Ausstellung

Was wir sehen, wenn wir nichts sehen

Die fotografischen Arbeiten von Sophie Calle funktionieren wie Gedichte. Bild und Text spielen zusammen und bringen die Vorstellungskraft in Gang. Mit der Ausstellung «Sophie Calle – Un certain regard» gelingt dem Fotomuseum ein Wurf.

«Ich zeige meine Arbeiten, aber nicht die Küche in der sie entstanden sind»: Sophie Calle vor ihrem Werk «Parce que» im Fotomuseum.

«Ich zeige meine Arbeiten, aber nicht die Küche in der sie entstanden sind»: Sophie Calle vor ihrem Werk «Parce que» im Fotomuseum. Bild: Johanna Bossart

Fünf Bildserien aus vierzig Jahren zeigt die französische Konzeptkünstlerin, Fotografin und Schriftstellerin Sophie Calle im Fotomuseum. Darin geht es um das Abwesende und um das Verhältnis von Bild, Schrift und Vorstellung. Kuratiert hat diese überaus anregende Ausstellung Museumsdirektorin Nadine Wietlisbach.

In einer Zeit der omnipräsenten Bilder, die scheinbar alles zeigen, stellt Sophie Calle das ins Zentrum, was auf Bildern nicht zu sehen ist. So stehen in der Serie «Que voyez-vous?» von 2013 die Museumsbesucher vor leeren Bilderrahmen – die Gemälde in einem Museum in Boston waren gestohlen worden; neben den Fotos hängen die Kommentare der Besucher und füllen so den Rahmen wieder.

Die Leere wird zur Quelle neuer Bedeutungen. Wie in allen Arbeiten von Sophie Calle fällt die präzise Inszenierung auf, da stimmt jedes Detail. Verwandt mit der kleinen Serie aus dem Museum sind die leeren Sockel und Flächen in Ostdeutschland, wo zur Zeit der DDR Statuen und Denkmäler standen («Detachment», 1996).

Arbeiten mit Blinden

Ein grosses Thema der Ausstellung, die sehr stimmig und in sich geschlossen wirkt, ist das Nicht-sehen-Können. Den miteinander korrespondierenden Serien «Les aveugles» von 1986 und «La dernière image» von 2010 sind die beiden grossen Räume gewidmet.

Die Arbeiten sind im Grunde Gedichte.

In der älteren Serie befragte die Künstlerin Blinde nach ihrer Vorstellung von Schönheit und setzte die Angaben fotografisch um – die Anordnung der Bilder in ihren Holzrahmen erinnert hier an Altäre –, in der jüngeren, nüchterner gehaltenen Serie wollte sie in Istanbul von Erblindeten wissen, welches visuelle Bild sie als letztes gesehen hatten.

Voller Überraschungen ist die 2018 entstandene, an einen Adventskalender erinnernde Serie «Parce que» im Kabinett: Über allen Fotos hängen schwere schwarze Tücher, auf denen in weisser Schrift Gründe angeben sind, weshalb die Aufnahmen gemacht wurden. Die eigene, vage Vorstellung von dem, was darunter zu sehen ist, wird vom Foto durchkreuzt, wenn man den Vorhang anhebt. Auch in dieser poetischen Arbeit geht es um die Flüchtigkeit unserer Eindrücke und Entscheidungen.

Diese Arbeiten sind im Grunde Gedichte. Es gehe ihr nicht darum, etwas zu erforschen, sagt denn auch Sophie Calle, sondern um Poesie. Das folgende Gespräch fand am Mittwoch beim Einrichten der Ausstellung im Fotomuseum statt.

Sophie Calle, in vielen Ihrer Arbeiten sind Sie selbst zu sehen, etwa weil Sie einen Privatdetektiv auf sich angesetzt haben, der Sie auf Schritt und Tritt beobachtet. In den fünf Serien, die jetzt im Fotomuseum hängen, ist das anders, Ihr Bild kommt darin nicht vor. Warum nicht? Es ist ja doch eine Art Retrospektive.
Sophie Calle: Nein, die Ausstellung ist weit davon entfernt, eine Retrospektive zu sein. Im Übrigen geht es in mehr als der Hälfte meiner Werke nicht um mich selbst. Ich mag es ausserdem, wenn sich die Ausstellungen voneinander unterscheiden, das mache ich zu meinem Vergnügen. Hier galt es nun, zwei Ausstellungen zu konzipieren, diese hier und die spätere in Thun, die sich voneinander unterscheiden sollten. Sie tragen korrespondierende Titel: Hier «Un certain regard», in Thun dann «Regard incertain». Dabei geht es immer um den Blick.

«Stephan Eicher ist ein sehr enger Freund von mir.»

Im Frühling 2010 hielten Sie sich in Istanbul auf und gingen für die Fotoserie «La dernière image» mit Erblindeten durch die Stadt. Diese sollten sich dabei an ihr letztes visuelles Bild erinnern. Könnten Sie beschreiben, was für eine Erfahrung das war?
Nein, in dieser Erfahrung steckt nichts Besonderes, es war eine Arbeit, die ich dort machte. Man musste die Leute suchen, es mussten ästhetische Entscheidungen getroffen werden und so weiter. Meine persönliche Erfahrung beschreibe ich nicht. Ich zeige meine Arbeiten, aber nicht die Küche, in der sie entstanden sind.

Wandeln sich Ihre Erinnerungen an Istanbul mit den Ausstellungen, die Sie machen?
Nein, ich glaube nicht. Diese Arbeit ist nun abgeschlossen. Es ist damit wie mit einem Gemälde, das irgendwann fertig ist. Ich mache Dinge für Ausstellungswände und nicht für meine eigenen Gefühle.

