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Wie aus «Orten der Sünde» Gastrokultur wurde

Die nächste Woche lädt zu besonderen Genüssen ein. Unter dem Motto «Zu Tisch!» bieten verschiedene In­sti­tu­tio­nen in Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege Einblicke in die Gastrokultur an.

Kaputte Fenster, Schlägereien, Erbrechen, Zechprellerei und Furzen – wer Ordnungen von Winterthurer Trinkstuben und Gasthäusern im ausgehenden Mittelalter studiert, wundert sich über die Manieren unserer Vorfahren. Dazu passen auch kirchliche Vorbehalte ge­gen­über Wirtsstuben, die nicht ganz zu Unrecht als Orte der Sünde angeprangert wurden. Doch dieses Bild zeigt nur eine Seite der Medaille, denn solche Örtlichkeiten stehen gleichzeitig für eine Geselligkeit, die im Alltag von grosser Bedeutung war. Wie heute, wenn die Schliessung von Quartierlokalen beklagt wird, geht es um die Frage, wo sich Menschen ungezwungen treffen und austauschen können, wo «Gesellschaft» im Kleinen entsteht. Tavernen und Trinkstuben Gastliche Orte sind zwar in Winterthur erst seit dem 15. Jahrhundert klar fassbar, dürften aber eine weit ältere Geschichte aufweisen. Sie dienten der Beherbergung Durchreisender wie der Stadtbewohner, trafen sich hier doch Ratsherren, Handwerker oder Tagelöhner zum Schlummertrunk, zu Festlichkeiten oder zum politischen Austausch. Neben den alten Wirtshäusern und Tavernen mit Übernachtungsmöglichkeiten und warmen Speisen gab es Trinkstuben, die den Handwerkergesellschaften, den «Herren» sowie jungen Gesellen gehörten und zünftischen Charakter aufwiesen. Sie standen Fremden offen und wurden von Stubenknechten geführt, die sich dem Rat ge­gen­über zu Aufsicht und Kontrolle verpflichteten. Neben diesen eta­blier­ten Orten bestanden im Spätmittelalter auch unbekanntere Stätten der Geselligkeit. So wurde nicht nur bei den Mühlen oder in der Badstube gebechert, sondern auch im Frauenhaus, einer Art städtischem Bordell. Und das 1503 errichtete Waaghaus beherbergte im Obergeschoss den reich dekorierten städtischen Festsaal. Wichtige Besucher und Durchreisende wollten standesgemäss bewirtet werden, und der Rat wie auch die einfachen Bürger sassen regelmässig zusammen, um unter ihresgleichen Kontakte zu pflegen. Beizenverbot als drastische Strafen Innerhalb eines doch recht monotonen Alltags besassen die Gast- und Trinkstuben eine enorme Bedeutung. Auf die vielleicht 3000 Einwohner Winterthurs kamen um 1500 rund ein Dutzend In­sti­tu­tio­nen mit offiziellem Schankrecht sowie weitere Stätten, die mehr oder weniger legal Wein bereit hielten. Zu den drastischsten Strafen des Rates gehörte das Verbot, solche Stuben zu besuchen. Damit wurde ein Übeltäter aus der Gesellschaft ausgeschlossen mit Folgen für sein Ansehen und sein Beziehungsnetz. Der abendliche Weinkonsum und die üppigen Festmähler blieben der Stadt bis in die Neuzeit erhalten. Die Gastrokultur diversifizierte und verfeinerte sich allerdings im Laufe der Jahrhunderte. Auch wenn sich das Nahrungsangebot und auch die Geschmäcker wandelten und demokratisierten, blieben Essen, Trinken und geselliges Beisammensein Teil einer von feineren und gröberen Unterschieden geprägten Gesellschaft. 1661 sollen einige ehrbare Damen erstmals einen Kaffee genossen haben; angeblich konnte eine der Beteiligten diesen «himmlischen Trank gar nicht genug schlürfen». Noch 1722 wurden aber Kaffee, Tee und Schokolade bei öffentlichen Veranstaltungen verboten zweifellos mit bescheidenem Erfolg. Ähnlich war der Umgang mit der Kartoffel, die von einer Religionslehrerin nach Winterthur gebracht wurde und erst nach der Hungersnot 1770/72 Verbreitung und Wertschätzung fand. Neue Formen des Beisammenseins Die Neuzeit brachte einen grundlegenden Wandel, ohne jedoch an den geselligen Fundamenten der Gastronomie zu rütteln. Im 18. und vor allem 19. Jahrhundert entstanden zahlreiche Vereine mit neuen Formen von gastlichem Beisammensein, von der Freimaurerloge über Nachbarschaftsvereine bis hin zu wissenschaftlich-kulturellen Gruppierungen. Gegen 1900 vervielfachte sich das Gastroangebot, eine Folge des Bevölkerungswachstums und der ebenso engen wie ärmlichen Lebensverhältnisse vieler Winterthurerinnen und Winterthurer.Zu den traditionellen Weinstuben kamen Schnapslokale, Bierkneipen und Ausflugsbeizen, aber auch Folklorestätten wie der Tirolerhof (heute Albani), die nicht nur Gastarbeitern das Gefühl von Heimat vermittelten. Heute hat sich zumindest in der Ausgehmeile Altstadt die Gastrokultur zwar eher Richtung Bar und Jugend verlagert, geblieben ist der gesellige Charakter des Essens und Trinkens. Die Einladung «Zu Tisch!» bleibt aktueller denn je.

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