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«Wir müssen die normale Geburt schon fastrechtfertigen»

Bei Geburten werde zu oft medizinisch eingegriffen, sagt Marianne Haueter. Die 57-Jährige bildet Hebammen aus und engagiert sich im Hebammenverband.

Sie reisen beruflich für einige Wochen nach China. Was machen Sie dort? Marianne Haueter: Ich unterrichte Hebammenausbildnerinnen. Die Hebammen dort sind zwar theoretisch gut ausgebildet, aber das praktische Hebammenwissen ist verloren gegangen. Der Anteil der Kaiserschnitte zum Beispiel liegt bei hohen 50 Prozent, in gewissen Kliniken ist er sogar noch höher. Ist die Ausbildung von Hebammen verantwortlich für die Kaiserschnittquote? Ja, auch. Wenn die Hebammenausbildung und das Hebammenwesen marginalisiert und vernachlässigt werden, steigen die Eingriffe. Man kann das nicht nur in China beobachten, sondern auch in anderen Ländern, zum Beispiel in Brasilien, wo die Geburtshilfe vorwiegend in den Händen von Ärzten ist und das Hebammenwesen kaum existiert. Fördern gut ausgebildete Hebammen die normale Geburt? Ja. Ziel der Hebammenarbeit ist es, die Frau im natürlichen Prozess von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett zu unterstützen. Heute müssen wir die normale Geburt schon fast rechtfertigen. Es ist manchmal ein Elend, zu sehen, wie viel interveniert wird, wo man doch eigentlich weiss, dass es nicht nötig wäre. Darüber, was nötig ist und was nicht, ist in der Schweiz ein Streit zwischen Hebammen und Gynäkologen entbrannt. Streit ist zu viel gesagt. Die Betrachtungsweisen sind unterschiedlich. Ärzte haben Krankheiten und Risiken im Fokus. Die meisten schwangeren Frauen sind aber völlig gesund. Das ist das Drama der Geburtshilfe: Das normale physiologische Geschehen wurde in ein medizinisches Korsett gezwängt. Geburten sind von Angst besetzt, im Zentrum steht die Risikoverminderung. Begleitung und Unterstützung kommen zu kurz. Es gibt doch sehr viele Fachpersonen, die sich um Gebärende kümmern. Das ist für gesunde Frauen kein Vorteil. Die Begleitung ist stark zerstückelt. Eine Frau sieht manchmal mehr als zwanzig verschiedene Leute von der Schwangerschaft bis zum Wochenbett, die Kontinuität fehlt. Die Arbeitsteilung in den Spitälern nimmt unter dem Rationalisierungsdruck zu: Jemand misst den Blutdruck, jemand bringt das Essen, und jemand macht noch etwas Hochspezialisiertes. Neuerdings werden Casemanager ausgebildet, damit bei der Patientenbehandlung jemand den Überblick behält. Im Fall von gesunden gebärenden Frauen ist diese Entwicklung absurd. Was wäre denn eine ideale Geburtsvorbereitung? Jede Frau soll wählen können, aber als Standard müsste ein Modell etabliert werden, das Kontinuität garantiert. Ein Vorbild ist Neuseeland: Wer schwanger ist, sucht nicht einen Arzt, sondern eine Hebamme auf, diese bleibt Ansprechperson während des gesamten Prozesses bis zum Wochenbett, sonst bezahlt die Krankenkasse nicht. Wenn Abklärungen nötig sind oder Komplikationen auftreten, überweist die Hebamme die Frau zum Spezialisten. Für Ultraschallabklärungen sind doch Ärzte nötig. Die Hebammen können die Frau dafür an einen Gynäkologen überweisen. Die Aussagekraft von Ultraschall wird aber überschätzt. Mehr als zwei Untersuchungen bringen bei einer unauffälligen Schwangerschaft keinen Nutzen. In der Schweiz sind gesunde Frauen während der Schwangerschaft medizinisch überversorgt. Es beruhigt, wenn eine Ärztin oder ein Arzt involviert ist. Das mag sein. Pränataldiagnostik ist den werdenden Eltern verständlicherweise wichtig, weil sie Sicherheit wünschen. Aber das ist manchmal eine Scheinsicherheit, denn verschiedene Fehlbildungen lassen sich nicht entdecken. Es gibt keine Garantie auf ein gesundes Kind. Trotzdem hat das Risikomanagement überhandgenommen, das Schicksal akzeptieren wir heute nicht mehr. Man hat noch ein oder zwei Kinder, diese sollten gut herauskommen. Deshalb ist auch so viel Angst im Spiel. Aber es ist doch logisch, dass man sich eine medizinische Intervention wie die Einleitung der Geburt oder einen Kaiserschnitt wünscht, wenn ein Risiko besteht. Ich meine nicht Situationen, in denen ein Befund vorliegt und ein Eingriff deshalb berechtigt ist, sondern potenzielle Risiken wie eine Terminüberschreitung, bei denen quasi prophylaktisch gehandelt wird. Eingriffe bergen eben auch Risiken, das geht oft vergessen. All die aus Statistiken abgeleiteten Risiken und daraus resultierenden Empfehlungen haben mit dem Einzelfall nichts zu tun. Wichtig ist, die individuelle Situation zu betrachten und auch