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Wenn der Chef 50-mal mehr verdient

Bei Sulzer erhält der Chef 50-mal mehr Lohn als der Angestellte mit dem niedrigsten Gehalt. Bei Rieter beträgt das Verhältnis 1:30. Kommentieren will das bei den Firmen niemand. Nur bei der Stadt spricht man gern über die Löhne.

Der Bestverdiener in einem Unternehmen soll höchstens 12-mal so viel verdienen wie der Mitarbeiter mit dem tiefsten Lohn. Dies verlangt die 1:12-In­itia­ti­ve der Jungsozialisten, die im vergangenen Jahr eingereicht wurde. Wie gross sind die Lohnspannen in der Winterthurer Wirtschaft, die immer noch von Industriefirmen geprägt wird? Sind grosse Lohnscheren hier überhaupt ein Thema, oder würde die In­itia­ti­ve nur die Zürcher Banken und die Basler Pharmaunternehmen tangieren? Eine Zusammenstellung der verfügbaren Daten zeigt, dass sich die Lohnschere in der Stadt mancherorts weit geöffnet hat (siehe Tabelle unten links). Sulzer und Rieter liegen weit über dem Verhältnis von 1:12, während sich andere Industriefirmen knapp im von der In­itia­ti­ve gesteckten Rahmen befinden. Bei der Swica liegt das Verhältnis etwa bei 1:8. Löhne sind ein heikles Thema. Von den meisten Firmen sind hierzu nur dort Angaben erhältlich, wo sie gesetzlich vorgeschrieben sind. Börsenkotierte Unternehmen müssen seit einiger Zeit die höchsten Lohnbezüge in ihren Geschäftsberichten ausweisen. Bei börsenkotierten Firmen mit Sitz im Ausland bleiben die höchsten Lohnbezüge in der Schweiz – und nur diese könnten von der In­itia­ti­ve betroffen sein – im Dunkeln. Eine freiwillige Angabe zum höchsten in der Schweiz bezahlten Lohn macht unter den mitarbeiterstärksten Winterthurer Firmen nur die Swica. Auch über die Tiefstlöhne redet man bei den Unternehmen nicht gerne. Nur Volg weist die niedrigsten Saläre freiwillig aus, in manchen Fällen liegt ein Gesamtarbeitsvertrag mit Mindestlöhnen vor. «Der Vergleich hinkt schnell» Auch eine Stellungnahme zur Lohnspanne mag man bei vielen Firmen nicht abgeben. Meist heisst es dazu: Kein Kommentar. Etwas verwunderlich ist die Zurückhaltung im Fall der Gross­firmen Sulzer und Rieter, die sich wegen ihrer Lohnpolitik mit breiter Kritik aus dem Aktionariat konfrontiert sehen. Bei der Abstimmung über den Ver­gütungs­bericht an der letzten Generalversammlung waren bei Sulzer über 50 Prozent der nicht vom Grossaktionär kon­trol­lier­ten Stimmen negativ, bei Rieter waren es, ohne die beiden Grossaktionäre gerechnet, 40 Prozent. Sulzer schreibt: «Wir überprüfen und benchmarken jährlich unsere Löhne und zahlen marktgerechte Löhne.» Tabellarische Auflistungen und Vergleiche mit anderen Firmen seien immer problematisch, da nicht klar sei, welches Gehalt als Tiefstlohn gelte. «Der Vergleich hinkt dann schnell.» Die Sprecherin von Rieter will zur Lohnschere in der Firma keine Stellung nehmen. Den Tiefstlohn gibt sie nicht an, da «die Vergleichbarkeit der Saläre in der ganzen Schweiz aufgrund von historisch bedingten deutlichen Unterschieden bei den Anstellungsbedingungen der Standorte und Organisationseinheiten nur bedingt gegeben» sei. Auch die Axa, der grösste private Arbeitgeber der Stadt, will die Lohnschere im Unternehmen nicht kommentieren. Man orientiere sich bei den Gehältern an Marktfaktoren und zum Teil, etwa bei den Lehrabsolventen, an den Empfehlungen des Kaufmännischen Verbandes, heisst es nur. Fast konform mit Platon Burckhardt Compression lässt ausrichten, man bezahle einen «branchenüblichen Tiefstlohn», wobei beachtenswert sei, dass alle Mitarbeiter am Firmenerfolg beteiligt würden. Die Firma habe ein «konsistentes, nachvollzieh­bares Salärsystem» und vergleiche die Löhne regelmässig mit denen anderer Industriefirmen. Volg schliesslich teilt mit, dass die Lohnstruktur der Firma von der In­itia­ti­ve nicht betroffen wäre, die Lohnschere das Verhältnis von 1:12 also nicht überschreitet. Transparenz über die Höchst- und Tiefstlöhne herrscht bei der öffentlichen Hand (siehe Tabelle). Bei der Stadt Winterthur beträgt die Lohnspanne 1:5,5. Die Regierung findet, dass die städtische Lohnpolitik «ein gutes Vorbild für die Privatwirtschaft sein könnte». In der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage hielt der Stadtrat vor zwei Jahren fest, dass das Lohnsystem die Anforderungen des altgriechischen Philosophen Platon erfülle, zumindest fast. In seinem Buch über den Staat habe dieser geschrieben, dass sich soziale Unruhen einstellen würden, wenn das Verhältnis beim Verdienst grösser als 1:4 sei.

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