stets nur «Untendrunterwohnerin» genannt wird, ja selbst der Blick aus dem Fenster – eine Bedeutungsverschiebung; sie überlagern sich, spielen ineinander und deuten etwas an: was genau, bleibt offen. Assoziativ und offen Diese Offenheit ist eine Stärke des Textes, sie macht ihn aber auch schwer fassbar und dürfte all jenen, die klare Fragen und Antworten lieben, schwer im Magen liegen. Schwer zu lesen ist dieser Text nicht. Denn die Autorin zieht weder komplizierte Gedankengebäude in die Höhe, noch verstellt sie die Sicht mit dem bei akademisch versierten deutschen Autoren so beliebten kulturgeschichtlichen Arsenal. Vielmehr bleibt alles, was erzählt wird, real und handgreiflich. Manchmal nimmt der Text Züge einer Totenklage an, so etwa angesichts der präparierten Embryonen: «Mittags gehe ich meist schnell an ihnen vorbei, den Blick schon gerade­aus, auf den systematischen Raum gerichtet. Ein kurzer Blick ins Dunkle: alles in Ordnung. Ich grüsse sie zur Nacht, bevor ich später endgültig nach oben gehe. Manchmal, da bleibe ich noch ein bisschen, da gehe ich hinein zu ihnen und setze mich vor einen der Schränke und schaue sie mir an. Und dann denke ich daran, dass sie so verloren sind für diese Welt, dass sie verloren sind und trotzdem noch da, und dass der Mensch das letztlich nicht begreifen kann, ein solches Verlorensein im Dasein, dass er an einen solchen Gedanken, eine solche Vorstellung ja niemals ganz herankommen kann, der Mensch.» Ein bisschen nicken Er will die Schwelle nach draussen gar nicht überschreiten, dieser melancholische Erzähler, er hat sich «eingerichtet in dieser vorweggenommenen Trauer», wie es einmal heisst: «Alles, was ich dahinter sehen könnte, sähe ich nur durch den Verlust hindurch.» Ein Satz, dem der Mann gerne zustimmt: «… und ich nicke dazu, ich kann gar nicht mehr aufhören mit Nicken: Es ist schön, einen Kopf auf seinen Schultern zu haben, mit dem man ein bisschen nicken kann.» Saskia Hennig von Lange, Alles, was draussen istEine Novelle, Verlag Jung und Jung, Salzburg und Wien, 2013

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