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Was nicht zur Sprache kommt

«Für die Nacht» heisst das Stück von Laura de Weck, das am Samstag im Kellertheater Premiere hatte. Es bietet ein ungewöhnliches Theatererlebnis.

Einen kurzen Augenblick lang ist man verwirrt, wenn man für die Aufführung des Bühnenstücks «Für die Nacht» das Kellertheater Winterthur betritt. Vier hohe Hocker, vier Tischchen mit einem Wasserglas stehen auf einer völlig in Schwarz gehaltenen Bühne (Marianna Helen Meyer). Als ob statt eines Theaterstücks ein Podiumsgespräch geboten würde. Falsch. Das Stück von Laura de Weck wird als reines Sprech­theater inszeniert. Alles, was geschieht, wird allein durch den Dialog erzählt. An das Sprechen der Schauspieler stellt das hohe Anforderungen. Kein Fehler, keine vergessene Zeile, keine Falschbetonung kann durch eine Bühnenhandlung überdeckt werden. Und natürlich sind die Erwartungen an den Bühnentext ent­sprechend gross. Mehr als nur Handlung «Für die Nacht» umfasst zeitlich die Stunden, während derer ein alter Mann (Jaap Achterberg) ins Bett geht. Mit ihm auf der Bühne sind nur drei weitere Personen: Sein Sohn (Lukas Waldvogel), seine Pflegerin Wally (Ursula Reiter) und ein Penner (Ingo Ospelt). Alle vier Figuren sind traurige Existenzen. Der Alte stirbt bald; sein Sohn ist vereinsamt und suizid­gefährdet; die Pflegerin ist von ihrem Freund verlassen worden. Der Penner ein Penner. Die Handlung, die sich aus den Textteilen herausschält, ist einfach. Der Alte lädt die drei anderen zum Abendessen ein, Penner eingeschlossen. Er lädt zum «Znacht» ein, wie man auf Schweizerdeutsch sagt, also für die Nacht, womit sich der Titel teilweise erklärt. Sohn und Pflegerin bleiben natürlich nicht freiwillig beim Alten. Dieser wendet einen fiesen Trick an ... Die Handlung spielt allerdings nicht unbedingt die Hauptrolle im Stück. Sie scheint dazu gemacht, Konflikte zwischen den Figuren herzustellen, in denen so manches zur Sprache kommt. Oder eben nicht zur Sprache kommt. Natürlich rückt im ­Gespräch mit dem alten Mann das Sterben in den Vordergrund. Er scheint sich damit abgefunden zu haben, so in der Art von «Wenn ich einmal tot bin, muss ich wenigstens nicht mehr sterben». Dieser Satz steht für viele. Immer wieder schimmert Sarkasmus im Dialog durch, ebenso wie staubtrockener Humor. Das Licht im Dunkel Das Dasein scheint also eine trüb­selige Angelegenheit. Am glücklichsten ist noch der Alte, der das Leben hinter sich hat. Der Sohn hat alles versucht, alle Therapien und Meditationen und Kuren, und schafft es doch nicht. Es wird nicht ausgesprochen, was er nicht schafft. Offenbar kann er einfach nicht leben. Leben allein scheint schon eine Kunst zu sein. Ebenso wenig eine Antwort kriegt man von der Pflegerin. Ihr Freund hat sie verlassen, weil er …, weil sie …, hat er gesagt …, aber trotzdem. Aus denselben Gründen hat der Penner einst seinen Job verloren und ist auf die schiefe Bahn geraten. Es gibt in der Geschichte der Figuren keine Entwicklung, keine Entscheidungen und Beweggründe. Das schliesst die Möglichkeit aus, etwas zu korrigieren. Das Unglück ist einfach da. Darum. Und nicht zu ändern. Doch auf diesem Punkt bleibt das Stück nicht stehen. Dazu ist es zu vielschichtig. Irgendwie schleicht sich doch ein bisschen Glück ein. Da gibt es Erdbeeren, eine Tasse Kaffee für 80 Cents an der Tankstelle, Gin & Tonic. Der Sohn nimmt die Pflegerin in die Arme. «Für die Nacht» gibt keine Antworten darauf, was Glück ist, was Leben ausmacht. Doch aus der schweren Trübsal spriesst ein klein wenig Opti­mismus. So gesehen ist das Stück tatsächlich eine Gute-Nacht-­Geschichte. Die Inszenierung (Udo van ­Ooyen) im Kellertheater bringt dies alles zum Leuchten. Die Sprecher verleihen dem Dialog Ausdruck, Rhythmus und Farbe. Auch ohne körperliches Spiel wird die Handlung des Stücks vor den Augen lebendig. Zuweilen wird Text zum klassischen Sprechgesang. Man geniesst ­zwischendurch einfach Klänge, ohne auf die Bedeutung der Silben zu achten. Eine durchdachte Beleuchtung unterstützt die Wechsel im Dialog. «Für die Nacht» ist ein melancholisches Stück, aber ein erfreuendes ­Theatererlebnis. Christian Felix «Für die Nacht»: Kellertheater Winterthur, Marktgasse 53. Vorstellungen bis 1. Februar.

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