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«Wir müssen auf Gedeih und Verderb einen Konsens erreichen»

2014 sei ein sehr schwieriges Jahr gewesen, sagt Peter Maurer, Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Konflikte mit neuen Gruppierungen hätten das IKRK bis an die Grenzen beansprucht.

Herr Maurer, ist es nicht so, dass das IKRK mit seinen humanitären Einsätzen Kriege und Konflikte verlängert?

Peter Maurer: Das ist ein Vorwurf, der uns seit Bestehen der Organisation begleitet. Es gibt den berühmten Briefwechsel zwischen Florence Nightingale, der Gründerin der modernen westlichen Krankenpflege, und dem Gründungsvater des IKRK, Henry Dunant, der genau diese Thematik aufwirft, nämlich dass durch humanitäre Einsätze die Schrecken eines Krieges erträglich gemacht und verlängert werden...

...eigentlich wollten wir Sie mit dieser Frage aus der Reserve locken.

Das ist Ihnen misslungen, zumal dieses Argument sehr abstrakt ist, wenn man sich tagtäglich mit der humanitären Arbeit beschäftigt.

Kann man Sie provozieren?

Dagegen bin ich ziemlich resistent. Die Arbeit in unserem Bereich ist immer verbunden mit Gewaltkonflikten, und die sind immer hochemotional. Das hat auch Anfeindungen und Misstrauen zur Folge. Da muss man standfest bleiben und sich seiner Funktion bewusst sein, nämlich vertrauensbildend zu wirken und die eigenen Emotionen im Griff zu haben.

Haben Sie nie das Bedürfnis, einmal auf den Tisch zu klopfen und Tacheles zu reden?

In meiner Funktion ist vielmehr Geduld gefragt, um immer und immer wieder zu erklären, was wir machen. Ziel meiner Arbeit muss sein, dass ich nicht selber Teil des Konflikts werde. Es gibt eine feine Linie zwischen gestikulieren und unmissverständlich seine Meinung kundtun. Aber sicher muss man sich ab und zu zusammenreissen, etwa wenn in einem Gespräch offensichtlich gelogen wird und die Argumente zum Himmel stinken.

Werden Sie auch in solchen Momenten nicht laut?

Nein, das bringt nichts. Denn humanitäre Arbeit, wie wir sie verstehen, ist Konsensarbeit, und da helfen nur gute Vorbereitung und gute Argumente. Wir können nicht einfach wutentbrannt eine Sitzung verlassen. Wir müssen auf Gedeih und Verderb einen Konsens erreichen, weil das Leben vieler Betroffener direkt vom Ausgang eines solchen Gesprächs abhängen kann.

Sind Sie privat auch so beherrscht und zurückhaltend?

Nicht immer. Es gibt einen Peter Maurer, der privat nicht IKRK-Präsident ist und am Familientisch auch mal emotional werden kann.

Wann braucht es Sie in Konfliktregionen?

Wenn es nicht gelingt, politische Schwierigkeiten auf normalem Weg zu beseitigen, kann es sein, dass Mitarbeiter mich bitten, mit einem bestimmten Minister oder dem Präsidenten eines Landes das Gespräch zu suchen. Grund kann eine Gesetzgebung sein, die bestimmte Aktivitäten wie den Import von medizinischem Gerät verunmöglicht. Oder eine Visa-Bestimmung, die einem IKRK-Delegierten die Einreise verwehrt. Es gibt auch Situationen, in denen es politische Widerstände gegen die Arbeit des IKRK gibt. Oder Länder, die bestreiten, überhaupt in einen Konflikt verwickelt zu sein. Dann geht es darum, in Gesprächen gewisse Freiräume oder Garantien auszuhandeln, damit das IKRK überhaupt tätig werden kann. 2014 war ich unter anderem in der Zentralafrikanischen Republik, im Südsudan, im Irak und zweimal in Syrien.

Erhält der IKRK-Präsident in Konflikten bei jedem Staatsoberhaupt einen Termin?

In der Regel haben wir gute Chancen. Es ist aber nicht zwingend das Staatsoberhaupt, mit dem man sprechen muss, wenn man in einem Konflikt etwas bewegen will. Oftmals ist es genauso wichtig, mit dem Innenminister oder dem Chef der nationalen Sicherheit zu sprechen, weil diese stärker in die operationelle Arbeit involviert sind. Ein Staatschef gibt üblicherweise nur im Grundsatz grünes Licht für einen Einsatz des IKRK. Die Details müssen dann aber oft mit anderen Personen geregelt werden.

