Berg am Irchel

«Wir kämpfen ums Image der Blasmusik»

Ursula Buchschacher aus Berg am Irchel ist Präsidentin des Zürcher Blasmusikverbands. Ein Gespräch über Klischées, Jugend- und Frauenförderung und den Lehrplan 21.

Ursula Buchschacher in ihrem Garten: Sie liebt die Vielseitigkeit der Blasmusik und den Zusammenhalt in den Formationen.

Ursula Buchschacher in ihrem Garten: Sie liebt die Vielseitigkeit der Blasmusik und den Zusammenhalt in den Formationen. Bild: Marc Dahinden

Frau Buchschacher, Sie sind seit drei Jahren Präsidentin des Zürcher Blasmusikverbands. Wofür setzen Sie sich ein?
Ursula Buchschacher: Eines meiner zentralsten Anliegen ist die Nachwuchs-, die Jugendförderung.

Haben Blasmusikverbände ein Nachwuchsproblem?
Leider ja. Je nach Region mehr oder weniger.

Wie begegnen Sie diesem?
Wir setzen uns im Verband für eine gute musikalische Qualität in den verschiedensten Stilrichtungen und Stärkeklassen ein. Wir fördern junge Komponisten und junge Musiker mit Wettbewerben und der Weiterentwicklung in der Militärmusik.

« Der Lehrplan 21 klang so vielversprechend. Aber nun hat trotz aller guten Vorsätze die Musik zu wenig Platz.»

Arbeiten Sie auch mit den Musikschulen zusammen?
Ja. Sie sind für uns wichtige Partner. Eine der Errungenschaften ist der frische Wind in unserem Vorstand. Er hat viele junge Mitglieder, die sich selbst als Musiker, Lehrpersonen und Dirigenten engagieren und so nah bei den Themen und den Leuten sind. Dass eben schon in frühen Jahren, in der Familienphase Verbandsarbeit geleistet wird, ist so wichtig und fördert die Beteiligung von jungen Menschen. Auch die Schulen tragen eine wichtige Verantwortung.

Nehmen sie diese wahr?
Ich bin gerade etwas enttäuscht. Der Lehrplan 21 klang so vielversprechend. Nun hat trotz aller guten Vorsätze die Musik zu wenig Platz. Man fördert wo nötig mit Logopädie, Psychoterapie. Dabei könnte man Schwierigkeiten oft niederschwelliger begegnen. Ein Beispiel sind Migrationsfragen, man könnte da mit Musik so vieles abholen.

Es ist kein Musikunterricht an den Primarschulen vorgesehen?
Vorgesehen schon, nur wird sie sehr unterschiedlich gewichtet, und so gibt es gute und weniger gute Beispiele der musikalischen Förderung. Diese müsste standardisiert ihren wichtigen Platz im Fächerkatalog als Ausgleich zwischen den Kompetenzen einnehmen.

«Durch Musik kann man Schwierigkeiten oft niederschwelliger begegnen. Zum Beispiel bei Migrationsfragen, könnte man mit Musik so vieles abholen.»

Sie sind ja auch musiktherapeutisch tätig. Auf ihrer Internetseite ist ein Zitat Beethovens zu lesen: «Musik kann die Welt verändern.» Wie macht sie das?
Musik geht nicht über den Kopf. Die Wahrnehmung geht über die Sinne, das ist effektiver. Wenn man offen ist für die Kraft der Musik, dann ist vieles möglich.

Sie selbst waren lange Zeit auch musikalisch tätig. Wie kamen Sie zur Therapie?
Ich habe lange unterrichtet und festgestellt, dass man vielen Kindern helfen kann mit Musik. Die Wege der Lehrerin und der Musikerin kamen in der Heilpädagogik und der systemischen Beratung zusammen.

Wie kam es dazu?
Ich wollte mehr und mehr wissen, um wirklich helfen zu können. Gerade in meiner Zeit als Lehrerin in Glattbrugg habe ich nämlich vieles gesehen. Es gab Schlüsselkinder, solche, die geschlagen wurde. Ich ging an meine Grenzen. Wir müssen den Kindern und Jugendlichen das Beste zukommen lassen, das wir haben, um sie guten Gewissens in die Zukunft zu entlassen.

Wie genau hilft die Musik den Kindern?
Auf so viele Arten. In der Atmung, in der Sprache, aber auch in Bewegungsabläufen. Gerade bei ADHS hilft Musik oft besser als Ritalin, man kann den üblichen Schwierigkeiten fantastisch entgegenhalten.

«Bei ADHS hilft Musik oft besser als Ritalin»

Den Konzentrationsschwächen?
Mit Melodie und Rhythmus, Körperwahrnehmung und -bewusstsein lässt sich Konzentration lustvoll und nachhaltig trainieren und wird so auch auf die kognitiven Schulfächer übertragen.

Erarbeitet man mit Musik auch ein Selbstwertgefühl?
Absolut. Mit Lust und mit Freude lernen Kinder in den geschützten Rahmen der Musik eben sehr wohl zuzuhören, auszuführen, sich zu getrauen, genau die Dinge eben, die in der Schule oft nicht gut klappen.

Sie sind ja Berufsmusikerin über den Weg des damaligen Lehrerseminars. Warum wollten Sie nicht Musiklehrerin sein?
Ich habe schon auch Musikunterricht gegeben. Mir schien der breitere Weg geeigneter. Willi Gohl, der damalige Leiter des Winterthurer Konservatoriums gab mir den guten Rat, einen Weg zu gehen, auf dem ich Musik machen kann aber nicht muss. Dafür bin ich heute dankbar wenn ich sehe, wie schwer es junge Berufsmusiker oft haben.

Sie spielen Trompete, richtig?
Ich habe als Kind mit Querflöte gestartet, das Lehrerseminar auf Trompete abgeschlossen. Unterwegs habe ich Schlagzeug gelernt und das Dirigentendiplom erworben, noch hochschwanger 60 Jugendliche der Jugendmusik Bülach geleitet. 1990 bekam ich meinen Sohn, dann habe mich selbständig gemacht mit meinem «Zentrum für Musik und Lernfragen». So konnte ich viel Therapiearbeit von daheim aus machen. Zum Beispiel im Dorf mit Migrationskindern arbeiten aber auch mit Schülern, Familien und Lehrpersonen aus dem nahen und weiteren Umkreis mit den verschiedensten Fragestellungen.

«Blasorchester haben den grossartigen Vorteil, dass Menschen aller Alters- und Niveaustufen Erfahrungen sammeln und Teamgeist erleben können.»

Macht Ihr Kind Musik?
(Lacht) Ich hab’s mit mässigem Erfolg versucht. Er hat Klavierunterricht genommen. Später hat er dann angefangen zu rappen mit fantastischen Texten.

Ihr Herz schlägt für die Blasmusik. Warum?
Ich mag viele Arten der Musik und habe selber in der klassischen Musik und der Blasmusik gleichzeitig begonnen. Blasorchester haben den grossartigen Vorteil, dass Menschen aller Alters- und Niveaustufen musikalische Erfahrungen sammeln und wahren Teamgeist erleben können.

Denkt man an Blasmusik, so stellt man sich noch immer keine Frau in der Leitung eines solchen Gremiums vor.
In Wahrheit gibt es glücklicherweise immer mehr Frauen, die sich engagieren.

Die Ungleichheit in den Gremien und musikalischen Leitungen scheint sich langsam zu entspannen. Fördern Sie diese aktiv? Es gehört ja zu den Klichées, dass Blasmusik für Männer ist, die Vereine für ältere Herren.
Spannenderweise ist die Geschlechterfrage nicht mehr wirklich ein Thema bei uns. Wenn Sie mich so danach fragen, spielen die Fähigkeiten aber natürlich auch die Chemie eine Rolle, denn im Team der Musiker und noch viel mehr in der Funktion des Dirigenten müssen Vertrauen, Sympathie und natürlich die Fähigkeiten kombiniert mit pädagogischem Geschick harmonieren. Nur so kann man gemeinsam gut musizieren. Die Dirigentinnen etablieren sich, wann immer das alles passt.

Sie setzen sich also nicht aktiv für mehr Frauen in der Blasmusik ein, wenn ich Sie richtig verstehe?
Aktiv sein heisst für mich auch vorzuleben. Die Korps sind mit vielen Musikerinnen aller Generationen bestückt, darum ist das Thema Frau auch nicht mehr so zentral. Dazu kommt die Altersdurchmischung generell. Vereine müssen attraktiv sein, damit der Nachwuchs nicht ausbleibt und die Überalterung gestoppt werden kann, das ist das Wichtige. Wir kämpfen ums Image der Blasmusik.

«Vereine müssen attraktiv sein, damit der Nachwuchs nicht ausbleibt und die Überalterung gestoppt werden kann»

Welches sind denn die Vorurteile aus Ihrer Sicht? Uniformen, Bier und Marschmusik?
Die Vorurteile will ich nicht nennen, wohl aber die Vorzüge der Blasorchester. Sie sind vielseitig und im Repertoire in allen Stilrichtungen bewandert, schaffen Zusammenarbeitsformen mit Chören und Solisten, sind kreativ in Projekten verschiedenster Art, konzertieren in den schönsten Sälen aber auch im Freien und sind nicht wegzudenken aus dem kulturellen Leben von Gemeinden und Städten. Es wird mit Niveau und Qualität gearbeitet. Wir haben heute in der Blasmusik mehrheitlich Berufs- Dirigenten. Das ist eine völlig andere Ausgangslage, pädagogisch und musikalisch.

Auch Sie als Verbandspräsidentin sind Berufsmusikerin.
Ja. Für mich ist damit ein Traum in Erfüllung gegangen, die Entwicklung des Zürcher Blasmusikverbandes anzugehen und als Berufsmusikerin Präsidentin zu sein. Aber verstehen Sie mich nicht falsch, der Amateurgedanke ist zentral, es gibt so sensationell gute Leute. Amateure und Berufsmusiker zusammenzubringen in der Aus- und Weiterbildung, das ist uns gelungen.

Wie viel Zeit nimmt Ihr Amt eigentlich in Anspruch?
Wohl über 50 Prozent.

Sind Sie entschädigt?
Die Verbandsarbeit ist ehrenamtlich und wird minimal entschädigt. Darum kann der Einsatz in den Verbänden sowie in vielen anderen Freiwilligen-Organisationen nicht genug gewürdigt und verdankt werden. Dieser Dank gilt speziell meinem tollen Team. Mein Lohn ist die Freude, die ich obendrein noch weitergeben kann.

www.zhbv.ch (Der Landbote)

Erstellt: 03.05.2018, 17:02 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!