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Wir Idioten im globalen Dorf

Wir scannen uns blöd. Und werden dabei gehackt. Chris Kondek und Christiane Kühl zeigen an der Gessnerallee Zürich ihr neues Projekt «Anonymous P.».

Gehst du ins Theater, vergiss dein iPhone nicht. Sonst ist es ja immer so, dass man kurz vor der Vorführung immer darauf aufmerksam gemacht wird, doch bitte, bitte das Handy auszuschalten – jedes Theater hat schon eine Sammlung von ganz bösen Klingeltönen drauf. An der Gessnerallee ist es aber einmal ganz anders. Ohne Smartphone ist man da ein Niemand. Die Zuschauer müssen sich da erst einmal einchecken, damit sie in diesem Theater mitspielen können: Willkommen bei «Anonymous P».

Das Projekt von Chris Kondek und Christiane Kühl hat am Donnerstag Premiere im Theaterhaus Gessnerallee gehabt. Die beiden Theatermacher arbeiten seit 2004 zusammen. Er, geboren 1962 in Boston, ist Videodesigner, Tausendsassa in elektronischen Dingen, sie, Jahrgang 1966, aus Kiel, ist Autorin, Dramaturgin und Performerin. Gemeinsam ist ihnen das Interesse an laufenden Prozessen. Ihr letztes Projekt hiess auch: «Money – It Came From Outer Space». Immer ist ein bisschen Zukunft dabei. Und auch viel Spekulation.

Ein Identitätsklau

Jetzt geht es um den Umgang mit Daten. Und ohne QR-Code kommt man hier nicht ins Theater. Die Anleitung: Bitte verbinden Sie sich mit dem WLAN von AnonymousP. Das Passwort ist originellerweise «prometheus» (die Veranstaltung findet im Rahmen der Zürcher Festspiele statt – und das Motto ist ein Passepartout auf jedes Gebiet).

Am Terminal bekommt man dann von einer Check-in-Assistentin einen persönlichen Code, «den Sie bitte gut scanbar aufkleben». Dann die Aufforderung: «Folgen Sie auf Ihrem Smartphone den erscheinenden Anweisungen.» Ab jetzt bin ich nicht mehr ich, sondern Apollo. Einzig einem Justin hat Anonymous P. schon jetzt die neue Persönlichkeit geklaut.

Das tönt jetzt technisch ein bisschen kompliziert. In Wirklichkeit ist alles relativ einfach. Nach dem Check-in hat der Zuschauer auf der Jacke einfach ein Etikett mit Strichcode drauf, wie eine abgewogene Banane bei Migros oder Coop.

Verfolgt von Google

Das ist der Stoff, aus dem die Albträume sind, sagen Chris Kondek und Christiane Kühl. «Wir alle wissen, dass der Datenverkehr heutzutage abgeschnorchelt und gespeichert wird, wo immer dies möglich ist.» Ab jetzt spielen wir Menschen, die von einer grossen Suchmaschine verfolgt werden. Einerseits scannt sich das Publikum selber – und jeder gibt seine Einschätzungen über den anderen ins System ein: Ist diese Person ein Trendsetter? Hat diese Person Kontakt zu jemanden, der in Kontakt zu Kriminellen steht? Hat diese Person Affären?

Andererseits werden wir selber in «Anonymous P.» gehackt. Jeder hinterlässt in diesem Theater, das eine Art Begegnungszone ist, eine Datenspur – zu lesen ist sie als eine Warnung. Nur wer sich verstellt, kommt ungeschoren durch diese Brave New World.

In der Mitte des Raums steht ein Hackertisch mit vielen Computern drauf, hier kommen alle Informationen über das Publikum zusammen, und von dort geht jede Bewegung aus. Immer wieder melden sich Chris Kondek, Christiane Kühl und Phil Hayes, er ist der Dritte im Bund, zu Wort, sie machen uns aufmerksam, wie verletzlich unsere Privatsphäre ist. Achtung: Handyantennen!, sie registrieren jede Bewegung. Achtung, Strassenlaternen!, sie zwingen uns den Gang durch die Nacht auf. Achtung: Angela Merkel, die findet das Internet ganz gut. Das Publikum spielt an diesem knapp zweistündigem Abend das ganze NSA-Prometheus-Theater durch – und macht sich selber zum Idioten, was nach Medienwissenschafter Marshall McLuhan ein Kompliment ist. Er sagt, es brauche im globalen Dorf mehr Dorftrottel. Nur wer abgeschottet von der vernetzten Welt lebt, hat noch Privatsphäre.

Freibier gegen Daten

Der ganze Spielplatz, den Sonja Füsti in die Halle der Gessner­allee gebaut hat, ist dafür da, jeden Schritt des Publikums zu verfolgen: In diesem Laboratorium ist niemand allein. Big Brother schaut allen zu – und tut so, als wollte er uns nur warnen.

An der Bar gibts Bier und Mineral gegen Abgabe von Daten. Wer am umtriebigsten ist im Datensammeln, bekommt eine Flasche gratis. «Mir gehts nur ums Bier», sagt eine Frau, die mich scannt.

Die Schlussrunde ist ein Offenbarungsakt, wie viel man von sich preisgegeben hat. Die Erkenntnisse über Apollo bleiben bescheiden. Das System sagt: Um 20:00:03 bewegte er sich von der Umgebung NoWhere nach EinAusgang, um 20:00:12 hat er Neptune gescannt, dann die Lehrerin, Hermes und den Kellner. 20:15:05 bewegte er sich von der Umgebung EinAusgang nach Tisch, 20:20:02 von der Umgebung Tisch nach Hackertisch, dann wieder nach Tisch. Ausserdem glaubt niemand, sagt das System, dass dieser Apollo ein Trendsetter ist. Das kann doch nicht alles gewesen sein. National Security Agency, übernehmen Sie! Stefan Busz

Anonymous P. Gessnerallee Zürich, bis 7. Juli

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