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Wenn aus dem Holz eisige Haare wachsen

Während des Winters kann man in den Wäldern der Region ein bizarres Naturphänomen beobachten – das sogenannte Haareis. Am Eis in Mähnenform ist auch ein heimlicher Helfer beteiligt.

Wer dieser Tage frühmorgens in den Wäldern der Region unterwegs ist, zum Beispiel rund um Kyburg, sieht mit etwas Glück abgestorbene Äste, aus denen eisige Bärte wachsen. Haareis wurde zwar schon 1918 von Alfred Wegener, dem Vater der Kontinentalverschiebungstheorie, beschrieben. Doch wie es zu dieser filigranen Eisbildung auf morschem Laubholz kommt, ist noch immer ein biophysikalisches Rätsel. Ähnliche Phänomene sind Bandeis an Pflanzenstängeln und Kammeis am Boden. Bekannt sind auch Raureif und Schneekristalle, die aus Wasserdampf in der Atmosphäre entstehen. Haareis entsteht an abgestorbenen Ästen und Stämmchen, am Waldboden und auch an noch stehendem Holz. Die Eishaare – etwa 0,02 Millimeter dick wie feines Menschenhaar und oft über 100 Millimeter lang – wachsen quer zur Astachse an rindenfreien Stellen. Solange genügend Wasser aus dem Holz austritt, bilden sich die Eishaare mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit von 5 bis 10 Millimetern pro Stunde. Dabei muss sich die Lufttemperatur leicht unter dem Gefrierpunkt befinden, wenn das Wasser im Holz noch flüssig ist, damit das austretende Wasser an der geringfügig kälteren Umgebungsluft gefrieren kann. Das Besondere an dieser Eisform: Sie wächst nicht wie ein Eiszapfen an den Enden weiter, sondern wie eben Haare von ihrem Ursprung, von ihren Wurzeln her. Christian Mätzler, emeritierter Professor am In­sti­tut für Angewandte Physik der Uni Bern, der sich schon seit über zehn Jahren mit diesem Phänomen befasst, fand mehr dar­über heraus. «Haareis wächst nämlich nur auf morschen Hölzern von Buchen und Eichen, nicht aber auf Nadelholz», sagt der Atmosphärenphysiker. «Das morsche Laubholz muss dabei von einem ganz bestimmten Pilz durchwuchert sein.» In einer kürzlich publizierten Arbeit konnten Mätzler und sein Forschungsteam sogar die Pilzart bestimmen: Es handelt sich dabei um die Rosagetönte Gallertkruste, einen Nichtblätterpilz, der zu den Gallertpilzverwandten gehört. Wird der Pilz durch ein Fungizid abgetötet, bilden sich keine Eishaare mehr. Interessierte Glacehersteller? Die genauen chemischen und physikalischen Prozesse, welche die Eishaare entstehen lassen, bleiben ein Rätsel. Ebenso war­um es in den letzten Jahren offenbar mehr Entdeckungen gab als früher. «Vielleicht haben sich wegen des Klimawandels die Bedingungen für das Haareis positiv entwickelt», spekuliert Mätzler. Möglich ist auch, dass die Leute einfach vermehrt dar­auf achten. Der Physiker glaubt trotz des wachsenden Interesses nicht, dass die Forschung rund ums Haareis bald ganz oben auf der Prioritätenliste der Wissenschaft stehen werde. Es sei ein zwar wunderschönes, im Grunde jedoch «relativ unbedeutendes Phänomen». Eine Branche könnte allerdings an der Haareisforschung interessiert sein, wie Mätzler schmunzelnd sagt: «Ich kann mir vorstellen, dass etwa die Glacehersteller daraus künftig neue Methoden entwickeln könnten, ihr Speiseeis fantasievoller anzubieten.»

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