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Wenn sich die Haare lichten

Haare spriessen häufig dort, wo es uns nicht passt. Wo wir gerne eine üppige Haarpracht hätten, werden sie hingegen mit zunehmendem Alter rar. Wer der Natur nicht ihren Lauf lassen will, kann den Prozess bremsen. Was gegen Haarausfall hilft und was nicht.

Dichtes, gesundes Haar gilt seit jeher als erotisch und verkörpert Lebenskraft. Viele nehmen es deshalb nicht auf die leichte Schulter, wenn sich die Haartracht lichtet. Kein Wunder, dass gegen Haarausfall eine Unmenge von Wässerchen, Tinkturen und Hausmittelchen angepriesen wird. Bei vielen davon ist die Wirksamkeit jedoch nicht nachgewiesen. Insbesondere Shampoos vermögen den Haarverlust nicht zu stoppen. Wenn sie überhaupt einen Wirkstoff enthalten, wird dieser bei der Haarwäsche stark verdünnt; der Kontakt mit der Kopfhaut ist zudem zu kurz. Was einige Shampoos jedoch können, ist, der Frisur Volumen verleihen. Der Schwund kann so zumindest am Anfang noch etwas kaschiert werden. Dass das Kopfhaar mit zunehmendem Alter etwas rarer wird, ist naturgegeben. Weshalb das so ist, weiss man nicht. Denn an anderen Körperstellen nimmt die Behaarung im Alter eher zu – meist dort, wo sie nicht erwünscht ist. Ein gewisser saisonaler Haarausfall ist nicht beängstigend. Die natürliche Erneuerung verläuft nicht immer gleichmässig, sondern manchmal schubweise. Wenn die Haare jedoch gleich büschelweise ausfallen, sollte man nicht untätig zuschauen. Sie spriessen am falschen Ort In den meisten Fällen ist Haarausfall genetisch bedingt. Die Haarwurzeln zuoberst auf dem Haupt reagieren empfindlich auf männliche Geschlechtshormone. Das ist eigentlich paradox, denn das Testosteron regt an anderen Körperstellen die Behaarung erst richtig an: In der Pubertät beginnen Bart, Achsel- und Intimhaare zu wachsen. Auch auf die Behaarung am Hinterkopf hat das Testosteron zunächst keinen Einfluss. Meist beginnt eine männliche Glatze mit sogenannten Geheimratsecken an den Schläfen, die sich immer weiter nach hinten ausdehnen. Da auch Frauen eine kleine Menge Testosteron produzieren, können auch sie betroffen sein. Doch bei ihnen werden andere Stellen angegriffen: Der Haarwuchs lichtet sich eher am Scheitel oder überall ein wenig. Wieso die Haarwurzeln an verschiedenen Stellen so unterschiedlich reagieren, ist nicht bekannt. Dieser sogenannte androgenetische Haarausfall ist end­gültig. Es werden keine neuen Wurzeln gebildet. Heutzutage sind jedoch Medikamente verfügbar, die den Prozess etwas verlangsamen oder gar stoppen. Der Wirkstoff, der in Tablettenform eingenommen wird, wurde zufällig entdeckt: Es handelt sich um einen Blutdrucksenker, der so­zusagen als Nebenwirkung den Haarwuchs anregt. Diesen Effekt hat man sich zunutze gemacht. Weiter stehen Lotionen zur Verfügung, die auf die Kopfhaut aufgetragen werden. Der enthaltene Wirkstoff verhindert die Umwandlung von Testosteron in eine Form, die Haarausfall fördert. Bei regelmässiger Anwendung tritt die Wirkung meist nach zwei bis vier Monaten ein. Sobald das Medikament abgesetzt wird, setzt sich der Haarverlust fort. «Je früher man mit der Behandlung anfängt, desto besser die Prognose», weiss Ralph M. Trüeb, der in seiner Praxis in Wallisellen Betroffene berät. Der Professor, der