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Winterthur, 1914

Auch in früheren Zeiten musste die Stadt sparen. Vor hundert Jahren waren die Umstände aber ungleich dramatischer. Ein Rückblick auf ein turbulentes Jahr, in dem viele Weichen gestellt wurden.

Vor hundert Jahren war vieles anders in Winterthur. Als Passant musste man sich beim Überqueren der Strasse nicht vor Autos in Acht nehmen – sie waren 1914 noch eine Seltenheit. Den Bahnhofplatz prägten von Pferden gezogene Omnibusse und die Ende des 19. Jahrhunderts eingeführten Tram-Waggons. Für zehn Rappen fuhr man mit dem Tram zur Endstation Töss, lange Zeit die einzige Linie der Stadt. Der durchschnittliche Winterthurer war reformiert, Arbeiter und wählte, wenn er ein Mann war, vor allem die Demokratische Partei. Er amüsierte sich an den selten stattfindenden Tanzabenden mit einer Flasche Bier zum Preis von 15 Rappen oder nahm je nach Wirtschaftslage das Angebot einer städtischen Suppenküche in Anspruch. Reiterbataillons in der Stadt Doch vor hundert Jahren war auch einiges gleich in Winterthur. 1914 musste an vielen Orten gespart werden. Das Jahr sei für den Gemeindehaushalt ein «ausserordentliches» gewesen, hielt der Stadtrat fest. Die Gründe lagen damals aber in dramatischen Ereignissen, welche die Stadt nicht beeinflussen konnte. Im Sommer des Jahres brach der Erste Weltkrieg aus, Reiterbataillons wurden in Winterthur zusammengezogen und an die Grenze geschickt. Viele Arbeiter fielen deshalb in den Fabriken aus. Der Stadtrat sprach für die Beschaffung von Lebensmitteln und für die Unterstützung von verarmten Familien einen schwer zu verkraftenden Kredit in der Höhe von 10 000 Franken. Am Samstagnachmittag frei Zu Beginn des Jahres war von den kommenden Herausforderungen noch wenig zu spüren. Der «Landbote» berichtete im Januar von der Montage von Gaslaternen in bisher dunkel gebliebenen Gassen. Eine freudige Nachricht für die Arbeiter war die Einführung der «Englischen Arbeitszeit». An Samstagen musste in den Fabriken fortan nur noch bis 12.30 Uhr gearbeitet werden und nicht mehr bis am Abend. Gefahren lauerten damals offenbar im Sonntagsvergnügen: Eine Reihe von Schlittelunfällen habe sich über den Jahreswechsel ereignet, schrieb die Zeitung. Verletzte seien zu beklagen, dar­un­ter auch «schwere Fälle». 1914 wurde ein bis heute beachtetes Wahrzeichen städtischer Baukunst errichtet: der Rosenbergfriedhof. Die «Schweizerische Bauzeitung» lobte die Architektur der Anlage und deren «friedliche Harmonie». Kein Wort verlor sie über die Dutzenden Arbeitslosen, welche die Stadt für den Bau kostengünstig rekrutieren konnte. Im selben Jahr teilte sich das Unternehmen Gebrüder Sulzer in drei Aktiengesellschaften auf und eröffnete das erste Verkaufsbüro in Japan. Etwa jeder zehnte der damals knapp 50 000 Einwohner der Stadt Winterthur ar­bei­te­te in Fabriken der Sulzer-Industrie. Immer mehr neue Arbeiterhäuser wurden gebaut, welche noch heute das Erscheinungsbild gesamter Stadtteile prägen. Auch für den öffentlichen Verkehr war 1914 ein wegweisendes Jahr. Mit dem Bezug des Tramdepots Deutweg an der Tösstalstrasse war der Grundstein für eine Erweiterung des Streckennetzes gelegt. Erst 1951 wurde das letzte Tram ausgemustert und das Depot gehörte ganz den Trolleybussen. Schelte vom «Landboten» Mit gesellschaftlichen Entwicklungen wie einer Tanzdemo mussten sich die Stadtoberen vor hundert Jahren noch nicht beschäftigen. Das wirtschaftliche Korsett war eng, die Moralvorstellungen entbehren aus heutiger Sicht nicht einer gewissen Ironie. Der «Landbote» konnte sich beispielsweise eine halbe Seite lang über Jugendliche enervieren, welche es sich zur Mode gemacht hatten, die Hirsche im Wildpark Bruderhaus zu necken. «Immer wieder fordern sie diese zu Wettrennen auf, welche die Hirsche im Gehege nur verlieren können.» Die Hirsche «schnaubten und brüllten vor Wut», die Jugendlichen aber lachten, monierte die Zeitung.

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