Zum Hauptinhalt springen

Wenn eine ganze Generation fernbleibt

Bern. Eine Analyse zur Zuwanderungsin­itia­ti­ve zeigt: Die Jungen waren mehrheitlich dagegen, gingen aber nicht an die Urne. ­Abgestimmt haben andere, die Älteren. Dabei zogen die Bilateralen nicht – im Gegensatz zur Skepsis vor Immigration.

Die Jugend soll die Schweiz von morgen gestalten, sagte gestern Bundesrätin Doris Leuthard und lancierte einen Ideenwettbewerb. Das letzte Mal allerdings, als es um die Zukunft der Schweiz ging, war ebendiese Jugend kaum existent: Bei der Zuwanderungs-in­itia­ti­ve am 9. Februar gingen gerade mal 17 Prozent der 18- bis 29-Jährigen an die Urne. Die Differenz zur älteren Generation könnte kaum grösser sein: Weit mehr als 70 Prozent der Über-50-Jährigen stimmten ab.

Dies besagt die Vox-Analyse der Universität Genf und des Forschungsinstituts GfS Bern, welche gestern vorgestellt wurde. In der Analyse heisst es aber auch: Diejenigen Jungen, die abstimmen gingen, sagten mehrheitlich Nein. Ganz im Gegensatz zu den Stimmbürgern zwischen 50 und 59: 62 Prozent legten ein Ja ein. Wäre es anders herausgekommen, wenn die junge Generation sich nicht abgemeldet hätte? «Das Ergebnis ist, wie es ist. Da kann man noch lange fragen, was wäre wenn», sagt SVP-Nationalrat Lukas Reimann (BE), Präsident von Junge für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Juns). «Ich denke schon», sagt hingegen Fabian Molina, Präsident der Juso. «Die Jugend hat hier eine grosse Chance vergeben, die richtigen Leitplanken zu setzen.»

Unpolitische Jugend?

«Hätte die junge Generation über Erasmus Bescheid gewusst, wären wohl mehr an die Urne gegangen», glaubt Vox-Studien-Autor Pascal Sciarini von der Universität Genf. «Keine Beteiligung von 70 Prozent zwar, aber vielleicht von 35 – und das hätte genügen können für ein anderes Ergebnis.»

Nationalrätin Christa Markwalder (FDP, BE) ärgert sich: «Offenbar konnten wir die junge Generation zu wenig mobilisieren.» Zusammen mit der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV) und weiteren Organisationen hat sie gestern einen offenen Brief an das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation zur Erhaltung von Erasmus+ übergeben. Die Gefährdung des Austauschprogramms hat zu einer breiten Jugendbewegung geführt. Doch wieso erst jetzt, erst nach der Abstimmung? Sie hätten bereits im Vorfeld dar­auf aufmerksam gemacht, doch die Resonanz sei gering gewesen. sagt Kathrin Balmer, Co-Präsidentin der SAJV. Sie wehrt sich allerdings gegen den Vorwurf, die junge Generation sei apolitisch: «Viele sind politisch engagiert, doch widerspiegelt sich dies noch nicht im Abstimmungsverhalten.»

Ausländer-Skepsis dominierte

Dass Junge weniger abstimmen gehen als Ältere, sei normal, sagt Politologe Sciarini, allerdings seien die Unterschiede dieses Mal auffallend gross. Eine Erklärung dafür hat er nicht. Bei den Gründen zur Annahme aber zeigt sich: Eine grundsätzliche Skepsis ge­gen­über Immigranten war ausschlaggebend. Als ersten Grund für ihr Ja nannten lediglich zehn Prozent der Befragten negative ökologische oder soziale Konsequenzen – hingegen sagten 35 Prozent, es habe grundsätzlich zu viele Ausländer in der Schweiz. Sciarini möchte daraus jedoch nicht auf eine Ausländerfeindlichkeit schliessen: Die Beweggründe seien vielfältig. Ein entscheidendes Argument sei zudem gewesen, die Immigration selbst steuern zu wollen. Auch Fabian Molina möchte der Schweiz keine Fremdenfeindlichkeit unterstellen, die Analyse habe jedoch klar gezeigt: «In der Abstimmung ging es um Migration – und nicht um Europa.» Man habe es verpasst, daraus eine europapolitische Frage zu machen. Tatsächlich hat das Argument, die Bilateralen retten zu wollen, nicht gefruchtet: Auch bei den Nein-Stimmen kam dies lediglich an dritter Stelle. Noch eindeutiger äusserte sich der geringe Stellenwert der Bilateralen bei den Ja-Stimmern: 86 Prozent nahmen die Kündigung der Bilateralen in Kauf.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch