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Wenn der Funke nicht ganz springt

Der Seat Leon Cupra hat im Feld der Kompakten mit einer Überdosis PS den Status eines Medienlieblings. Mit 280 PS ist er der stärkste Fronttriebler im VW-Konzern und distanziert den Golf GTI – ein Grund zu schwärmen?

Um es vorwegzunehmen: So richtig warm werden wir nicht mit dem neuen Seat Leon Cupra, auch wenn es dafür fast keine objektiven Gründe gibt. Vielleicht liegt es am Anti-Mainstream-Reflex. So viel Lob wurde in so vielen Sprachklischees über dem «feurigen Spanier» ausgekippt, dass es immer schwerer fällt, auch noch ins Hohelied einzustimmen. Gut, der seit diesem Frühjahr mit drei oder fünf Türen liefer­bare sportlichste Seat überhaupt sieht schon ganz flott aus. Wie im VW-Konzern üblich wurde beim Zierrat nicht übertrieben. Etwas grössere Lufteinlässe, etwas betontere Radhäuser, dazu 18- oder 19-Zoll-Felgen und ein angedeuteter Diffusor – das ist ein dezentes Sportstyling, was wohl auch daher rührt, dass sich der Kompaktwagen schon in den Basisversionen hübsch zurechtgemacht in den Wind stellt. Den Leon Cupra gibt es in zwei Leistungsvarianten, mit 265 oder 280 PS, wobei im zweiten Fall demselben Zwei-Liter-Vierzylinder via Chiptuning 15 Extra-PS entlockt werden. Dazu kommen die beiden Karosserievarianten mit minimal variierenden Abmessungen: Der Dreitürer ist 4,23 Meter lang und hat einen Radstand von 2,59 Metern, der Fünftürer bringt je vier Zentimeter mehr mit. Letztlich hat der Kunde in der 280-PS-Variante die Wahl zwischen einer 6-Gang-Handschaltung und dem DSG. Der Einstiegspreis der also insgesamt sechs Konfigurationen variiert zwischen 37?950 und 43?450 Franken. Das ist vor allem mit Blick auf den Golf GTI ein kompetitiver Preis, der seinerseits mit lediglich 220 PS ab 40?450 Franken im Angebot steht. Die einhellige und nicht krumme Meinung in Fachkreisen: Der Cupra stiehlt dem GTI die Show und betreibt konzerninternen Kannibalismus. Ausstattungslinien gibt es für den Cupra nicht, aber ein sehr ­ordentliches Rüstzeug ab Werk. Dazu gehören eine Zwei-Zonen-Klimaanlage, ein Lenkrad und ein Schaltknauf in Leder, eine hübsche Alu-Pedalerie, sieben Airbags (inklusive Knie-Airbag), eine Stopp-Start-Automatik, eine Differenzialsperre an der Vorderachse, ein Media-System mit 5,8-Zoll-Farbdisplay, Scheinwerfer und Tagfahrleuchten in LED-Technik und sehr gut stützende Sitze. Beim stärkeren Cupra gibts als kleines Zückerchen ein Radio mit DAB+ und einen automatisch abblendenden Innenspiegel als Supplement. Dazukaufen muss man sich das Navi für 530 Franken. Wer will, kriegt für 1050 Franken ein Schiebedach, für 1650 Franken Sitze in schwarzem Leder. Unser Testwagen, ein Dreitürer in der 280er-Version, hat all dies und erst noch die zwischen Blau und Grau angesiedelte Spezial­lackierung namens Dynamic grey, die dem Cupra sehr gut steht und ihn aus der Farbeneinöde auf Schweizer Strassen heraushebt. Und ja, das müssen wir zugeben, er geht ganz flott, dieser stärkste Serien-Seat der Geschichte. 5,8 Sekunden bis Tempo 100, bei Tempo 250 wird elektronisch abgeregelt – das sind sportliche Werte. Auch hängt er im Cupra-Fahrmodus direkt am Gas, liegt hart auf der Strasse und hält sich dank dem Sperrdifferenzial, das mehr Drehmoment ans vordere äussere Rad leitet, ausgezeichnet in Kurven. Nur beim Herausbeschleunigen treten die 280 Pferde auch mal auf der Stelle und er­innern daran, war­um viele Hersteller, auch VW mit dem 20 PS kräftigeren Golf R, in diesen Leistungssphären auf Allradantriebe setzen. Die 350 Newtonmeter Drehmoment schlagen von 1750 bis 5600 Touren durchgängig an, man kann die Gänge also schön ausdrehen. Und der Vierzylinder begleitet das Ganze mit einem überraschend kernigen Sound, bei dem aber künstlich, via Sound-Aktor, nachgeholfen wurde. Für die langsamere Gangart empfiehlt sich der Komfort-Fahrmodus; das variable Fahrwerk lässt dann etwas lockerer, das Lenkrad dreht leichter ein, und das Gaspedal gönnt sich etwas Bedenkzeit. Ganz verbergen kann der Cupra seine sportlichen Ambitionen aber auch dann nicht. Geschmeidiges Gleiten und ruckelfreies Schalten zwischen den ersten drei Gängen sind nur mit chirurgischer Präzision möglich. Im Alltag wirkt er manchmal etwas übermotiviert, eine Eigenschaft, die er mit seinen direkten Konkurrenten teilt. Und auch den Verbrauch von laut Werk 6,6 Litern, in der Praxis aber auch bei gemässigter Gangart über 7 Litern muss man als segmenttypisch hinnehmen. Ist also das Konzept des Kompaktwagens, der sich zum Sportwagen aufplustert, der Grund, weshalb der Funke vom feurigen Spanier nicht recht überspringen will? Schon möglich. Sympathien verspielt sich der Cupra aber auch in der Bedienung. Zwar ist, wie im Volkswagenkonzern so üblich, ­alles sehr ergonomisch verteilt, geformt und auch auf Anhieb ­vertraut. Aber das Multimedia-System mit Navi kostet Nerven. Zu langsam setzt es das Tippen auf dem Touchscreen um, und das Errechnen der Fahrrouten zum Ziel in drei Varianten dauert dann auch mal eine halbe Minute. Fraglos ist: Wer sich für einen Seat Leon Cupra entscheidet, der kriegt viel Leistung, eine tadel­lose Ausstattung und ein hübsch gestaltetes Auto zu einem fairen Preis. Empfehlen lässt sich der Fünftürer, weil wie immer bei Dreitürern das Ein- und Aussteigen beim Parallelparken Mühe macht, ebenso der Einstieg nach hinten. Empfehlen lässt sich auch das DSG, das einem die Feinmotorikübungen mit dem Schaltstock abnimmt. Den Spaniern schliesslich ist zu empfehlen, ihr Navigationssystem auf Trab zu bringen, damit der Funke beim nächsten Mal vielleicht doch noch springt.

Seat Leon Cupra 280 + Sportliche Fahrleistungen + Stabile Kurvenlage + Komplette Ausstattung - Langsames Navigationssystem - Nervöses Alltagsverhalten - Leistungsgemässer Verbrauch

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