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was stadtfüchse im sommer treiben Unstete Topografie

«Händ Sii das gmacht?», fragt der Passant. Und ist sichtlich irritiert über die Kunst auf dem Sulzer-Areal.

Es gibt viele Gründe, am Katharina-Sulzer-Platz vorbeizugehen: für einen Kaffee im Portier, für ein Stöbern im Vintagemöbel-Shop «Blinker 18» oder ein Badmintonspiel in der Shuttlezone. Wortwörtlich übergangen wird dabei der Kunstkasten. Seit er wegen Bauarbeiten umplatziert wurde, ist er nämlich etwas einsam. Er steht nicht mehr vorne an der Strasse, sondern hinter der hochgeschossenen Baumarmee auf der grossen Plattform, die aussieht, als wäre sie eine viel zu grosse Bühne. Wie aus einer fremden Welt entrissen und auf dieses Podest gesetzt, hockt der Kunstkasten da und macht einen verwahrlosten Eindruck. Ich entschied mich deshalb, ihm etwas Aufmerksamkeit zu schenken, und habe ihn während der letzten Woche einige Male besucht. «Der Kunstkasten ist rund um die Uhr einsehbar», steht da schliesslich.

Eine Art Zweisamkeit

Während der Morgenstunden ist der Kubus in Sonne getaucht, abends wird er durch Lampen erleuchtet. Am Vormittag sonnen sich einige Leute auf der Plattform, am Feierabend hetzen andere ins Parkhaus, doch wenige bleiben stehen. «Händ Sii das gmacht?», fragt ein Passant, der wie die meisten sichtlich irritiert ist durch unsere Zweisamkeit. Ich will Ja sagen, aber Gedanken an Urheberrechtsverletzungen und seine Folgen à la Guttenberg halten mich davon ab. Die Ausstellung heisst «Unstete Topographien» und ist von Sandra Kühne. Wasserrohre, die von Plastik und Metall ummantelt sind, füllen den dreidimensionalen Raum aus. Sonst leben sie ja eher zweidimensional an einer kalten, harten Wand. Jetzt können die drei schwarzen Rohre auf einem weissen Grund ausbrechen und sich wild durch den Raum schlängeln. Sie bilden auf den ersten Blick ein undefinierbares Gewirr. Unruhig, fast bedrohend scheinen die Stränge aus dem Kasten herauswachsen zu wollen und schlagen mit einer unheimlichen, dunklen Kraft nach allen Seiten aus. Je länger man auf die unheimliche Kon- struktion blickt, desto mehr ist zu sehen. Das Aufregende am Kunstkasten ist ja, dass man von drei Seiten hineinschauen kann – drei Perspektiven, drei Interpretationen. Auf der Seite, die nach Tössfeld gerichtet ist, bilden die Stränge eine Szene: Ein traditioneller finnischer Eis- und Schneeroller und ein Finne, der hinten auf den Kufen steht. Er hat Rücklage, vielleicht liegt es an der eisigen Kälte, die ihm im Suomi-Land entgegenpeitscht.

Ein Bestiarium

Wirklich unheimlich wird es bei der Betrachtung der Längsachse des Kunstkastens: Schwarz, mit sechs Beinen und den langen Fühlern hockt er da. Er versetzt die Stadt gegenwärtig in Angst und Schrecken, alle jagen ihn, den Vernichter: der Asiatische Laubholzbockkäfer. Der Kunstkasten ist auf einmal ein Terrarium, in dem die Bestie eingefangen ist. Er versucht auszubrechen und die Baumarmee hinter sich zu durchlöchern. Wie am Pranger im Mittelalter steht der Übeltäter ausgestellt auf dem Katharina-Sulzer-Platz. Bis am Montag ist er noch da – vorbeischauen lohnt sich.

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