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Was damals geschah

Doug Menuez war als Fotograf dabei, als im Silicon Valley (Kalifornien) die Welt fast neu erfunden wurde. In der Fotogalerie Coalmine sind nun Bilder aus dieser kreativen Zeit zu sehen: «Fearless Genius. Die digitale Revolution im Silicon Valley».

«Steve Jobs denkt nach.» «Steve Jobs erklärt die Zehn-Jahres-Technologieentwicklungszyklen.» «Steve Jobs mit einem Prototyp für das NeXT-Computer-Gehäuse.» «Steve Jobs überlegt sich eine Antwort.» «Steve Jobs motiviert seine Truppe.» «Steve Jobs skizziert die digitale Revolution.» Das sind sechs von 50 Schwarz-Weiss-Aufnahmen, einfachen, schönen, dokumentierenden Schwarz-Weiss-Aufnahmen, die aktuell in der Fotogalerie Coalmine zu sehen sind. Die 50 Bilder sind nur ein winziger, aber sehr sprechender Ausschnitt aus einem umfangreichen Langzeitprojekt, das der amerikanische Fotograf Doug Menuez (*1957) vor bald 30 Jahren begonnen hat und während 15 Jahren, von 1985 bis 2000, intensiv verfolgte. 250 000 Negative umfasst sein Archiv aus der damaligen Zeit: ein Stück Zeitgeschichte, das im Rückblick als «Die digitale Revolution im Silicon Valley» zu erkennen ist und in dem man wie ein Archäologe graben kann, so schmal die Zeitspanne sein mag, die uns heute davon trennt. Furchteinflössend Doug Menuez, ein weit gereister Fotograf mit breitem Spektrum, weiss um dieses Potenzial. Er hat die eigentlich abgeschlossene Arbeit wieder zur Hand genommen und präsentiert sie nun ausschnittweise in Form von Ausstellungen und Vorträgen. In Moskau, Perpignan oder Lianzhou hat man «Fear­less Genius» schon gesehen, in Winterthur hat Sascha Renner nun dem Fotografen und seinem Werk eine überzeugende Ausstellung eingerichtet. Dabei ist jedem Bild die Geschichte dahinter mitgegeben, dies in einem durchaus kritischen, also urteilenden und beurteilenden Sinn. Dar­über nachzudenken lohnt sich. Natürlich darf und soll der erste Zugang zur Ausstellung rein visuell und ästhetisch sein. Das funktioniert auch hier. Denn Doug Menuez hat seinem an und für sich sehr unfotografischen Thema – die Entwicklung von Technologien, die uns erst heute so richtig erreicht haben und aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken sind –, diesem Thema hat er ein menschliches Gesicht gegeben. Und er hat den Arbeitsalltag, der die Menschen im Silicon Valley so vollständig in Beschlag nimmt, in unauffällig-expressiven Augenblicken festgehalten. Angesichts der Eindringlichkeit noch der scheinbar banalsten Momente versteht man, war­um Me­nuez im Gespräch mit Kurator Renner sagt: «Ich musste mir jedes einzelne Bild verdienen.» Mit Steve Jobs fing es an. Menuez interessierte sich für den damals 30-Jährigen, der eben «sein» Unternehmen Apple verlassen hatte und sich im Silicon Valley an den Bau neuer Computer machte. Menuez begleitete ihn und bekam so auch Zugang zu vielen anderen Unternehmen und Persönlichkeiten in der Computerindustrie, die daran ar­bei­te­ten, die Welt zu verbessern oder doch zu verändern. Wir sehen Steve Jobs, diesen charismatischen Erfinder und Unternehmer, aus nächster Nähe: ausgelassen, nachdenklich, voller Furor – gefährlich. Weil er so anspruchsvoll war, dass es «absolut furchteinflössend» war, «um Steve herum zu sein», wie Menuez bemerkt. Wer zunächst nur schaut, spürt viel von dieser ungeheuren Intensität, dem kreativen Druck, der wohl auch in Folter ausarten konnte, dem gelebten Gemeinschaftssinn und dem völligen Aufgehen in einer Sache. Er bekommt einen Eindruck davon, wie aufreibend ein solches Leben im Dienste einer Sache oder einer Vision sein kann, wie ungesund auch, wie skurril und mitunter unmenschlich. (Die Tatsache, dass Menuez ausgesprochen viel von Händen versteht, die in seinen Bildern oft eine sehr deutliche Sprache sprechen, sei nur am Rande erwähnt.) Der Fotograf ist auf eine ruhige Art immer am Geschehen beteiligt, sehr oft mittendrin, manchmal als Beobachter. Er sieht, wie die Spannung wächst, die Hektik; sieht, wie etwas geplant, erarbeitet, in die Welt geworfen wird; sieht Entspannung und Zusammenbruch, sieht verkörperte Argumente: die Wirtschaftswunderwelt von Silicon Valley, als das Feuer mit grosser Flamme brannte. Fragen stellen Um jedoch mehr zu verstehen, muss der Ausstellungsbesucher lesen. Nicht etwa Wandtexte, sondern die ausführlichen Bildkommentare, die auch diesmal wieder in einem schön gestalteten Faltblatt jedes der darin im Kleinformat abgedruckten Bilder erläutern. Da kann es denn (um nur den kürzesten Kommentar zu zitieren) unter der Fotografie «Der Kuss. San Francisco, 1988» heissen: «Zwei verliebte Angestellte an der jährlichen Adobe-Weihnachtsparty feiern überschwänglich. Das Paar heiratete darauf, liess sich aber wenige Jahre später scheiden. Der konstante Leistungsdruck und die langen Arbeitszeiten im Silicon Valley machten es schwierig, ein Privatleben zu führen.» Doug Menuez hat genau hingeschaut auf das, «was damals geschah und welche Entscheidungen getroffen wurden», damals, als er bei den Machern war und bei denen, die Macht hatten (und haben). Er kennt die Sorgen von Bill Joy, dem Mitbegründer von Sun Microsystems, welcher glaubt, «dass unregulierte Innovation die Existenz der Menschheit gefährdet». Menuez hat sein Langzeitprojekt begonnen, weil er sich Fragen stellte, Grundsatzfragen. Im Rückblick auf das vor Jahrzehnten Dokumentierte stellen sich die Fragen neu.

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