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War­um Samuel A. Saunders mit der Spitzhacke auf einen Stern einschlug

Schon vor Erscheinen hat es Charles Lewinskys Roman «Kastelau» auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Roman? Das Buch liest sich wie ein zusammengeflickter historischer Tatsachenkrimi. Total real und doch erfunden.

Vieles kommt einem bekannt vor. Dieser schwule Schauspieler, hat der nicht was von Gustaf Gründgens? Und die Narbe der Tiziana Adam, hatte nicht Marlene Dietrich in «Zeugin der Anklage» so eine? Bei aller scheinbaren Authentizität – wahr an dem Buch ist einzig die Ausgangslage: Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs setzt sich eine UFA-Filmcrew aus dem bombardierten Berlin ab in die Alpen, um zum Schein einen angeblich kriegswichtigen Durchhaltefilm zu drehen und so weit ab vom Schuss das Kriegsende abzuwarten. Man tut als ob, dreht etwas Film und versucht zu überleben. Fahrt in Dekorationen Lewinsky verdankt die Episode, wie er in einem Interview sagte, Erich Kästners Tagebuch «Notabene 45». Kästner hatte wie der erfundene Werner Wagenknecht als Autor mit Schreibverbot unter einem Pseudonym Drehbücher für die UFA verfasst. Wie Lewins- ky die Episode ausspinnt, ist hohe Kunst. Schon auf der Hinfahrt nach Kastelau bei Berchtesgaden – bei Kästner war es Mayrhofen im Tirol – kommt es zu einem Zwischenfall. Da die Wehrmacht alle Fahrzeuge eingezogen hat, reisen die Filmleute in «Dekorationen», das heisst bemalten Autos, die in Filmen wie «Fahrt ins Glück» – welch grausame Pointe – benutzt worden waren. Die Bemalung führt zu einer tödlichen Verwechslung, welcher der grösste Teil der Crew zum Opfer fällt. Übrig bleiben Drehbuchautor, Regisseur, Produzent, Kameramann und vier Schauspieler. Einen Tontechniker holt man im Vorbeifahren bei der Münchner Filmgesellschaft Bavaria ab, ein Gehörloser ist alles, was erhältlich ist – ausgerechnet. Im (fiktiven) Kastelau muss erst mal das Drehbuch umgeschrieben werden, da – anders als der Ortsname verheisst – das erforderliche Schloss fehlt. Autor Wagenknecht muss fortan laufend das Skript den neuen Erfordernissen anpassen, um nicht den Argwohn des Dorf-Obernazis zu erwecken. Ein Problem zieht das nächste nach sich, der schwule Star fängt etwas mit einem Dorf-Jüngling an, kommt in die Arrestzelle, kauft sich mit Verrat frei. Am Schluss sind zwei Männer tot und eine Frau fürs Leben entstellt. Und der feige Mörder, welcher alles verschuldet hat, geht nach Hollywood, wird berühmt, kriegt einen Oscar für sein angebliches antinazistisches Engagement und einen Stern auf dem Walk of Fame. Und ein Videothekeninhaber verliert den Verstand, weil er diese sensationelle Geschichte seit seinen Studentenzeiten recherchiert hat, aber weder damit doktorieren noch sein Enthüllungsbuch als Bestseller veröffentlichen durfte. Als das letzte Mosaiksteinchen an seinen Platz fällt, ist der Hollywoodstar längst vergessen. Hier kommt der Autor Lewins- ky ins Spiel. Er will in einem Archiv an der East Melnitz Street in Los Angeles – die gibts wirklich und ist keine Anspielung auf Lewinskys Bestseller «Melnitz» – ein vom Videothekeninhaber Samuel Anthony Saunders hinterlassenes Konvolut an Dokumenten aufgestöbert haben. Dar­un­ter sind das Tagebuch und autobiografische Kurzgeschichten des Drehbuchautors Wagenknecht, ein langes Interview mit der Schauspielerin Tiziana «Titi» Adam, Drehbuchseiten, Briefwechsel, Wikipedia-Artikel und immer wieder Saunders’ mit wütenden Bemerkungen voll gekritzelte Aufzeichnungen. Titi klönt Die verschiedenen Töne der Quellen zu simulieren, gelingt Lewinsky nicht immer gleich gut. Wagenknechts Stil liegt ihm noch am nächsten. Aber das aufbrausende Temperament von Saunders wirkt oft etwas forciert. Und das ausufernde Geklön der Titi geht einem mit der Zeit mächtig auf die Nerven. Obwohl es – zugegebenermassen – als retardierendes Moment viel zur Spannung beiträgt. Charles Lewinsky: Kastelau. Roman. Nagel & Kimche, Zürich 2014, 400 S., Fr. 34.90.

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