Zum Hauptinhalt springen

«Wir machen es keiner Seite recht»

Das Thema Flüchtlinge sorgt in der Schweiz regelmässig für rote Köpfe. Der Leiter des Sozialdienstes Asyl in Winterthur, Simon Stark, äussert sich zu aktuellen Problemen.

100 000 syrische Flüchtlinge sollen in der Schweiz aufgenommen werden. Wie stehen Sie zu diesem Vorschlag? Simon Stark: Das politische Signal ist wegen der rund 6 Millionen Flüchtlinge in Syrien zu begrüssen. Als zweitgrösste Stadt im Kanton müssen wir 538 Personen beherbergen. Das funktioniert nach dem Verteilschlüssel des Kantons und entspricht einem halben Prozent der Einwohnerzahl. Wir schaffen es jedoch im Moment knapp nicht, so viele Personen unterzubringen. Hat der Kanton Verständnis, wenn Sie das Kontingent nicht erfüllen? Nein, der Kanton erwartet, dass die Stadt Winterthur das Problem löst. Wir hatten auch schon dringende Zuweisungen, weswegen wir ein paar Monate lang rund 40 Personen in einem Luftschutzkeller unterbringen mussten. Weswegen stellt Sie die Zahl von Flüchtlingen vor ein Problem? Es müssten laufend neue Unterkünfte bereitgestellt werden und dafür fehlt es an Akzeptanz in der Bevölkerung. Deswegen gibt es gegen die geplante Asylunterkunft Grüzefeld einen Baurekurs. Dieser hat Auswirkungen auf das gesamte Angebot an Asylplätzen in Winterthur. Ohne die Plätze in Grüzefeld kann die Unterkunft Hegifeld nicht saniert werden. Weswegen muss die Unterkunft Hegifeld saniert werden? Es wird nichts in sich zusammenfallen, aber seit den 60er-Jahren wurde nie saniert. Die Heizung ist alt und unsere sanitären Anlagen sind am Anschlag. Wir haben grosse Probleme wegen der alten Rohre. Die Abflüsse sind ständig verstopft. Gegen 200 Personen teilen sich die Küchen und die sanitären Anlagen. Beschweren sich Flüchtlinge über die Infrastruktur? Es gibt sehr viele Reklamationen. Eine vierköpfige Familie lebt bei uns in zwei Zimmern, das Konfliktpotenzial ist dementsprechend hoch. Es beschweren sich auch die Personen aus Syrien über die Zustände im Asylheim. Unter ihnen sind vor allem reiche Leute. Sie sind sich diese Wohnverhältnisse nicht gewöhnt. Wie reagiert der Kanton auf Beschwerden von Flüchtlingen? Der Zustand unserer Asylunterkünfte ist politisch akzeptiert. Ich selber bevorzuge die Unterbringung von Asylsuchenden in Wohnungen statt in Heimen. Die Konflikte entstehen wegen des engen Wohnraums. Die meisten hatten auch in ihrem Herkunftsland ein eigenständiges und selbstverantwortliches Leben geführt. Die Anwohner im Quartier hätten Angst vor den Flüchtlingen. Können Sie das verstehen? Das sind Ängste und Gefühle, die ernst genommen werden müssen, sich aber nicht immer rational erklären lassen. Es ist die Befürchtung vorhanden, dass die eigene Lebensqualität sinken würde durch die Zuwanderung. Auch Themen wie Drogenhandel und «Verslumung» bekommen wir im direkten Gespräch zu hören. Was können Sie gegen solche Ängste unternehmen? Es ist oft schwierig, auf rationaler Ebene einen Zugang zu finden. Im Neuwiesenquartier haben wir vor drei Jahren rund 50 Personen in einer Unterkunft aufgenommen. Weil über den Quartierverein ähnliche Ängste geäussert wurden, haben wir eine Meldestelle eingerichtet. In diesem Rahmen sind bei uns keine negativen Rückmeldungen eingegangen. Im Asylheim Hegifeld leben ­Familien bis zu zehn Jahre. Wie kommt es dazu? Wohnheime, wie das Hegifeld, sind für Personen gedacht, die in einem Asylverfahren sind. Das Problem ist nun, dass viele Personen mit einem positiven Entscheid, die also hier in der Schweiz bleiben dürfen, keine Wohnung finden. Gibt es zu wenig Wohnraum in Winterthur? Der Wohnraum ist knapp. Die Flüchtlinge haben aber ganz schlechte Chancen, einen Mietvertrag zu erhalten. Hier spielt wieder die fehlende Akzeptanz der Bevölkerung eine Rolle. Vermieter erzählen aber auch von schlechten Erfahrungen, die sie generell mit Sozialhilfebezügern gemacht haben. Das Problem ist nun, dass jeder fünfte Bewohner in einer Asylunterkunft zwar nicht mehr zum Asylkontingent zählt, aber weiterhin bei uns wohnt. Können Privatpersonen bei sich zu Hause Flüchtlinge aufnehmen? Es ist möglich, dass Flüchtlinge mit einem Untermietvertrag bei Privatpersonen ein Zimmer mieten. Allerdings gelten dann die Bestimmungen des Vertrags- und Mietrechts. Wir als Sozialberatung verfügen nicht über die Ressourcen, eine Betreuung vor Ort anzubieten und bei Konflikten sofort zu intervenieren. Personen aus Syrien haben oft traumatische Erlebnisse ­gemacht. Wie können Sie im Asylheim darauf reagieren? Die Situation ist schwierig. Der Platz ist knapp im Heim und es fehlen Tagesstrukturen und ein ruhiges Umfeld. Gesprächstherapien sind kaum in der Muttersprache möglich. Die Personen hier bekommen viele Medikamente verschrieben. Nicht nur für psychische Erkrankungen, viele der Beschwerden stehen aber in Zusammenhang mit psychischen Belastungen. Fühlen Sie sich falsch dargestellt in den Medien? Die Sozialhilfe und das Asylwesen werden hauptsächlich über den Sozialhilfemissbrauch thematisiert. Als Abteilungsleiter bin ich gefordert, meine Mitarbeitenden zu unterstützen. Einerseits steigt die Arbeitsbelastung, andererseits wird politisch und medial auf die sogenannte Sozialindus­trie eingeschlagen. Es ist so, dass wir es keiner Seite recht machen. Für die einen sind wir zu grosszügig, für die anderen zu hartherzig.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch