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Wenn das Essen zur Qual wird

Über 90 Prozent der von Essstörungen Betroffenen sind Frauen. Im Schnitt leidet jede 15. Frau in der Schweiz mindestens einmal in ihrem Leben an einer Essstörung. Dabei gibt es keine Altersgrenze.

Unzählige Therapien, kurzfristige Erfolge, eine erneute Gewichtsabnahme, verbunden mit Enttäuschungen, Krisen und Depressionen: Frauen mit massivem Untergewicht haben meist einen langen Leidensweg hinter sich. Das kennt auch Barbara S. Die 50-Jährige geht seit Jahren von Arzt zu Arzt, von Klinik zu Klinik und ist unterdessen so stark abgemagert und untergewichtig, dass man ihr eine stationäre Therapie, kombiniert mit künstlicher Ernährung, vorgeschlagen hat. Oder Andrea M. (Namen von der Redaktion geändert): Sie ist knapp 40, war früher magersüchtig und hat mit den Schwangerschaften stark zugenommen. Jetzt kämpft sie wieder gegen die Magersucht an und befindet sich in Therapie. Wo aber hört das gestörte Essverhalten auf, und wo beginnt die eigentliche Essstörung? «Der Übergang ist meist fliessend», sagt der Facharzt Thomas Heinsius*. «Wenn bestimmte Mechanismen wie Hunger und Sättigung nicht mehr funktionieren und eine übermässige Beschäftigung mit Nahrung und dem eigenen Körper dazu führt, dass das emotionale, soziale und körperliche Gleichgewicht nicht mehr stimmt, spricht man von einem krankhaften Verhalten.» Laut Studien betrifft der grösste Anteil von klinischen Essstörungen die Restkategorie «Sonstige Essstörungen», ist also keiner der drei Standardkategorien Anorexie, Bulimie und Binge Eating zuzuordnen. Bei Letzterem treten wiederholte Episoden von unkon­trol­lier­tem Essen auf. Allen Essstörungen gemeinsam ist, dass es zu gravierenden Einschränkungen im sozialen, beruflichen und privaten Bereich kommt. Trifft schon kleine Mädchen «Um Essstörungen zu verstehen und sie zu therapieren, müssen die Lebensgeschichte der betroffenen Frauen und die soziokulturellen Rahmenbedingungen mit einbezogen werden», betont Heinsius. Essstörungen bilden gesellschaftliche Ideale und Normen ab und konterkarieren sie gleichzeitig. Dabei sind Ernährung und Nahrung nach wie vor meist Frauensache: Sie sollen ihre Familie mit guter Nahrung versorgen, selbst aber einem Schönheitsideal entsprechen, das dem Körperbau der Mehrzahl der Frauen widerspricht. «Dabei wird der Eindruck vermittelt, dass jeder Körper mit Disziplin zum gängigen Ideal geformt werden kann», so Heinsius. Da insbesondere in den Medien suggeriert werde, dass dünn sein gleich erfolgreich, schön und begehrenswert ist, erstaune es nicht, dass schon kleine Mädchen denken: «Wenn ich nur dünn genug bin, werde ich glücklich sein.» Neben diesen allgemeinen gesellschaftlichen Faktoren sind die Einstellungen der Familie und der Peergroup zu Essen, Fasten und Schönheit für den Umgang mit Nahrungsmitteln wichtig. Die heutige Müttergeneration sei bereits mit der Idee «Schlank gleich schön» gross geworden und vielfach mit ihrem Körper unzufrieden, sagt Heinsius. «Kein Wunder, sind Themen wie Diäten, Körperform und Fitness dann oft Gesprächsinhalt.» Die ständige Beschäftigung mit «gesunden» Nahrungsmitteln und andere Diäterfahrungen begünstige nachweislich die Entstehung von Essstörungen: Die Waage wird zur Messlatte von Glück und Zufriedenheit. Die Patientinnen haben starke Schuldgefühle, wenn sie ihre selbst vorgegebenen