Zum Hauptinhalt springen

«Wir leben nicht im Schlaraffenland»

Das Swiss Medical Board ist wegen eines Berichts über den Nutzen von Mammografieprogrammen in die Kritik geraten. Eine Patientenschützerin und ein Gesundheitsökonom nehmen das Gremium in Schutz. Dessen Tätigkeit sei sehr wichtig.

Das Swiss Medical Board (SMB) hat in einem am Sonntag veröffentlichten Bericht von systematischen Brustkrebs-Screenings für Frauen über 50 abgeraten. Der Grund: Die Programme würden mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen. Organisationen, die sich dem Kampf gegen Krebs verschrieben haben, reagierten mit heftiger Kritik. Ohne neue Daten und mit umstrittener Methodik überzeuge der Bericht nicht, hiess es in einer Stellungnahme der Krebsliga Schweiz. Der Verband Swiss Cancer Screenings bezeichnete die Empfehlungen des SMB in einer Mitteilung gar als inakzeptabel. Und der Zürcher FDP-Ständerat und Präventivmediziner Felix Gutzwiller erklärte, in der Sache widerspreche der SMB-Bericht den Empfehlungen anerkannter Forschergremien weltweit. Therapienutzen überprüfen Doch wie beurteilen Fachleute ausserhalb der Krebsprävention das Gremium? Das Swiss Medical Board sei sehr wichtig, sagt Barbara Züst, Co-Geschäftsführerin der Stiftung SPO Patientenschutz. Die eidgenössische Kommission für allgemeine Leistungen und Grundsatzfragen überprüfe zwar Leistungen darauf, ob sie im Rahmen des Krankenversicherungsgesetzes (KVG) abgerechnet werden können. Doch betreffe das nur wenige Leistungen, weil der Gesetzgeber im Vertrauensprinzip davon ausgehe, dass alle ärztlichen Behandlungen KVG-konform, also wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich seien. Es gebe in der Medizin aber viele Behandlungen, die massenhaft angewendet würden, obwohl deren Nutzen sehr fraglich sei. «Es braucht deshalb in der Schweiz eine unabhängige Institution, die in ausgewählten Bereichen Verfahren und Therapien dar­auf überprüft, ob ein Nutzen gegeben ist.» Es sei richtig, dass das SMB sich mit den Brustkrebs-Screenings befasst habe, betont Züst. Die Krebsliga habe mit dem relativen Nutzen dieser Programme argumentiert. Es müsse aber klargestellt werden, dass die absolute Risikoreduktion gering sei. Dieser Befund sei nicht neu. In den USA sei es seit Jahren bekannt, dass die Screenings nicht viel brächten. Zu Recht hätten gewisse Kantone deshalb keine Brustkrebs-Screenings eingeführt. Branche reicht Problem weiter Grundsätzliche Kritik übt Gesundheitsökonom Willy Oggier. Die Politik fürchte sich vor Entscheidungen über den Leistungskatalog der Krankenversicherung, weil diese politisch riskant seien. Deshalb delegiere sie diese Aufgabe an ein Expertengremium wie das SMB. Wenn die Politik in der Lage wäre, sachlich zu entscheiden, bräuchte es das Gremium nicht. Oggier greift aber auch die anderen Akteure im Gesundheitswesen an. Denn eigentlich sei es Aufgabe der Leistungserbringer im Gesundheitswesen – Ärzteverband, Spitalverband, Pflegeverbände –, zu dokumentieren, welche Leistungen die gesetzlichen Kriterien bezüglich Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit erfüllten. Stattdessen reiche die Branche das Problem einfach an die Politik weiter, die selber vor allen heiklen Entscheiden zurückschrecke. Das SMB sei die einzige Instanz, die noch den Mut habe, auch unpopuläre Befunde zu thematisieren. In der Krankenversicherung, die über Zwangsabgaben finanziert werde, müsse immer wieder die Frage gestellt werden, was für Leistungen in welchem Umfang finanziert werden sollen, sagt Oggier. Denn die Finanzen seien endlich. «Wir leben nicht im Schlaraffenland.» Deshalb müssten einzelne Leistungen immer wieder miteinander verglichen werden. Die Finanzierung gewisser Leistungen schliesse andere aus. Deswegen brauche es Kriterien, anhand deren entschieden werden könne, welche Leistungen ausgeschlossen werden sollen. Die Mediziner sähen dagegen nur den einzelnen Patienten, dem sie um jeden Preis helfen wollten. Diese Einstellung sei in einer sozialen Krankenversicherung nicht aufrechtzuerhalten, weil die Gesellschaft nicht bereit sei, unbegrenzt Kosten zu tragen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch