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Wie die Artischocke ins Weinland kam

Artischockenfelder kennt man aus Spanien, Italien oder Frankreich. Dass die im Mittelmeerraum heimische Pflanze auch bei uns gedeihen kann, erwartet man nicht. Das tut sie aber.

Verwundert bleibt die ältere Frau vor dem Marktstand stehen. Eine ganze Weile mustert sie das Angebot, bevor sie sich ein Herz fasst und die Marktfahrerin hinter dem Verkaufstisch anspricht: «Sind das jetzt wirklich Schweizer Artischocken?» Sie sind es, und erst noch solche aus biologischem Anbau. Das bestaunte Gemüse stammt aus Guntalingen, wo Magdalena Elmiger und ihr Mann Daniel Reutimann einen biologischen Hof bewirtschaften. Auf rund elf Hektaren produzieren die beiden unter anderem Speisekürbisse, Karotten, Randen, Dinkel, Kleesamen und eben: Artischocken. 5500 Pflanzen auf 70 Aren Das mit den Artischocken hat vor zwölf Jahren seinen Anfang genommen. Anlässlich eines Ferienaufenthalts in der Bretagne stiessen Reutimanns auf ausgedehnte Artischockenfelder und kamen auf die Idee, es mit diesen Kulturen auch zu Hause zu wagen. Es folgten Versuche mit verschiedenen Sorten, zuerst mit Einzelpflanzen in Töpfen, dann auf kleineren Ackerflächen. Da mit den Jahren auch die Kundschaft auf den Geschmack kam, konnte die Anbaufläche sukzessive vergrössert werden. Inzwischen sind es 70 Aren, auf denen 5500 Pflanzen wachsen. «Damit sind wir wohl die grössten Produzenten im Land», mutmasst Reutimann. Jedenfalls sei ihm kein grösserer bekannt. Das Guntalinger Artischocken-Jahr beginnt Mitte April mit der Pflanzung der ersten Setzlinge, die vorgängig in einem Gewächshaus gezogen worden sind. Bis im Mai werden weitere drei Pflanzungen gestaffelt vorgenommen. Damit lässt sich die Erntezeit auf mehrere Wochen verteilen. Gepflanzt werden jeweils drei, vier verschiedene Sorten, dar­un­ter einige Reihen Pflanzen, deren blau-violette Blütenstände später ausschliesslich zu Dekorationszwecken verkauft werden. In den folgenden Wochen muss von Zeit zu Zeit der Boden gehackt und gelockert werden, maschinell zwischen den Reihen, von Hand innerhalb. Auch muss der Schaden durch Blattläuse und Bohrfliegen unter Kontrolle bleiben. Hat der Läusebefall ein gewisses Ausmass erreicht, nehmen sich Marienkäfer als «Nützlinge» der Plage an. Gegen die Bohrfliegen, welche die Blütenknospen beschädigen, um ihre Eier abzulegen, hat Reutimann eine ganze Anzahl gelber Leimfallen im Feld aufgestellt. Als konsequenter Biobauer spritzt er seine Pflanzen nur «im äussersten Notfall». In all den Jahren sei das bisher nur zweimal nötig gewesen, und auch das strikt mit zugelassenen biologischen Mitteln. Geerntet wird von Hand Ab Anfang August sind die ersten Pflanzen erntereif. Dafür ist Daniel Reutimann zuständig. Zweimal die Woche geht er frühmorgens mit prüfendem Blick und dem Plastiktragkorb am Rücken durch die Reihen und schneidet die geeigneten Knospen ab. Pro Durchgang pflückt er um die 150 Kilogramm. Die Erntezeit dauert von Anfang August bis zu den ersten Frösten Mitte Oktober. Dieses Jahr rechnet Reutimann mit einem Gesamtertrag von rund 3,5 Tonnen, falls das Wetter weiter mitspielt. «Wir sind dem Klima ausgeliefert», sagt er. Negativ wirkt sich besonders anhaltende Hitze aus. Die Extremsommer von 2003 und 2006 seien insofern «Grenzerfahrungen» gewesen. Vom Feld gelangt das Pflückgut in den Rüstraum, wo die Artischocken nach Grösse sortiert und einzeln akribisch nach Parasiten oder Krankheitsschäden untersucht werden. Befallene Knospen werden aussortiert, ihre Böden wird Magdalena Elmiger später zu Spezialitätenkonserven verarbeiten. Verkauft werden die Weinländer Artischocken ab Hof oder an eine Reihe von Restaurants der Region, unter anderem an die Küche der vor Kurzem wiedereröffneten «Schlosshalde» bei der Mörsburg. Zur Hauptsache werden sie aber auf den Wochenmärkten in Schaffhausen, Frauenfeld und – freitags – in Winterthur feilgeboten, wo Reutimanns dank Mundpropaganda auf eine eigentliche Stammkundschaft zählen können. «Ich habe Sie schon lange sehnlichst erwartet», habe sie eine Kundin letzthin begrüsst, erzählt Magdalena Elmiger. «Und das ist doch ein Aufsteller, oder?»

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