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Wenn das Podium zur Bühne wird

Beethoven kommt im Musikkollegium nicht zu kurz: Nach den zyklischen Aufführungen seiner Werkkomplexe war nun das «Schmerzenskind» an der Reihe. Zu erleben war eine äusserst intensive Aufführung der Oper «Fidelio».

Mit der Aufführung aller neun Sinfonien in gedrängter Folge schwor Douglas Boyd Orchester und Publikum in der Saison 2011/12 auf den «Revolutionär Beethoven» ein. Das Revolutionäre fand Boyd, das war unverkennbar, in einer resoluten Klangarbeit, die das energetische Moment ins Zen­trum stellt und es im konsequenten Herausarbeiten musikalischer Verläufe und rhythmischer Schlagkraft findet. Diesem im Lyrischen wie im Dramatischen hochexpressiven Beethoven begegnete man jetzt – zum Abschluss der Saison und als Höhepunkt (falls nicht auch die «Missa Solemnis» noch anvisiert wird) der Beschäftigung mit Beethoven – auch in der Aufführung des «Fidelio», die als «konzertant» angekündigt war, aber zum Bühnenereignis wurde. Gut, als der Kerkermeister Rocco in der Schlüsselszene der Oper mit einem geschulterten Pickel das Konzertpodium im Stadthaus betrat, war das ein Grenzfall. Man konnte sich da natürlich auch wundern – vor allem über sich selber: Weder die absurde Konstellation der Werkzeuge im Konzertsaal noch der ungelenke Text («Nur hurtig fort und frisch gegraben»), noch das in den Dia­logen fremdsprachlich bunte Deutsch der Prot­ago­nis­ten taten dem Ernst der grossartigen Szene Abbruch: Da geht es um Mord, Mut und Menschlichkeit in einer musikalischen Engführung von explosiver Kraft: Duett, Terzett, Quartett – ein unvergessliches Ereignis dieser «konzertszenischen» Aufführung war es. Gänsehaut-Töne Mit «Töt’ erst sein Weib!» auf dem hohen b des Soprans kulminiert die Szene: Einen starken, einen genau intonierten und platzierten, einen leuchtenden Gänsehaut-Ton platzierte Rebecca von Lipinski da. Und nicht nur hier kam die Darstellerin der Leonore einer idealen Verkörperung dieser Partie nahe, grossartig die Arie, mit Ausdruck innerer Kraft und pathetischem Aufschwung und sehr schön die unforcierte Präsenz der schlanken Glanzstimme in den En­sem­bles. Die Engländerin ist En­sem­blemitglied der Oper Stuttgart, hier aber zu Gast mit dem En­sem­ble der Garsington Opera, dem sie ebenfalls angehört. Die Garsington Opera in Wormsley ist ein privates sommerliches Opernfestival in der Nähe von London. Künstlerischer Leiter ist seit 2012 Douglas Boyd. Mit der Aufführung des «Fidelio» konnte er sich nun, wie er nach der Aufführung gestand, den Wunsch erfüllen, seine beiden wichtigsten «Instrumente» gemeinsam spielen zu lassen: eben das Musikkollegium und das En­sem­ble der Garsington Opera. Ein Glück für Winterthur war Boyds Idee auch deshalb, weil dieses Team bestens eingespielt ist – Premiere des «Fidelio» im Pavillon der Garsington Opera war am 6. Juni. Dass die starke darstellerische Präsenz auf dem Podium nicht nur improvisiert, sondern auch erprobt war, spürte man: köstlich das Streitpaar Jaquino (Sam Furness) und Marzelline (Jennifer France), der kernig-reelle Rocco (Stephen Richardson), der verstockt-giftige Pizarro (Darren Jeffery). Singen in Ketten Den schwierigsten Einstieg ins Stück hatte Peter Wedd als Florstan zu meistern, der erst im zweiten Akt und dann gleich mit seiner herausfordernden Arie antritt. Die Arme in Ketten und berührend auch im gepressten Ton, gestaltete er die Arie, befreiter dann das Weitere bis zur «namenlosen Freude». Den gütigen Minister, den das Stück zum Jubelfinale herbestellt, verkörperte Boris Petronje mit überzeugender Wärme. Er übrigens gehört nicht zum En­sem­ble aus England, sondern ist eine von der Oper Luzern und St. Moriz her vertraute Erscheinung, und eine hiesige Mannschaft, die Zürcher Sing-Akademie, stand hinter dem Orchester für den berühmten Gefangenenchor und die weiteren, im Finale um die Frauenstimmen ergänzten Nummern – ein magistraler Auftritt für Beethoven auch von dieser Seite: der Freiheitsruf kollektiv und, besonders ergreifend, in der Verlustform des Leidens an der Unfreiheit und der Sehnsucht nach dem Licht. Herbert Büttiker

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