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Widerborstiges Joint Venture mit viel Risiko

Wie gut der Zürcher Saxofonist Christoph Grab mit dem Ber- liner Gitarristen Frank Möbus harmoniert, war am Mittwoch im Theater am Gleis zu erleben.

Letztes Jahr war Christoph Grab mit einer wunderbaren Ellington-Hommage in Winterthur zu Gast. Nun liess der Zürcher Saxofonist einen Auftritt folgen, der ganz im Zeichen des zeitgenössischen Jazz stand und den Bezug zur Tradition doch nicht gänzlich vermissen liess. Im gut besuchten Theater am Gleis kam es zur Begegnung seines Trios Raw Vision mit dem tüftlerischen Gitarristen Frank Möbus aus Berlin: ein risikofreudiges Joint Venture mit hohem Widerborstigkeits-Potenzial.

Grab, der Kontrabassist Silvan Jeger und der Schlagzeuger Maxim Paratte spielten unverstärkt – nur Möbus hatte einen kleinen Verstärker auf der Bühne platziert. Aus dieser Konstellation ergab sich ein wunderbar transparentes Klangbild, das selbst in aggressiven Passagen die Ohren nicht terrorisierte – man verstand gut, war­um das Theater am Gleis Grabs Lieblingsspielort ist.

Zurück in die Zukunft

Grab hat für das Quartett ein Repertoire komponiert, aus dem Bezüge zum New New York Jazz und Anleihen bei historischen Vorbildern herauszuhören sind – so erinnerte zum Beispiel das zweite Stück im ersten Set, eine in dynamischen Wellenbewegungen sich entfaltende Rubato-Ballade mit dem Titel «Lamento», einerseits an die kongeniale Zusammenarbeit des Saxofonisten Bill McHenry mit dem Gitarristen Ben Monder, liess aber auch Be- züge zum bahnbrechenden Trio des Schlagzeugers Paul Motian erkennen.

Das aufgedrehte Proteststück «Click dich selbst» kam wie eine aktuelle Variante von Charles Mingus’ «Fables of Faubus» daher. Was hinter dem Titel «Mein Drummer spinnt» steckt, wollte Grab dagegen nicht verraten. Auch dieses Stück wies einen gewissen Mingus-Faktor auf: Die Tempowechsel erinnerten an die waghalsigen Rochaden, mit denen der grosse Bassist und der Schlagzeuger Dannie Richmond für Furore sorgten. Schliesslich sei hier noch das Stück «Fluchtpunkt» erwähnt, mit dem das abwechslungsreiche und anspruchsvolle Konzert eröffnet wurde: Da hatte man manchmal das Gefühl, als hätte sich der aus der Tristano School hervorgegangene Komplexitätsmelodiker Warner Marsh in eine Session der Werkstatt für Improvisierte Musik verirrt.

Tatsächlich zählt Grab zu den nicht allzu zahlreichen Schweizer Jazzmusikern, denen der Spagat zwischen verschachtelten Strukturen und expressivem Free Playing in exemplarischer Weise gelingt. Und dar­um hat er in Frank Möbus den kongenialen Partner zur Umsetzung seiner Raw Vision gefunden, schliesslich zählt dieser vielseitig-hinterlistige Gitarrist nicht von ungefähr seit vielen Jahren zu den Aushängeschildern der progressiven Berliner Jazzszene. Und so nimmt man nach diesem spannenden Konzert erfreut zur Kenntnis, dass Möbus bis zum Jahresende noch mehrmals in unseren Breitengraden anzutreffen sein wird.

Mehr Möbus

Im Rahmen des Festivals «unerhört!» tritt Frank Möbus morgen Samstag in der Roten Fabrik Zürich im Trio mit Chris Wiesendanger (Piano) und Gerry Hemingway (Schlagzeug) auf. Am nächsten Mittwoch folgt im Zürcher Moods im Schiffbau ein Auftritt der Kultband Der Rote Bereich. Und am 8. Dezember kommt Möbus wieder nach Winterthur: In der Alten Kaserne tritt er dort mit dem Erdmann-Rohrer-Quartett auf.

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