Polizei

Wie ein mehrfacher Gewalt-Täter durch die Maschen fiel

Er schlug einen Kollegen im Neuwiesen-Quartier blutig und wurde verhaftet. Doch wegen Polizei-Fehlern verschwand er bereits am nächsten Morgen für Monate vom Radar.

Auf der Polizeiwache am Obertor unterliefen den Polizisten mehrere Fehler.

Auf der Polizeiwache am Obertor unterliefen den Polizisten mehrere Fehler. Bild: Marc Dahinden

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Im Sommer 2018 kam es in Winterthur zu einem blutigen Aufeinandertreffen. Ein junger Mann hatte damals bei der Kirche St. Peter und Paul hinter dem Hauptbahnhof einen Kollegen verprügelt, Hintergrund war eine Eifersuchts-Geschichte. Der Täter schlug dem Kollegen ins Gesicht und als dieser zu Boden gefallen war, folgten mehrere Faustschläge auf den Kopf. Das Opfer brach sich die linke Augenhöhle und das Nasenbein und wies mehrere Rissquetschwunden auf.

Kurz darauf rückten Beamte der Stadtpolizei mit Blaulicht zum Tatort aus, sie trafen auf die Beteiligten, der Täter wurde festgenommen. Doch auf der Polizeiwache am Obertor unterliefen den Polizisten mehrere Fehler.

Wie die Stadtpolizei mittlerweile analysiert hat, wurde die Schwere des Delikts vom fallführenden Mitarbeiter vor Ort «falsch eingeschätzt». Dieser erste Fehler sei durch einen anschliessenden Schichtwechsel noch begünstigt worden. Offenbar war ein Teil der Verwirrung auch darauf zurückzuführen, dass der Festgenommene schon wegen eines früheren Delikts zur Verhaftung ausgeschrieben war.

Fehler fiel in Zürich auf

Das Resultat: Der Mann, der keinen festen Wohnsitz hatte und wegen eines Raufhandels mit einem Messer damals schon eine Vorstrafe aufwies, kam am nächsten Morgen wieder frei. Die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland erfuhr nichts von der schweren Körperverletzung. Es wurden deshalb keine Blut- oder Urinproben genommen und auch keine rechtsmedizinischen Untersuchungen rund um den Vorfall durchgeführt.

In Winterthur fiel der Fehler freilich auch später nicht auf. Es war die Zürcher Staatsanwaltschaft für Gewaltdelikte, die den Fall Wochen später aufnahm und sofort eine polizeiliche Ausschreibung startete. Der Gewalttäter wurde fünf Monate nach dem Winterthurer Vorfall erneut festgenommen und blieb in Haft.

Letzten Juni wurde er verurteilt, erst im nächsten Sommer darf er das zugewiesene Massnahmezentrum wieder verlassen. Am Prozess selber kamen die Versäumnisse erstmals ans Licht. Als der «Landbote» die Oberstaatsanwaltschaft damit konfrontierte, wurde eine interne Untersuchung gestartet. Mittlerweile wurde der beschriebene Ablauf rekonstruiert.

Mitarbeiter im Innendienst

Bei der Stadtpolizei heisst es auf Anfrage, sie habe den Fall auf Hinweis der Staatsanwälte «schonungslos aufgearbeitet». Eine generelle Schwachstelle habe man nicht gefunden, sagt Sprecher Michael Wirz. Der Fall habe aber eine «Kontrolllücke in unseren streng reglementierten Arbeitsabläufen aufgezeigt». Wirz fügt an: «Wir führen jährlich mehrere hundert Verhaftungen durch und legen ein grosses Gewicht auf die Qualitätssicherung in diesem Bereich.» Die Qualitätssicherung bei der ersten Tatbestandsaufnahme und bei Schichtwechseln solle nun aber «weiter optimiert» werden. «Wir schauen derzeit den ganzen Prozess an und überlegen uns allfällige Änderungen», sagt Wirz. Zudem läuft offenbar ein personalrechtliches Verfahren.

Der betreffende Mitarbeiter hat sich allerdings inzwischen innerhalb der Stadtpolizei umorientiert und arbeitet im Innendienst. Laut Wirz war es deshalb auch nicht nötig, dass eine vorsorgliche Versetzung hätte geprüft werden müssen, wie das in einem solchen Fall sonst üblich wäre. Zum Stand des personalrechtlichen Verfahrens wollte sich Wirz zum jetzigen Zeitpunkt nicht äussern.

Erstellt: 08.09.2019, 16:17 Uhr

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