bis 2010 die Haarsprechstunde am Universitätsspital Zürich geleitet hatte, nimmt eine genaue Untersuchung vor und verordnet die Therapie gemäss spezifischer Diagnose. Häufig verordnet er zusätzlich zu den Haarwuchsmitteln Nahrungsergänzungspräparate, auch diese individuell auf die jeweiligen Bedürfnisse abgestimmt. Die Abklärung wird von den Krankenkassen übernommen, die Therapie nur bei krankhaftem Haarausfall. Haare verpflanzen Wenn sich die Haarpracht bei Frauen lichtet – häufig nach der Menopause – kann die Einnahme von weiblichen Hormonen hilfreich sein. Möglich ist auch eine direkte Applikation auf der Kopfhaut. Viele Frauen lassen zudem nach der Schwangerschaft Haare. Das Phänomen ist hormonell bedingt und meist unbedenklich, da nur vorübergehend. Der erhöhte Östrogenspiegel während der Schwangerschaft lässt die Haare länger als üblich leben. Sinkt der Spiegel nach der Geburt ab, holt der Körper das Abstossen älterer Haare nach. Der gleiche Effekt kann beim Absetzen der Antibabypille eintreten, da diese dem Körper sozusagen eine Schwangerschaft vortäuscht. In der Stillzeit ist Haarausfall jedoch oft auch auf Mangelerscheinungen zurückzuführen. In solchen Fällen helfen Aufbaupräparate mit Vitaminen und Mineralien. Entschieden sich früher viele Männer für ein Toupet, so ist heute die Transplantation von Eigenhaar eine Möglichkeit – allerdings eine aufwendige und teure. Wachsen die Haare am Hinterkopf noch dicht, können einzelne davon auf die kahlen Stellen übertragen werden. Operationen können bis zu zwei Tage dauern und fünfstellige Frankenbeträge kosten. Das Resultat ist nicht im- mer zufriedenstellend. Mit einer Transplantation ist das Problem zudem nicht endgültig gelöst. Der Haarausfall schreitet voran. Um ihn zu bremsen, müssen weiterhin Medikamente eingenommen werden. Krebskrank – und dazu kahl Gefürchtet ist der radikale Haarausfall bei Chemotherapien. Obwohl er objektiv betrachtet eigentlich eine der harmloseren Nebenwirkungen der Behandlung einer Krebserkrankung ist, macht er vielen Betroffenen schwer zu schaffen. Sie fühlen sich nackt und gezeichnet, weil sie so als Krebskranke erkennbar sind. Manche Betroffene behelfen sich in der Zwischenzeit mit Mützen und Kopftüchern, andere lassen sich eine Perücke anfertigen. Meistens beginnen die Haare nach wenigen Wochen wieder zu spriessen. Doch Ralph M. Trüeb beobachtet immer häufiger, dass sich der Haarwuchs nach Chemotherapien nicht vollständig erholt. Haarausfall kann auch ein Hinweis oder eine Folge von diversen Krankheiten sein. So tritt er zum Beispiel gehäuft bei Zuckerkrankheit, der entzündlichen Darmerkrankung namens Morbus Crohn sowie Unter- oder seltener Überfunktion der Schilddrüse auf. Auch ein Mangel an Eisen und anderen Vitaminen und Spurenelementen kann dazu führen. Manchmal treten kreisrunde kahle Stellen auf der Kopfhaut oder bei Männern im Bartbereich auf. Die etwa zweifränklergrossen ­Lücken sind wahrscheinlich auf eine Störung des Immunsystems zurückzuführen. Ralph M. Trüeb empfiehlt, Haarveränderungen auf jeden Fall ernst zu nehmen abklären zu lassen, auch wenn es sich meist nicht um ein ernsthaftes gesundheitliches Problem handelt: «Der Aufwand ist verhältnismässig klein, die Erfolgschancen sind gut.»

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