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Wildes Herz und Eigenart

Manche sehen in ihr eine Art Franz Kafka der lateinamerikanischen Literatur, andere eine brasilianische Sphinx. Nun ist Clarice Lispector (1920–1977) auch auf Deutsch wiederzuentdecken.

«War­um Ereignisse ablehnen? Vieles auf einmal haben, auf verschiedene Weisen fühlen, das Leben in unterschiedlichen Quellen begreifen?… Wer konnte jemand anderem verbieten, ausgiebig zu leben?» Eine junge Frau denkt diese Gedanken im Blick auf ihren Ehemann, mit dem sie seit Kurzem verheiratet ist, der aber die Verbindung zu einer Freundin seit Kindertagen nicht aufgegeben hat, sodass diese jetzt ein Kind von ihm erwartet.Eine Konstellation, die wenigen frisch verheirateten Frauen gefallen dürfte. Aber Joana, die junge Heldin in Clarice Lispectors Roman «Nahe dem wilden Herzen», ist eben ganz anders als die anderen. Einen Menschen zu halten, interessiert sie nicht, – hasst sie es doch selbst, gehalten und in eine Konvention gepresst zu werden. Das Drama ihres Lebens scheint sich radikal in ihrem eigenen Inneren abzuspielen – eine fast ekstatische Freude, das eigene Leben körperlich und geistig zu empfinden, ist das wesentliche Thema dieses erstaunlichen Romans der erst 23-jährigen Clarice Lispector, der im Jahr 1943 publiziert wurde.

Radikal und modern

Aber das Erstaunen hört bei einer Feststellung der Modernität dieser sprachgewaltigen Autorin nicht auf. Das Buch war eine Ausnahmeerscheinung vor allem durch seine radikale Hinwendung zum eigenen Ich; zur vollkommen unpolitischen, aber auch an gesellschaftlicher Auseinandersetzung scheinbar uninteressierten Auseinandersetzung mit den eigenen subjektiven Empfindungen. Es erzählt in Ich-Form von der Selbstwahrnehmung der jungen Joana, die seit ihrer Kindheit den Zustand eines In-sich-selbst-versponnen-Seins erlebt; in einer vielleicht erzwungenen Unabhängigkeit von anderen Menschen. Denn die Eltern erscheinen merkwürdig abwesend – eine Mutter, vor der sie Angst hat; ein Vater, den sie verliert; eine emotional eher rabiate Tante, die kein Verständnis für das hochsensible Kind aufbringt. Später dann heiratet Joana Otavio – und sieht auch in dieser Beziehung jene tiefe Fremdheit bestätigt, die ihr seelisches Schicksal zu sein scheint. Das Buch, 1943 in Brasilien erschienen, rückte die schöne junge Lispector sofort ins Rampenlicht. Ihr Schreiben in Empfindsamkeitskurven – atemberaubend subjektiv, ichbezogen, körperbezogen, von einem merkwürdigen Pathos – stellte etwas Neues dar. Wer war die Autorin dahinter?

Eine Frau aus der Fremde

Clarice Lispector war die Jüngste aus einer ukrainischen Familie, der 1921 die Flucht aus der Katastrophenlandschaft der Pogrome und Massaker in Osteuropa gelungen war und die sich in Brasilien niedergelassen hatte. Anders als der im gleichen Jahr in Czernowitz (heute ukrainisch) geborene Paul Celan etwa konnte die jüdische Autorin dem Holocaust entkommen, nicht aber den von Gewalt und Schrecken geprägten Umständen ihrer Herkunft: Wie die gleichzeitig erschienene, hervorragende Biografie von Benjamin Moser detailliert erforscht hat, hatte ihre durch Vergewaltigungen mit Syphilis infizierte Mutter das dritte Kind – Clarice – bekommen, weil es den Aberglauben gab, eine weitere Geburt könne die Krankheit heilen. Stattdessen sah das Kind in seinen frühen Jahren seine Mutter dahinsiechen und verdrängte das Wissen um das erste, inmitten der Pogrome verbrachte Lebensjahr so sehr, dass Lispector später behauptete, schon mit zwei Monaten nach Brasilien gekommen – und überhaupt erst 1925 geboren zu sein. Lebenslang strickte Clarice Lispector, eine viel beachtete Autorin, an diesen Mythen; sie kämpfte darum, voll und ganz als Brasilianerin gesehen zu werden. Als Diplomatengattin – im Jahr nach Erscheinen von «Nahe dem wilden Herzen» heiratete sie – lebte sie auch eine Weile in der Schweiz und klagte über «diese entsetzliche Stille von Bern». Nach der Scheidung 1959 kehrte sie mit zwei Söhnen nach Rio de Janeiro zurück. Nun ist Clarice Lispector mit zweien ihrer Romane – auch «Der Lüster» ist bereits erschienen – wieder im Deutschen zu entdecken: eine mutige und eigenartige Stimme, der man sich dank der Biografie auch im Kontext ihrer Zeit und Herkunft nähern kann. Clarice Lispector: Nahe dem wilden Herzen. Roman. Aus dem brasilian. Portugiesisch von Ray-Güde Mertin. Schöffling & Co., Frankfurt 2013, 270 S., Fr. 28.50.Benjamin Moser: Clarice Lispector. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. Schöffling & Co., Frankfurt 2013, 564 S., Fr. 49.90.

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