Sind Treffen mit Rebellenchefs schwieriger?

In diesen Fällen bin ich oft nicht der Hauptgesprächspartner. Damit wird dem Umstand Rechnung getragen, dass nicht staatliche Akteure einen andern Charakter haben.

Hat das auch damit zu tun, dass ein Treffen mit dem IKRK-Präsidenten für Rebellenchefs kein Prestigegewinn sein soll?

Natürlich beziehen wir auch die mögliche Aussenwirkung von solchen Treffen in unsere Überlegungen ein. Die Genfer Konventionen sehen aber ausdrücklich vor, dass Organisationen wie das IKRK mit nicht staatlichen Akteuren in Kontakt treten, um humanitäre Fragen zu lösen. Grundsätzlich haben wir daher keine Tabuzonen, wenn es darum geht, Zugang und Sicherheit für unsere Operationen zu verlangen. Allerdings ist es oft auch gar nicht im Interesse von nicht staatlichen bewaffneten Gruppen, mit dem IKRK-Präsidenten zu sprechen. Diese haben meist andere Prioritäten, als Hand zu bieten für humanitäre Operationen.

Nicht staatliche Akteure machen die Arbeit des IKRK also noch schwieriger.

Jene, die das Recht verletzen, sind ein Problem für unsere Arbeit. Millionen Menschen leben in Gebieten, die vom IS, von Boko Haram, von al-Shabaab oder von den Taliban kontrolliert werden. Dort bestehen gewaltige humanitäre Bedürfnisse. Es ist extrem delikat, in einem solchen Umfeld darüber zu verhandeln, was das IKRK dort für die Zivilbevölkerung oder Gefangene machen kann. Nur schon herauszufinden, wer in diesen Gebieten die Kontrolle hat, ist äusserst schwierig. Es sind ja keine Strukturen, von denen man im Internet ein Organigramm und eine Telefonnummer findet.

Wie stellt das IKRK den Kontakt zu Gruppierungen wie IS oder al-Shabaab her?

Manchmal können lokale Behörden oder andere Personen vor Ort Kontakte vermitteln. Manchmal können wir über soziale Netzwerke einen Kontakt herstellen. Häufig machen wir auch Testoperationen: Wir schicken einen Lastwagen los und schauen, wie viele Kontrollposten er passieren kann. An jedem Kontrollposten erhält man Kontakte oder Informationen darüber, wer ein Gebiet tatsächlich kontrolliert. Das ist sehr heikel und zeitaufwendig. Das ist der Grund, weshalb 2014 ein so schwieriges Jahr war. Wenn man plötzlich sieben oder acht Konflikte mit neuen Gruppierungen hat, dann beansprucht das eine Organisation bis an die Grenzen. In Staaten wie Afghanistan, der Demokratischen Republik Kongo oder Kolumbien, wo wir schon seit Jahren tätig sind, haben wir ein grosses Kontaktnetz und viele Telefonnummern. In der Ukraine müssen wir dieses Beziehungsnetz erst aufbauen.

Lässt sich der Zeitaufwand für den Aufbau eines Beziehungsnetzes quantifizieren?

In einem Konflikt wie jenem in Syrien mit sehr komplizierten Überlagerungen von staatlichen und nicht staatlichen Autoritäten machen Planung und Sicherung einer Operation durch diplomatische Kontakte 80 bis 90 Prozent des Aufwands aus. So dauerten die Verhandlungen mit allen involvierten Akteuren über einen Zugang nach Aleppo von Ende Januar bis Ende Juni 2014. Die Entsendung des Konvois und die Verteilung der Hilfsgüter dauerte dagegen nur gut eine Woche. Der Aufwand für die weiteren Konvois war dann viel kleiner, weil wir die Kontakte und Telefonnummern hatten.

Bereitet Ihnen die Zunahme nicht staatlicher Konfliktparteien Sorge?

Ja, sie machen unsere Arbeit ausserordentlich kompliziert. Bei den fünfzehn grössten Konflikten, die zusammen 80 Prozent des IKRK-Budgets verschlingen, handelt es sich grossmehrheitlich um Konflikte zwischen Regierungen und nicht staatlichen Organisationen.

