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Wer's glaubt

«Paradigmenwechsel in der Kunst seit 1960» lautete der Titel eines Vortrages, den Markus Landert, Direktor des Kunstmuseums Thurgau, jüngst in der Kartause Ittingen hielt.

«Ist das Kunst? Das kann ich auch!» Wer ab und an Ausstellungen mit Positionen zeitgenössischer Kunst besucht, kennt diesen Satz. «In den letzten Jahrzehnten hat sich die Kunst und die Vorstellung von dem, was sie zu sein hat, radikal verändert», so Markus Landert, Direktor des Kunstmuseums Thurgau, während seines Vortrages im ehemaligen Weinkeller der Kartause Ittingen. «Das Publikum ist in Ausstellungen jedes Mal völlig überfordert», so ein Zuhörer des Vortrags in der Diskussionsrunde, die Landert im Anschluss an seinen Vortrag mit viel Engagement moderierte. Landert hat Erfahrung mit irritiertem Publikum, zeigt er doch im Kunstmuseum Thurgau häufig Ausstellungen mit Positionen der Gegenwartskunst. «Konstellation 6. Begriffe – Räume – Prozesse» lautet der Titel der aktuellen Ausstellung. Hier ist man um jede Gebrauchsanweisung froh, mit der man die gezeigten Werke und ihre Inhalte (falls vorhanden) «entschlüsseln» kann. Die Kunst der Vergangenheit sei von Könnerschaft geprägt, die mit ihrer Schönheit den Betrachter verblüfft und die ihm die Wirklichkeit gespiegelt hätte, so der Referent. Seit dem Holocaust – Landert zeigte ein Bild von gestapelten Leichen aus Bergen-Belsen – sei es für die Künstler unmöglich geworden, weiterhin die Könnerschaft zu pflegen und «schöne» Bilder zu machen. Der Kunstexperte zeigt anhand von Beispielen aus der Ausstellung, was unter «Anti-Kunst» zu verstehen ist.

Nabelschau der Künstler

Was dem Betrachter gefällt, nämlich Können und ein nachvollziehbarer erzählerischer Inhalt, ist bei Künstlern seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verpönt: «Kunst ist nur noch als Selbstreflexion möglich», dozierte Landert. Die Spiegelung der Wirklichkeit werde für Künstler ebenso uninteressant wie die Herstellung eines Werks. Die Performance beispielsweise will kein herkömmliches Bild mehr machen, sondern mit dem menschlichen Körper arbeiten. Der Referent zeigte Bilder von Performances der Künstlerin Marina Abramovic, die nackt auftritt und ihren Körper bis an die Schmerzgrenze quält. «Ich langweile mich immer während Performances», wandte da ein Zuhörer ein. Performer würden sich eben auch dem Anspruch des Publikums nach Unterhaltung verweigern, so Landert. Verweigerung und Ironie werde zu einem Schlüsselbegriff, um moderne Kunst zu verstehen. Anhand von Beispielen zeigte er, dass die Idee in der Kunst wichtiger wurde als die materielle Umsetzung, der Künstler ist Ideenlieferant, aber kein «Könner» mehr. Landert illus­trierte seine Ausführungen mit anschaulichen Beispielen: Mit der Arbeit von Joseph Kosuth, der das Inhaltsverzeichnis des Ittinger Bibliothekskatalogs von 1717 in den Boden des ehemaligen Weinkellers der Kartause eingravieren liess. Oder Jochen Gerz, der Fragebögen entwarf, sie ans Publikum erweiterte, anschliessend visuell auswertete und damit die Teilnehmer des Kunstprojektes zu Mit-Künstlern machte.Egal ob Performance oder Konzept: Kunst, der die Könnerschaft abhanden kommt, so der Referent, «wird zur Behauptung», die sprachlich von Vermittlern erläutert wird. «Daran muss man glauben», so der Referent, wie man dar­an glaube, dass während der Eucharistie aus Wein das Blut Christi werde. Auf die Frage, ob Kunst zur Ersatzreligion werde, Kuratoren zu Hohepriestern der Künstler und Kunstkritiker zu Ketzern, meinte der Referent, dass Kunst eine «Parallelreligion» sei, die in einer zersplitterten Gesellschaft Erkenntnisbedürfnisse stille. An moderne Kunst muss man in erster Linie glauben und sie am besten nicht hinterfragen.

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