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Wenn die Bauchspeicheldrüse den Geist aufgibt

Die Zuckerkrankheit ist weltweit zu einer eigentlichen Epidemie geworden. Um Folgekrankheiten zu vermeiden, müssen Betroffene regelmässig ihren Blutzucker messen und den Spiegel möglichst konstant halten.

Schon einige Tage vor dem Jahreswechsel fühlte sich Giulia Lötscher nicht gut. Am 1. Januar 2012 hatte sie den ganzen Tag über grossen Durst. «Ich dachte, ich hätte am Silvester zu viel getrunken», erinnert sich die 22-Jährige. Doch ihr Vater kannte die Sym­pto­me. Selber seit über 45 Jahren an Diabetes erkrankt, mass er den Blutzucker der Tochter und erschrak: Er war so hoch, dass manche Menschen bereits im Koma gelegen hätten. Nach der Einlieferung in die Notfallstation verbrachte die Churerin, die heute in Winterthur studiert, eine Woche im Spital. Erst nach einigen Tagen sei ihr bewusst geworden, dass es sich nicht um ein vorübergehendes Problem handelt, sondern dass sie ihr weiteres Leben als Diabetikerin verbringen wird. Im Spital befasste sie sich mit der Krankheit und erhielt intensive Ernährungsberatung. Sie lernte, den Blutzucker zu messen, die benötigte Insulindosis zu berechnen und sich Spritzen zu setzen. «Das hat am Anfang ex- trem Überwindung gebraucht», blickt die junge Frau zurück. Vor Blut und Spritzen habe sie stets grossen Respekt gehabt. «Ich dachte, das schaffe ich nicht.» Unterdessen trägt die ZHAW-Studentin eine Insulinpumpe. Sie greift in den Ausschnitt und holt ein Gerät hervor, das etwas kleiner ist als ein Mobiltelefon. Darin sind die Ampullen fixiert. Ein feiner Schlauch führt zur Nadel, die im Bauchgewebe steckt und alle zwei Tage ausgewechselt wird. Das Gerät führt dem Körper automatisch eine Basisration Insulin zu. Dar­über hinaus verpasst sich Lötscher Dosen, die sie ihrem Ernährungs- und Bewegungsverhalten genau anpasst. Ist sie zu einem üppigen Essen eingeladen, gibt sie sich bereits vor dem Apéro etwas Insulin und später zum Hauptgang nochmals. Früher hat sie nur einmal gespritzt und dadurch grössere Blutzuckerschwankungen erlitten. Ein möglichst konstanter Spiegel ist wichtig, um Spätschäden zu vermeiden. «Viele junge Diabetiker messen zu selten», ist Lötscher aufgefallen. Sie selber nehme es sehr genau, weshalb sie von der aktuellen Kam­pa­gne www.mein-blutzucker.ch als Botschafterin eingesetzt wird. Auch ihr Vater habe immer sehr konsequent gelebt, erzählt sie. Auch heute noch sei er sehr gesund, obwohl er vor 45 Jahren noch mit viel einfacheren Methoden ar­bei­te­te. Die Journalismus- und Organisationskommunikations-Studentin lebt unter der Woche in einer eigenen Wohnung in Winterthur. Regelmässige Kontakte mit den Eltern und dem Freund stellen sicher, dass ein allfälliger komatöser Zustand nicht lange unentdeckt bliebe. Doch so weit kam es bisher noch nie. Am Anfang der Erkrankung stellte Lötscher nachts manchmal den Wecker, um den Blutzucker zu messen. Unterdessen hat sie Vertrauen gefasst, dass sie bei einer Unterzuckerung von selber aufwacht, weil der Körper in einen Angstzustand gerät und Adrenalin ausschüttet. Von ihrer Krankheit fühlt sich Giulia Lötscher nicht grundlegend eingeschränkt. Krank fühlt sie sich eigentlich sowieso nicht: «Ich esse viel gesünder als früher; es geht mir gut.» Sie könne Sport treiben, reisen, ausgehen, Alkohol trinken, ausschlafen – fast alles, was sie wolle. Doch: Es muss alles gut geplant sein. Damals, als der Diabetes praktisch über Nacht in ihr Leben trat, habe sie realisiert, dass alles sehr schnell ändern kann, erzählt die junge Frau. Dadurch habe sie das Leben neu schätzen gelernt. Sie sei heute fröh- licher als früher und lebe bewusster.

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