Die meisten Konflikte, in denen das IKRK aktiv ist, haben einen islamischen Kontext. Das IKRK trägt mit dem Kreuz ein christliches Symbol im Namen und im Emblem. Ist das ein Problem?

Selbst wenn das IKRK Kenntnis von schweren Verletzungen der Menschenrechte hat, geht es damit nicht an die Öffentlichkeit. Ist die Vertraulichkeit die oberste Maxime?

Es ist eine wichtige Maxime unter anderen. Vertraulichkeit ist für uns ein wichtiges Instrument dafür, Zugang zu Gefängnissen und führenden Institutionen oder Personen zu erhalten, sodass wir uns für die Einhaltung des humanitären Völkerrechts einsetzen können. Der Deal ist, dass wir vertrauliche Informationen auch vertraulich behandeln. Wenn wir Missstände feststellen, diskutieren wir diese direkt mit der jeweiligen Behörde, aber niemals in der Öffentlichkeit. Vertraulichkeit ist nie Selbstzweck, sondern immer ein Instrument dafür, humanitäre Ziele zu erreichen.

Das IKRK steht im Ruf, auch dann weiterzuarbeiten, wenn alle anderen humanitären Organisationen ein Land verlassen haben. Was muss passieren, damit sich das IKRK aus einem Land zurückzieht?

Wenn wir in einem Land keine vernünftigen Sicherheitsgarantien mehr erhalten, ziehen wir uns zurück. So haben wir zum Beispiel in Libyen seit der Ermordung von Michael Greub im vergangenen Juni bis heute keine internationalen Delegierten. Ein anderer Grund, ein Land zu verlassen, ist, wenn sich die Zustände in den Gefängnissen trotz unserer Berichte in keiner Weise verbessern, wie das in Usbekistan der Fall war.

Ist der Rückzug der Delegierten das einzige Druckmittel, das Sie haben?

Es ist ein wichtiges Element. Bevor wir uns zurückziehen, versuchen wir auf anderem Weg eine Lösung zu finden. Manchmal ist es zum Beispiel hilfreich, mit einzelnen Vertragsstaaten der Genfer Konventionen das Gespräch zu suchen. Ich habe deshalb mehrmals öffentlich erwähnt, dass ich die Unterstützung durch Russland und den Iran im Fall Syriens begrüsse.

Wie gross ist die Belastung für IKRK-Delegierte, welche vor Ort dem Grauen eines Krieges ausgesetzt sind?

Wir schauen gut zur Gesundheit unserer Leute, weil viele in ihrer Arbeit nicht um traumatische Erlebnisse herumkommen. Aber wir müssen auch realistisch sein: Das Risiko ist gross, dass etwas hängen bleibt und die Biografie der Mitarbeitenden beeinflusst. So gab es Leute, die nach Einsätzen etwa nach dem Genozid in Ruanda nicht mehr ins Feld geschickt werden konnten.

Die Konflikte werden immer brutaler, was zu mehr posttraumatischen Belastungsstörungen führen dürfte.

Das kann ich nicht bestätigen, die Anzahl ist relativ konstant. Und wir beobachten genau, etwa anhand von unentschuldigten Abwesenheiten, bei welchem Mitarbeiter sich ein privates Problem auftun könnte. Wenn wir die Resultate unseres Monitorings mit jenen anderer Berufsgruppen vergleichen, stehen wir sehr gut da.

Das müssen Sie konkretisieren.

Bei den unentschuldigten Abwesenheiten liegen wir unter dem Durchschnitt der Arbeitnehmer in der Schweiz. Nebst all den traumatischen Erfahrungen gibt es eben auch eine andere Seite, nämlich dass IKRK-Mitarbeiter vor Ort etwas bewegen können. Sie müssen nicht zu Hause machtlos dem Grauen zuschauen, sondern können aktiv zur Linderung der Not beitragen. Das kompensiert vieles. Das zeigt sich auch in den Bewerbungen.

Wie?

Letztes Jahr hatten wir drei Todesfälle von IKRK-Delegierten zu beklagen und waren entsprechend oft in den Medien. Trotzdem hatten wir eine bisher noch nicht gekannte Zunahme von Anmeldungen von Interessierten für einen Job beim IKRK. So haben sich im vergangenen Jahr 18000 Leute für 450 Delegiertenjobs beworben.

Hat dies nicht vor allem Abenteurer angezogen?

