Zum Hauptinhalt springen

Wil, FCB, Nati – und jetzt Messi

Der rasante Aufstieg des 22-jährigen Wiler Verteidigers Schär führt ihn nun in den WM-Achtelfinal gegen den argentinischen Weltstar Lionel Messi.

Es ist erst gut zwei Jahre her, seit sich Ruedi Zbinden, Chefscout des FC Basel, und Adrian Knup, Verwaltungsratsmitglied der meisterlichen AG und Altinternationaler, nochmals auf die Bergholz-Tribüne setzten, um den Wiler Defensivspieler Fabian Schär unter die Lupe zu nehmen. Sie sahen einen starken Schär. Ein paar Tage später allerdings verschuldete derselbe Spieler Schär mit zwei gravierenden Patzern die 2:3-Niederlage des eigentlich besseren FC Wil gegen Leader St. Gallen. Schär sei in dieser Liga, sagte sein Klubtrainer Axel Thoma danach, halt manchmal «unterfordert». Deshalb unterliefen ihm ab und zu solche Fehler und sei es an der Zeit, dass er eine Liga höher springe. Beim FCB entschieden sie sich, Schär zu verpflichten, dann aber gleich auszuleihen. Denn sie glaubten nicht, dass er bei ihnen schon zu regelmässigen Einsätzen tauglich wäre. Schär aber wollte das nicht. So war der Fall eigentlich erledigt – bis sich Arlind Ajeti verletzte und längere Zeit ausfiel. Nun waren die Basler bereit, Schär nicht nur zu übernehmen, sondern auch in ihr Kader einzugliedern. Aber natürlich galten Gaston Sauro und Aleksandar Dragovic als erste Wahl. Zuerst «zu bequem» … So war es dann auch – bis Trainer Heiko Vogel durch Murat Yakin abgelöst wurde. Unter dem Neuen wurde Schär gleich zur Stammkraft. Natürlich beging Schär auch in neuer Umgebung Fehler, wie sie Thoma in Wil miterleben musste. Aber klar überwiegend waren die positiven Eindrücke, das saubere Spiel aus der Abwehr heraus, die weiten Pässe, aber auch die Kopfballstärke, defensiv wie offensiv. Und nicht zuletzt ein Selbstbewusstsein, das sich in Nervenstärke ausdrückte. Mit welcher Souveränität der Newcomer schon in der zweiten Hälfte seiner ersten FCB-Saison Elfmeter zu verwerten begann, selbst im «Shootout» gegen Tottenham – das war höchst erstaunlich. Es war es auch deshalb, weil Leute dieses Talents in aller Regel nicht erst mit 21 Jahren einen Platz in der Super League erhalten. Aber Schärs Weg durch die Instanzen des FC Wil war nicht eben gradlinig gewesen, obwohl manche Voraussetzung dafür gesprochen hätte. Schon Vater Martin hatte einst im Wiler «Eins» gespielt, zur Zeit, als der Klub unter Christian Gross zum Aufstieg aus der 2. Liga in die Nationalliga B ansetzte. Schärs wohnen auch nur rund 200 Meter vom Bergholz entfernt; die Fenster Schär AG gehört zu den Sponsoren; kaum einer steht dem Klub so nahe wie Fabians Vater; und der Junior ar­bei­te­te auch im elterlichen Betrieb. Aber die sportlichen Qualitäten Fabians wurden, als er B-Junior war, übersehen. «Zu bequem» sei der, hiess es vom zuständigen Nachwuchschef. Doch es kam der Zeitpunkt, als Thoma, damals nur Sportchef und nicht auch noch Trainer, eine U21 gründete und Spieler suchte. Da fand er den jugendlichen Schär, gab ihm, als kaum ein anderer an ihn glaubte, gar einen Vertrag. Axel Thomas «Verdienst» «Wenn ich sagen würde», sagt Thoma heute, «mir war klar, dass er es mal in die Nationalmannschaft bringen würde, würde ich lügen. Das ist unmöglich, so was vorauszusehen.» Wenn er, Thoma, ein Verdienst an Schärs Entwicklung habe, dann sei das nicht, dass er dessen Talent erkannte. «Denn dazu brauchte es nicht viel Fachkenntnis. Mein Verdienst war, dass ich einem, der als bequem und nicht ambitioniert eingestuft wurde, einen Vertrag gab.» Aufs Risiko hin, dass er es nicht schafft – «und dann beim FC Bazenheid landet». Jetzt ist Schär aber ganz anderswo gelandet – mit seinem «totalen Selbstbewusstsein», wie es Thoma nennt. «Aber arrogant ist er nicht. Er ist ein angenehmer Mensch.» Und dieser junge Mensch debütierte im vergangenen Herbst in der Nationalmannschaft, gegen Island und vier Tage später in Norwegen. Es waren durchaus typische Auftritte, vor allem jener in Oslo. Zuerst hätte er in diesem für die WM-Qualifikation ziemlich entscheidenden Match beinahe den Rückstand provoziert, was nur Diego Bena- glio verhinderte. Dann schoss er beide Tore zum 2:0-Sieg. Sie waren identisch: weiter Freistoss Gökhan Inler, Kopfstoss Schär. Im Frühjahr warf ihn eine Verletzung, die eine Operation erforderte, zurück. Er war zwar rechtzeitig bereit für die WM, spielte dann aber einen schlechten Testmatch gegen Peru und verlor wohl deshalb seinen Platz an Johan Djourou. Also sass er gegen Ecuador auf der Bank; er sass auch gegen Frankreich 90 Minuten lang dort, obwohl Steve von Bergen schon nach wenigen Minuten ausgefallen war. Der «defensive» Schär Gegen Honduras schlug die Stunde Schärs, der über sich selbst sagt, die Fehler passierten halt, wenn einer seinen offensiven Stil pflege. Gegen die Honduraner trat dann allerdings nicht der sehr selbstbewusste Schär auf, der gleichsam im hohlen Kreuz aus der eigenen Abwehr lief und den weiten Pass schlug. Es war gar eher wenig vom offensiven Schär zu sehen, dafür einer, der seinen defensiven Pflichten sehr bewusst und diszipliniert nachkam – und das war an diesem Tag auch wichtiger. «Ich denke, ich habe da gezeigt, dass ich das auch kann», sagte er am Tag danach, als der «riesige Druck», den auch er gespürt hatte, verschwunden war. Jetzt setzt sich der rasante Aufstieg des Fabian Schär gar in den Achtelfinals einer WM fort und dort gegen Lionel Messi. Natürlich hat Schär in Champions und Europa League mit dem FCB schon gegen einige selbst internationale Prominenz gespielt, beispielsweise zweimal siegreich gegen Chelseas Samuel Eto’o, der von WM-Achtelfinalisten wie den Brasilianern Oscar und Willian oder den Belgiern Eden Hazard und Kevin de Bruyne unterstützt wurde. Aber ein Messi – der Messi – war noch nicht dabei. Der wird nun in São Paulo zur bisher grössten Prüfung des jungen Verteidigers Fabian Schär. hjs

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch