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Wenn die Vergangenheit immer wieder hoch kommt

Wer Schreckliches erlebt hat, wird manchmal ein Leben lang davon geplagt. Auf einer Spezialstation in der Klinik Schlosstal erhalten traumatisierte Menschen Hilfe.

Kriege, Folter, sexuelle Gewalt, Unfälle – kann man so schlimme Erlebnisse überhaupt verarbeiten?

Jochen Binder*: Erfreulicherweise ist der Mensch ziemlich robust. Viele entwickeln nach solchen Erfahrungen gar keine Störungen und brauchen auch keine Behandlung. Doch manchmal führen lebensbedrohliche Ereignisse zu sogenannten posttraumatischen Belastungsstörungen: Die Betroffenen haben Ängste, Albträume, schlafen schlecht, sind übererregt oder leiden unter Konzentrationsstörungen und Suizidgedanken. Aber auch andere psychische Erkrankungen, zum Beispiel Depressionen, können ein Trauma als Ursache haben.

Wie gross ist denn die Gefahr, durch ein Ereignis oder ein Erlebnis traumatisiert zu werden?

Die angegebenen Zahlen sind sehr unterschiedlich. Fest steht, dass Naturkatastrophen und Ereignisse, die eine ganze Gruppe von Menschen gemeinsam erlebt, allgemein besser verarbeitet werden. Es kommt dann zu einer gewissen Solidarität. Am häufigsten treten Traumatisierungen auf, wenn eine Person einer anderen gezielt psychischen oder körperlichen Schmerz zufügt.

Treten die Sym­pto­me sofort auf?

Das kann vorkommen. Es kann aber auch noch nach Jahrzehnten zu Störungen kommen. Manchmal ist es ein scheinbar unbedeutendes Ereignis, das die Erinnerungen wieder hochkommen lässt: Jemand muss etwa wegen eines gebrochenen Beines ein paar Wochen zu Hause bleiben. Jetzt hat er Zeit zum Nachdenken. Vielleicht löst der Schmerz Erinnerungen aus. Auch im Alter, wenn der Partner stirbt, können einen schlimme Erlebnisse einholen. Das passiert zurzeit nicht wenigen Menschen in Deutschland, die den Krieg erlebt und jahrzehntelang nicht dar­über gesprochen haben.

Was für Menschen behandeln Sie?

Die meisten unserer Patienten wurden im häuslichen Milieu traumatisiert. Sie haben bereits als Kleinkinder Gewalt oder sexuelle Übergriffe erlitten oder wurden vernachlässigt. Einige haben Verkehrs- oder Arbeitsunfälle erlebt, die sie nicht verarbeiten konnten, andere sind im Ausland in traumatisierende Ereignisse verwickelt worden, wie etwa das Attentat in Luxor.

Behandeln Sie auch Personen, die Erfahrungen wie Kriege und Folterungen verarbeiten müssen?

Ja. Ein Teil unserer Patienten hat einen Migrationshintergrund und erlebte etwa den Balkankrieg oder wurde in einem iranischen Gefängnis gefoltert. Wir haben die Möglichkeit, für die Psychotherapie Dolmetscher aller Sprachen beizuziehen. Für den Alltag in der Klinik müssen die Patienten aber dennoch etwas Deutsch sprechen. Aus Kostengründen und wegen des Milieus auf der Station können wir lediglich zwei Plätze für solche Patienten zur Verfügung stellen.

Wie können Sie diesen traumatisierten Menschen helfen?

Es gibt verschiedene psychotherapeutische Verfahren. Grundsätzlich geht es immer darum, einen Zugang zum traumatisierenden Erlebnis zu finden und dabei die Angst zu reduzieren. Viele Patienten leben mit dem Gefühl, dass das Schreckliche jederzeit wieder passieren könnte. Sie müssen erkennen, dass die Gefahr vorbei ist, und lernen, wieder im Hier und Jetzt zu leben. Zudem bieten wir Kunst-, Bewegungs- und Physiotherapie an. Unsere Therapeuten sind im Umgang mit Traumatisierten geschult. Sie wissen zum Beispiel, dass man einige dieser Patienten nicht berühren darf.

Wie wirksam ist die Behandlung?

Wir können das Erlebte nicht rückgängig machen. Doch bei den meisten Behandelten nehmen die beeinträchtigenden Sym­pto­me deutlich ab. Die Lebensqualität steigt.

Ist immer ein stationärer Aufenthalt in der Klinik nötig?

Die meisten Behandlungen erfolgen ambulant – obwohl es leider viel zu wenige Psychotherapeuten gibt, die auf diese Patientengruppe spezialisiert sind. Doch die Psychotherapie kann einiges auslösen. Es kann zu verstärkten Albträumen und Flashbacks kommen, in denen der Betroffene den Schrecken nochmals durchlebt. Dann ist es gut, wenn jemand in der Nähe ist. Auf der Station können wir rund um die Uhr Betreuung bieten. Manche Patienten brauchen auch Distanz zum traumatisierenden Milieu. Oder die Familie muss geschützt werden: Wenn Wunden wieder aufbrechen, reagieren manche impulsiv oder gar aggressiv.

Ihr Angebot gibt es seit zwei Jahren. Wie stark sind Sie ausgelastet?

Wir werden überrannt. Die Warteliste umfasst zurzeit rund 50 Personen. In der Schweiz gibt es lediglich noch eine weitere Station in der Klinik Littenheid, die auf traumatisierte Patienten spezialisiert ist. Deutschland dagegen verfügt über ein dichtes Netz solcher Kliniken. Nun erkennen die Versicherungen langsam, dass es sich auch finanziell auszahlt, wenn man die Erkrankten wieder in den Arbeitsprozess zurückbringen kann.

Was für Erfahrungen haben Sie in den ersten zwei Jahren gemacht?

Am Grundkonzept haben wir wenig geändert. Die Patienten machen gut mit, Therapieabbrüche sind selten. Etwas überrascht waren wir darüber, wie viele auch an körperlichen Beschwerden leiden. Und wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass das Zusammenleben von so vielen traumatisierten Menschen nicht immer einfach ist. Einige haben sich im Laufe der Jahre aggressive Verhaltensweisen zugelegt, wohl um sich zu schützen. Deshalb ist die Stimmung hier nicht immer harmonisch. *Oberarzt Jochen Binder (42) leitet die Spezialstation für Traumafolgestörungen in der Klinik Schlosstal. Zuvor ar­bei­te­te er unter anderem als Assistenzarzt im Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer am Universitätsspital Zürich.

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