Die gibt es sicher auch. Aber wir haben ein strenges Auswahlverfahren, welches solche Bewerber aussortiert. Zugegeben, die Selektion ist sehr schwierig. Schliesslich suchen wir Personen, die nicht übermässig Angst haben, aber gleichzeitig auch keine Abenteurer sind.

Für 2015 haben Sie ein Rekordbudget in Höhe von 1,6 Milliarden Franken vorgelegt. Werden Sie das Geld erhalten?

Ich bin zuversichtlich. Ob wir das Geld erhalten, wird sich erst Ende 2015 herausstellen. In den letzten Jahren ist es uns immer gelungen, zusätzliches Geld zu mobilisieren für humanitäre Krisen. Uns hilft, dass wir sehr konservativ budgetieren. Ins Budget kommt nur, was wir auch umsetzen können. Wir haben bei Projekten eine hohe Implementierungsrate von gegen 95 Prozent. Die Geber wissen also, dass das Geld weder liegen bleibt noch aus dem Fenster geworfen wird. Ein Grund für die Bereitschaft vieler Länder, das IKRK zu unterstützen, ist, dass wir laufend effizienter werden. Budgeterhöhungen haben wir immer mit Kostenbewusstsein verbunden. In den letzten zweieinhalb Jahren ist das Budget um über 40 Prozent gestiegen, während die Aufwendungen für den Hauptsitz in Genf nur um 1 Prozent zugenommen haben. Für Geberländer ist das ein wichtiger Indikator.

Das IKRK wird vor allem von den G-7-Staaten und Staaten in Westeuropa finanziert. Gelingt es Ihnen, neue Geldgeber zu gewinnen?

Unsere Geldgeber sind die OECD-Staaten und Kuwait, das im Kontext der Syrien-Krise ein Geberland geworden ist, auch weil die USA und europäische Staaten die Kuwaiter davon überzeugt haben. Es kommen aber neue Länder hinzu: Russland hat uns 2014 zum zweiten Mal unterstützt. Von China erhielten wir 2013 erstmals einen Beitrag. Mexiko hat mehr Geld gesprochen. Dennoch braucht es in der internationalen Gemeinschaft heute aber einen neuen Konsens über die Finanzierung von internationalen Tätigkeiten. Das wird nicht gehen, ohne dass die aufstrebenden Schwellenländer künftig einen grösseren Beitrag leisten.

Ist die Welt in den letzten Jahren schlechter geworden?

Es ist keine Frage von schlecht oder gut. Die Ordnungskraft des internationalen Systems und politische Lösungen fehlen gerade für die Konflikte, die viele Opfer produzieren. Beste Beispiele dafür sind Syrien, der Nahe Osten, die Ukraine oder Nigeria. Diese Konflikte können nur gelöst werden, wenn sich die grossen Player einigen und den Willen aufbringen, auf einen Frieden hinzuarbeiten.

Auffällig ist, dass sich viele Konflikte in und rund um islamische Staaten abspielen.

Subjektiv hat man tatsächlich den Eindruck, dass es in islamischen Gebieten am meisten Konflikte gibt. So sind etwa seit dem Arabischen Frühling die Gesellschafts- und Machtstrukturen in vielen Ländern enorm durchgeschüttelt worden, was zur Destabilisierung einer ganzen Region geführt hat. Das hat aber nicht so sehr mit der Religion an sich zu tun. Diese ist vielmehr ein zusätzliches Element neben vielen anderen, über welches bestehende Konflikte artikuliert werden.

Eine neue Entwicklung ist das Aufflammen des Ost-West-Konflikts. Erlebt der Kalte Krieg ein Revival?

Als Historiker glaube ich nicht so recht daran, dass sich Geschichte wiederholt. Aber es ist sicher so, dass der Kampf unter den Grossmächten wieder an Bedeutung gewonnen hat.

War dieses Gespräch für Sie voll mit Fallgruben?

Nein. Habe ich diesen Eindruck erweckt?

Sie haben in diesem Gespräch sehr vorsichtig formuliert, als ob Sie jede Aussage auf die Waagschale legen müssten.

Als Präsident des IKRK habe ich die Pflicht, zu informieren, soweit es geht. Schliesslich sind es die Steuerzahler in den einzelnen Staaten, welche mit ihrem Geld unsere Arbeit ermöglichen. Und selbst wenn das IKRK schweigt, muss ich das erklären können.

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