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Wie der Fan zum Rowdy wurde

Die Politik hat sich auf den Fussballfan eingeschossen: Er gilt als gefährlich, gewalttätig und unkontrollierbar. Jetzt meldet er sich selbst zu Wort – das Fussballmagazin «Zwölf» und eine Ausstellung befassen sich differenziert mit dem Thema «Fankultur».

Rauchpetarden! Fackeln! Saubannerzüge von Fangruppen! Kaum ein Fussballwochenende vergeht mehr, ohne dass das Treiben in den und rund um die Fussballarenen in den Medien seinen Niederschlag findet. Schlimm sei es geworden, tönt es in der Politik. Man traue sich mit der Familie nicht mehr ins Stadion, heisst es am Stammtisch. Dieser Meinung und Wahrnehmung zum Trotz: Die Zuschauerzahlen steigen seit Jahren. Weshalb dem so ist, zeigen das Fussballmagazin «Zwölf» und die heute eröffnete Ausstellung im Museum des FC Zürich auf: «Fankultur» ist anders und ist mehr, als die Öffentlichkeit zu wissen glaubt. Die dicke «Zwölf»-Sondernummer zeigt etwa auf, dass in den vergangenen Jahren ein Wandel in der Wahrnehmung stattgefunden hat. Denn «randalierende» Fans sind keine neuzeitliche Entwicklung. So brannte es im Frühling 1994 im alten Joggeli heftig, als der FC Basel den Aufstieg in die höchste Spielklasse schaffte: «Sieger des Abends», sagte TV-Moderator Hans Jucker vor Bildern brennender Fackeln damals, «waren der Fussballsport und das Basler Publikum.» Ein Jahr später lautete der Kommentar zu einer heute fast undenkbaren Pyroshow trocken: «Gut die Stimmung, wie man hier sieht.» Es kam auch in der «guten alten Zeit», in den 70er- und 80er-Jahren, zu Ausschreitungen – Steinwürfe, Schiedsrichterverfolgungen und Schlägereien führten zu Spielunterbrüchen, wie im «Zwölf»-Magazin herausgearbeitet wird. Diese Vorfälle wurden in den Medien zwar verurteilt. Doch sprachen sich diese noch gegen rigorose Gegenmassnahmen aus. Als die Fussballliga den FC Luzern im Februar 1974 verpflichtete, ein Gitter um den All­mendrasen zu bauen, wies der «Sport» auf den richtigen Zeitpunkt direkt vor der Fasnacht hin: «Fasnachtsfreudige können also die Suche nach einem geeigneten Sujet einstellen.» Ein Politikum wegen der Euro Die Tonlage ist heute anders. Nach dem Abbruch des Zürcher Derbys im Oktober 2011 war im Fernsehen von «Kriegsschauplatz» die Rede. Und: «Der Mob dreht durch.» Die heutigen Vorfälle unterschieden sich kaum von den früheren, wird im «Zwölf» bilanziert. «Nur die Argumentation hat sich stark gewandelt.» Das Fachmagazin ortet zwei Hauptgründe: Mit der Bewerbung für die Euro 08 wurde «der Umgang mit den wilden Fans zum Politikum», da teure Sicherheitsmassnahmen umgesetzt werden mussten. Und die Kommerzialisierung des Fussballs führte dazu, dass die «Show» übertrieben verkauft werden musste. In der Sondernummer wird der Fan nicht einseitig verherrlicht. Die «Zwölf»-Redaktion schafft es, die Kultur differenziert zu zeichnen. Sie erklärt unter anderem, welche Gesetze in einer Fankurve gelten und wie die Jahreskartenbesitzer auf der Gegentribüne auf die lauten Fans reagieren. Nachgezeichnet wird auch die Geschichte der Bewegung – ein Beitrag ist etwa der Zeit gewidmet, als die Fussballszene nach rechts und in die Gewalt abdriftete (und die Zuschauerzahlen sanken). Und es kommen selbst Kritiker zu Wort, die sich bei einem ungezwungenen «public viewing» in einer Beiz wohler fühlen als im durchorchestrierten Stadion. Das 120 Seiten dicke Heft ergänzt die heute eröffnende Ausstellung im FCZ-Museum «Fankultur – Szenen aus dem Stadion», in deren Rahmen auch zahlreiche Podiumsdiskussionen durchgeführt werden.

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