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Wie auf Nadeln durch die Dornen

Bei der Kugeldrückjagd wird das Wild von den Treibern quasi durch den Wald gedrückt. Doch während der Spaziergänger jedem Dickicht ausweicht, gehen sie mitten hindurch. Ein dorniger Selbstversuch.

Die Anspannung ist gross, das Waldstück winzig. Wie eine Insel liegt es in einer Waldlichtung zwischen Henggart und Oberwil. Bedächtig fahren die wenigen Autos an den sechs Gestalten mit Leuchtwesten vorbei. Ein Warndreieck mahnt die Autofahrer – Jagd. Bald könnten die sechs Mutigen Bewegung in diesen beschaulichen Freitagmorgen nach Weihnachten bringen. Denn das Wäldchen hat es vielleicht in sich: Wildschweine. Jagdleiter Max Wingeier sagt den Treibern, darunter ein Mädchen und eine junge Frau, was ihre Aufgabe ist. Und: Wenn ein Schwein wider Erwarten nicht fliehe – zurückweichen. Bei einem Angriff – Gesicht schützen. Und ist es ein Keiler, ein männliches Wildschwein also – Geschlechtsteil schützen. Seine Eckzähne, das Gewaff, sind scharf. Bei diesen Worten krallt sich jeder Neuling am Haselstock fest, mit dem sich der Treiber durchs Gestrüpp kämpft. Wild aus dem Wald drücken Das tapfere Grüppchen reiht sich an der Ostseite des Wäldchens auf. Wie die Schwimmer des ins Wasser gelassenen Fischernetzes einer nach dem anderen und in gleichmässigen Abständen. «Vorwärts marsch!» Durch das dichte Dickicht drücken die Treiber das vermutete Wild langsam vor sich her. Und die zuvor am Rand der Waldlichtung platzierten Jäger warten mit den Kugeln in ihren Gewehren – Kugeldrückjagd, so der Name dieser Form der Treibjagd. Wie Stacheldraht zerren die dornigen Brombeerranken an den Treibern und lassen sie bisweilen stolpern. Zerzaust und zerkratzt treten sie aus dem Wäldchen, rücken ihre Mützen zurecht und ins nächste Waldstück vor. Nichts. Kein Schuss gefallen, kein Wild gesehen. Fast wie ein Spaziergang Jetzt wird ein grösseres Waldstück durchkämmt, in dem auch Schützen postiert sind. Die Treiber sollen dabei weder hetzen noch extra Lärm verursachen. Das Wild soll zwar beunruhigt und in Bewegung versetzt, nicht aber panikartig in die Flucht geschlagen werden. Denn der Schütze muss genug Zeit haben, um entscheiden zu können, ob er einen sicheren Schuss abgeben kann. «Bewegt euch wie auf einem Spaziergang, leicht schlängelnd vorwärts, wie wenn ihr Pilze suchen würdet», rät Wingeier. Doch während jeder normale Spaziergänger einem Meer aus Brombeerranken und einem Dschungel aus Jungtannen instinktiv ausweicht, soll der Treiber genau da durch. Was wohl für eine verspätete Bescherung unter den Tännchen liegt? Wie auf Nadeln drückt er sich kopfvoran durch das undurchschaubare Tannenwäldchen, wie durch die rotierenden Bürsten einer Autowaschanlage. Und wie ein dunkelgrünes Meer wölbt sich das dornige, gefrorene Geflecht aus Brombeerranken. Oben kracht der Treiber wie durch ein «Fasnachtschüechli» ein, darunter tritt er auf festen Boden – oder auf ein wabbeliges Wildschwein. Dann, so um halb zehn Uhr, plötzlich ein Knall. Max Wingeier notiert Zeit und Ort des Schusses. Eine Rehgeiss. Tummelplatz Wald Am Abend stehen die Treiber ums offene Feuer, gespickt mit Nadeln und Dornen. Es gibt Gerstensuppe mit Schüblig. Ihre nassen, dampfenden Hosen trocknen allmählich. Die Bilanz der Kugeldrückjagd fällt nicht so aus wie erhofft: Ein Reh und ein Hase. Gesehen haben Jäger und Treiber mehrere Rehe, Füchse und Hasen. Doch entweder war die Schussabgabe nicht möglich oder zu unsicher. Eigentlich müssten im Jagdrevier Henggart bis Ende Jahr noch sieben Rehe geschossen werden, so die Vorgabe des Kantons. Doch der siedlungsnahe Wald wird immer mehr beinahe zum 24-Stunden-Tummelplatz. Ob Spaziergänger, Jogger, Biker, Reiter oder Hündeler: Die ständige Unruhe führt dazu, dass sich Rehe, Wildschweine und Co tagsüber kaum noch zeigen.

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