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Votum gegen den Leistungswahn

Kommentar von Marius Huber An diesem Entscheid der Zürcher Stimmbevölkerung gibt es nichts zu deuteln. Sie hat gestern die Grundstufe ohne Wenn und Aber versenkt und sich gleichzeitig für den Kindergarten ausgesprochen. Genau genommen hat sie sich damit für etwas ausgesprochen, was in seiner aktuellen Form die allerwenigsten kennen, die gestern an die Urne gingen. Aber doch für etwas, unter dem sich alle etwas vorstellen können – und an das die meisten offensichtlich positive Erinnerungen haben. An der Finanzierungsfrage allein ist die kostspielige Grundstufe nicht gescheitert. Geld ist zwar in Krisenzeiten oft ein Killerargument. Aber wenn es nur dar­um gegangen wäre, hätte der Gegenvorschlag durchkommen müssen. Dieser hätte es ja den Gemeinden überlassen, sich ein teureres Modell zu leisten oder eben nicht. Den Ausschlag gegeben hat eher die emotionale Karte, welche die Gegner der Grundstufe ausgespielt haben. Der Appell ans Herz, dass ein Ort wie der Kindergarten unbedingt erhalten werden müsse. Ein Ort, wo «Kinder noch Kinder sein dürfen». Solche Worte fallen auf fruchtbaren Boden in einer Welt, der es nach Jahrzehnten unter dem Diktat einer ökonomischen Rationalität vor lauter Beschleunigung langsam schwindlig wird. Viele befällt ein Unbehagen angesichts von Kindern mit übervollen Terminkalendern, die möglichst früh fit gemacht werden für die Ellbogengesellschaft in einer harten Zukunft. Wenn sich da bewahrende Tendenzen bemerkbar machen, darf das nicht überraschen. Genug ist genug. Man muss nicht schon 4-Jährige auf Leistung trimmen! Der Grundstufe als dem Neuen, das niemand kennt, fiel in dieser Inszenierung automatisch der Widerpart zu. Ob zu Recht oder zu Unrecht, wie ihre Befürworter verzweifelt behaupteten – wir werden es nie erfahren. Manifestiert hat sich gestern zweifellos auch ein gewisser Reformüberdruss. Die Argumente für Neuerungen müssen über jeden Zweifel erhaben sein, sonst sperrt sich eine Mehrheit dagegen. Auch das hat seine Logik: Wenn man schon nichts daran ändern kann, dass sich die Welt immer schneller dreht, dann bremst man wenigstens dort, wo man es kann.

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