Stephan Eicher begleitete die Vernissage mit einem kurzen Konzert. Video: Helmut Dworschak

Sie haben damals den Chansonnier Stephan Eicher eingeladen, Sie zu begleiten.
Ja, wir sind Nachbarn in der Camargue in Südfrankreich. Er ist ein sehr enger Freund von mir. Wir wollten zuerst nur zum Vergnügen irgendwohin gehen. In Istanbul hatte ich zu Beginn anderes vor, die Idee mit den Erblindeten kam später. Ich kannte Istanbul nicht und wollte die Stadt mit den Augen von jemandem entdecken, der sie nicht sieht, dieses Paradox hat mich interessiert. Es hat aber nicht funktioniert. Denn alle Blinden, die mich in die Stadt mitnahmen, wollten mir bestimmte Dinge zeigen, oder sie wollten mir zeigen, dass sie sich zu helfen wussten: Dort ist eine Apotheke, da ein Supermarkt und so weiter. Es hatte darin keine Poesie. Sie zeigten mir nicht die Stadt, sie wollten mir beweisen, dass sie in der Stadt funktionierten, es war alles praktischer Natur. Ich lernte nicht Istanbul kennen, sondern die Gewohnheiten der Leute, wenn sie durch ihre Strassen gingen. Stephan wollte das zuerst mit Musik begleiten, aber eben, das Projekt hat nicht funktioniert, es war ziemlich öd. Da erinnerte ich mich an die Idee, die ich 1986 bei «Les aveugles» hatte. Damals waren es Leute, die von Geburt an blind waren. Nun hatte ich viele getroffen, die später erblindet waren. So änderte ich die Richtung und befragte sie nach dem letzten Bild, das sie in Erinnerung hatten.

«Es geht mir bei dieser Serie darum, den Zugang zu den Bildern zu verlangsamen. Wir sind die ganze Zeit von Bildern umgeben.»

Aufgrund der Angaben der Leute haben Sie dann Fotos gemacht. Kann man diesen Prozess mit dem der Übersetzung einer Sprache in eine andere vergleichen?
Nein, denn mir geht es mehr um eine poetische als um eine wissenschaftliche Sichtweise. Wenn also jemand sagt, das grenzenlose Meer ist das Schönste, dann kann ich irgendein Meer nehmen, Präzision ist dazu nicht erforderlich. Die Antworten der Leute sind ja auch nicht genau. Ausser wenn die Person zum Beispiel ein bestimmtes Gemälde nennt oder mir ein Foto gibt, was auch vorkam.

Die jüngste Arbeit «Parce que» erinnert mich an unsere Suche nach Erklärungen, den Drang zu wissen, wer was warum gesagt oder getan hat. Ich kann mir vorstellen, dass man Ihnen auch solche Fragen stellt.
Nein, für mich ist es nicht das. Ich gebe nur an, was mir durch den Kopf ging, als ich das Bild sah. Im Allgemeinen beziehen sich die Fragen, die man mir stellt, auf die Spielregel eines Projekts. In der Serie «Parce que» geht es jedoch um die einzelnen Bilder. Ich entscheide zum Beispiel, dass mir dieser Stuhl dort gefällt, vielleicht weil er mich an den Stuhl meiner Grossmutter erinnert. Es geht um solche individuellen Verbindungen.

Diese Serie ist auch ein Spiel, könnte man sagen. Einmal geben Sie zum Beispiel 14 ganz verschiedene «Gründe» an.
Es geht mir bei dieser Serie darum, den Zugang zu den Bildern zu verlangsamen. Wir sind die ganze Zeit von Bildern umgeben. Ausserdem bin ich gewohnt, mit Spielregeln zu arbeiten. Ich gehe zum Beispiel auf die Strasse und fotografiere Blinde. Das ist so eine Spielregel. Wenn ich dann, wie es alle machen, einfach fotografiere, was ich gerade sehe, etwa einen hübschen Blumenstrauss, dann weiss ich nicht, was ich damit machen soll. Solche Fotos sind verloren, weil sie nicht zu einer Spielregel zurückkehren. Diese Fotos waren also ein wenig wie Waisenkinder. In diesem Fall habe ich die Spielregel nachträglich erfunden, um ihnen einen Grund für ihr Existieren zu geben.

«Mein Berater war fast mein ganzes Leben lang, von meinen Anfängen bis zu seinem Tod vor drei, vier Jahren, mein Vater»

Im Verhältnis von Text und Bild, die sich nicht immer entsprechen, steckt auch Humor.
Ich hoffe es.

Was ist Ihr nächstes Projekt?
Das weiss ich noch nicht. Dieses Jahr mache ich viele Ausstellungen. Ein neues Projekt mache ich alle zwei Jahre, nicht öfter. Ich habe kein Atelier und arbeite bei meinen Projekten allein, ohne Assistenten, die habe ich nur bei den Ausstellungen.

Es gibt Künstler, die vorgängig nicht über ihre Arbeiten sprechen. Wie ist das bei Ihnen?
Ich spreche oft mit Freunden über meine Ideen. Mein Berater war fast mein ganzes Leben lang, von meinen Anfängen bis zu seinem Tod vor drei, vier Jahren, mein Vater, der Kunst gesammelt hat. Mit ihm habe ich alle meine Projekte besprochen.

Sophie Calle: Un certain regard. Fotomuseum Winterthur, bis 25.8. – Regard incertain. Kunstmuseum Thun, 1.9. bis 1.12.

Erstellt: 07.06.2019, 15:29 Uhr

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