Essensregeln nicht einhalten. Sie verlieren gleichzeitig zunehmend das Gefühl für Hunger und Sättigung und können nicht mehr zwischen körperlichem Hunger und seelischen Bedürfnissen unterscheiden. «Auch wenn ich mir der Problematik bewusst bin, konnte ich mein Essverhalten bis jetzt nicht ändern», sagt Barbara S. Es braucht eigene Motivation Essstörungen können ineinander übergehen. Häufig beobachten Ärzte Mischformen. Bei Bulimie sind Alkohol-, Medikamenten- und Drogenkonsum oft Begleiterscheinungen, ebenso selbstverletzendes, risikoreiches Verhalten. «Eine alleinige Reduktion der Sym­pto­me der Essstörung wäre deshalb zu kurz gegriffen, da bei der Behandlung der Störungsbilder häufig andere Süchte oder zusätzlich Angst- und Zwangssymptome bestehen», erläutert Thomas Heinsius. Eine Essstörung könne ein vorübergehendes Anzeichen einer Krise sein und sich nach einiger Zeit von selbst geben. «Wenn sie länger anhält oder die Gewichtsreduktion in kurzer Zeit drastisch ist, besteht aber dringender Handlungsbedarf.» Die Erfahrungen zeigen, dass Essstörungen langfristig am besten mittels psychotherapeutischer Behandlung, in einigen Fällen mit medikamentöser Unterstützung durch Psychopharmaka therapiert werden können. Dazu braucht es allerdings die Motivation der betroffenen Patientinnen. «Nur den Angehörigen zuliebe in Therapie zu gehen, bringt nichts», weiss Andrea M. unterdessen. In einer Psychotherapie wird in einem geplanten Behandlungsprozess das problematische Essverhalten beeinflusst und die dahintersteckenden Gründe erforscht. Durch Erzählen, Erinnern, Verhaltensanalysen und Körperübungen kann eine grundlegende Änderung des Krankheitsbildes erfolgen. Essverhalten unter der Lupe Im Rahmen der Therapie wird auch ein neuer Zugang zu Nahrung und Essverhalten erarbeitet, mit dem Ziel, ein neues Verhältnis zum eigenen Körper und zur eigenen Person zu finden. Die Essstörung wird dabei als Warnsignal betrachtet. Denn so quälend die Beschäftigung mit dem Essen für die Patientinnen auch ist, kann sie tiefer liegende Probleme überdecken. Essstörungen weisen zwar häufig Suchtcharakter auf. Im Unterschied zu typischen Suchterkrankungen kann aber auf das Essen nicht verzichtet werden. Besonders wichtig bei der Behandlung ist die Kooperation von Ärzten und Psychotherapeuten, da die körperliche Komponente der Krankheit eine nicht zu unterschätzende Dynamik hat. So müssen zum Beispiel regelmässig Blut-, Herz- und Kreislaufkontrollen bei abgemagerten Patientinnen erfolgen. Tückisch sind oft lange Zeit unauffällige Blutwerte und körperliche Begleiterscheinungen wie ein entgleister Kaliumhaushalt, Herz- und Nierenprobleme und Osteopenie, eine Minderung der Knochendichte. Ist die Krankheit schon weit fortgeschritten, empfiehlt sich eine längere stationäre Behandlung mit anschliessender ambulanter Psychotherapie. Zu unterscheiden sind stationäre somatische Behandlungen, bei denen oft das Erreichen eines bestimmten, nicht mehr lebensbedrohlichen Gewichts im Vordergrund steht. In diesem Rahmen kann es auch zu Sondenernährung kommen. Auf der anderen Seite stehen stationäre psychotherapeutische Programme, die nachhaltige Veränderungen im psychischen Funktionieren und Ernährungsverhalten anstreben. * Dr. med. Thomas Heinsius ist Leitender Arzt bei der Integrierten Psychiatrie Winterthur-Zürcher Unterland (IPW).

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