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Wilde Thur wird wieder gezügelt

Die vor gut zwölf Jahren befreite Thur ist zu weit gegangen. Für eine Million Franken baut der Kanton Thurgau Bollwerke aus Stein, um die Erosion zu stoppen.

Der Zufall will es, dass zurzeit sowohl in den Thurauen als auch rund 15 Kilometer flussaufwärts Bagger und Lastwagen im Einsatz sind – mit entgegengesetzter Aufgabe. Während im untersten Thurabschnitt die restlichen Uferverbauungen entfernt werden, wird das Korsett weiter oben beim Gemeindedreieck Thalheim–Altikon–Neunforn TG nach gut zwölf Jahren bereits wieder enger geschnürt. Um die asphaltierten Flurstrassen und das Landwirtschaftsland dahinter vor der starken seit­lichen Erosion zu schützen, wird momentan an vier dammartigen Leitwerken gebaut. Ein einzelnes solches Bauwerk ist 50 Meter lang und besteht aus grossen Steinblöcken. Das Besondere: Jeder ist 4,8 Meter hoch wird in 6 Meter tiefe Gruben hineingebaut und danach mit Erde zugedeckt. Die Leitwerke werden in einem Winkel von rund 11 Grad zur Uferlinie und in mindestens 5 Metern Abstand zur Strasse gebaut. Nagt der Fluss weiter am sandigen Ufer, kommen eines Tages die massiven Bollwerke zum Vorschein, an denen sich die Thur gleichsam die Zähne ausbeissen soll. Eine Million Franken Kosten Da die Erosion auf der Thurgauer Flussseite stattfindet – die Zürcher Seite ist hart verbaut –, ist der Thurgauer Regierungsrat zuständig. Ende Oktober gab er grünes Licht für die Bauarbeiten, die letzte Woche begonnen haben und bis zum Frühjahr 2015 dauern. Eines der vier Leitwerke soll noch in diesem Jahr fertig werden. Laut Heinz Rutishauser von der Abteilung Wasserwirtschaft und Wasserbau des Kantons Thurgau wird die Vierergruppe wahrscheinlich durch ein fünftes Leitwerk flussabwärts ergänzt. «Die Kosten sind mit knapp einer Million Franken budgetiert.» Der Kanton Zürich am gegenüberliegenden Ufer beteiligt sich nicht an den Kosten, wohl aber der Bund mit 35 Prozent. Die Erosion hat einen Teil des Auenwaldes von nationaler Bedeutung weggespült. Nach fast jedem Hochwasser stürzten unterspülte Bäume reihenweise in die Thur – heute steht nur noch ein schmaler, schütter gewordener Saum. In einer Anfrage an den Regierungsrat vom August sprach ein Thurgauer SVP-Kantonsrat davon, dass ein «wertvoller, regelmässig überschwemmter Auenwald durch diese unkontrollierte Erosion» vernichtet worden sei. Die Monotonie aufgebrochen Langfristig kann von einer «Auenwaldvernichtung» keine Rede sein. Denn die zu diesem Waldtypus gehörende Wasserlandschaft ist nicht mehr monoton wie im früheren, schnurgeraden «Thurkanal». Das Wasser fliesst nun unterschiedlich schnell und hat verschiedene Tiefen und Temperaturen. Die sandigen Uferwände, Kiesbänke und ins Wasser gestürzten Bäume sind wertvolle Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Mit etwas Glück lassen sich dort zum Beispiel Eisvögel, Biber und die seltenen Flussregenpfeifer beobachten, die jedes Jahr nach Afrika und zurück fliegen. «Es ist ein Erfolg, denn diese Erosion ist gewollt», sagte Marco Baumann, der Leiter der Abteilung Wasserwirtschaft und Wasserbau, bereits im Juli 2012 gegenüber der «Andelfinger Zeitung». Die Aufweitung der Thur gilt nicht nur als ökologisch wertvoll, sondern auch im Falle eines Hochwassers, weil dann der breitere Fluss zusätzliches Wasser aufnehmen kann. Linien zur Überwachung Als 2001/2002 die Verbauungen entfernt wurden, lag das Thurufer noch rund 150 Meter von der asphaltierten Flurstrasse entfernt – heute sind es teilweise nur noch 40 Meter. In diesem Abstand war vorgängig die Beobachtungslinie festgelegt worden. Im Sommer 2012 ritzte die Thur diese rote Linie, bis zu der ihr wildes Treiben geduldet wurde. Damals begann der Kanton Thurgau mit der Planung der sogenannten Interventionslinie, die zurzeit mit den Leitwerken verstärkt wird.

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