die Informationen einzubeziehen, die sich aus der Kommunikation zwischen Mutter und ungeborenem Kind ergeben. Frauen wissen in der Regel, wie es ihrem Kind geht, und spüren, wenn etwas nicht stimmt. Wenn man das einfach ignoriert, weil es nicht gemessen werden kann, dann besteht das Risiko, dass die Frauen ihrem Körper nicht vertrauen und dessen Zeichen missachten. Haben Hebammen das Wissen, um Krankheitsbilder zu erkennen? Ja. Hebammen sind so ausgebildet, dass sie Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett eigenständig begleiten können. Dazu gehört, zu erkennen, wann ein Arzt beigezogen werden muss. Und bei der Geburt? Bei einer normalen Geburt müsste kein Arzt dabei sein, das ist Ressourcenverschleiss. Hebammen sind bestens qualifiziert. Sie können auch einschätzen, in welcher Phase sich die Geburt befindet, wie lange diese dauert und ob es eine Frau mit entsprechender Unterstützung schafft. Die Anwesenheit eines Arztes kann dazu führen, dass die Frau in der happigsten Phase eine Rückenmarksanästhesie angeboten bekommt. Was ist schlecht daran? Jede Intervention stoppt oder verändert das Geschehen. Eine Geburt ist stark hormonell gesteuert. Wenn man diesen Prozess stört, gibt es Kaskadeneffekte. Rückenmarksanästhesien stoppen die Ausschüttung von körpereigenem Oxytocin und Endorphin, die Wehen auslösen und Schmerzen mindern. Die Geburt kommt ins Stocken, und es müssen Wehenmittel verabreicht werden. Ein weiteres Beispiel sind Geburtseinleitungen, bei denen Wehen künstlich ausgelöst werden. Diese sind oft schmerzhafter, weil der Körper keine Endorphine ausschüttet, also werden Schmerzmittel nötig. All das kann man oft verhindern, indem man den Frauen Ruhe, Schutz und Unterstützung bietet. Läuft der ganze Prozess ungestört ab, haben wir in der Regel ein zufriedenes Kind und eine gesunde Mutter, die dank der Endorphine in einem euphorischen Zustand ist, der die Strapazen vergessen macht. Und sonst? Bei Geburten mit Interventionen erlebt man oft Neugeborene, welche die Geburt offenbar zuerst verarbeiten müssen, weil sie noch unter einer grösseren Menge Stresshormone stehen. Sie schreien häufiger, sind unruhiger, und beim Stillen kommt es öfter zu Problemen. Oxytocin ist auch ein Bindungshormon, es erleichtert die Beziehungsaufnahme zum Neugeborenen. Natürlich entsteht die Bindung zum Kind auch nach einem Kaiserschnitt, aber es braucht einen Zusatzaufwand. Eine Kaiserschnittgeburt hat zudem den Nachteil, dass das Kind nicht mit den Keimen der Mutter besiedelt wird. Das hat einen Einfluss auf die Entwicklung des Immunsystems. Die Phase nach der Geburt erleben Gynäkologen nicht mehr. Diese Anpassungs- und Bindungsprozesse interessieren meist nicht gross. Im Wochenbett sind die Frauen unterversorgt. Dabei ist das eine anstrengende Zeit. Das Zurechtfinden in der neuen Rolle ist anspruchsvoll, die Frauen sind Tag und Nacht gefordert. Bräuchte es mehr medizi-nische Unterstützung in dieser Phase? Nein, mehr soziale. Natürlich sind medizinische Kontrollen nötig, aber das ist der kleinste Teil. Vor allem braucht es jemanden, der den Müttern und auch den Vätern Sicherheit gibt, sie bestätigt und unterstützt. Werden Mütter nach der Geburt zu früh aus dem Spital entlassen? Sie werden in der Regel am zweiten oder dritten Tag entlassen. Früher blieben sie mindestens fünf Tage. Aber das wäre eigentlich kein Problem, nur ist der dritte Tag gerade der dümmste für die Heimkehr. Die Hormone fallen ab, die erste Euphorie ist weg und der Milcheinschuss kann schmerzhaft sein. Es ist oft ein sogenannter Heultag. In anderen Ländern wird ambulant geboren. Das wäre viel besser. Meinen Sie das ernst? Ja. Eigentlich würden die Frauen besser am ersten Tag nach Hause gehen und sich von einer Hebamme ambulant betreuen lassen. Aber sie haben oft zu Hause die Entlastung nicht, die sie dringend brauchen. Nach einer Geburt sollte sich eine Frau sechs bis acht Wochen schonen. Der Berner Hebammenverband hat mit einer Petition mehr Verantwortung für Hebammen gefordert. 50000 Unterschriften waren Ihr Ziel, es kamen aber nur 17 000 zustande. Wir haben den Aufwand in den sechs Monaten der Unterschriftensammlung unterschätzt. Trotzdem waren wir mit der Anzahl Unterschriften am Schluss zufrieden. Unterstützen alle Hebammen diese Petition? Ja, aber es gibt solche, die nicht mehr Verantwortung übernehmen wollen. In Kliniken sind junge Hebammen auch bei gesunden Frauen immer von Spezialisten umgeben, das fördert das Vertrauen in die eigenen Kompetenzen und den Schritt in die Selbstständigkeit nicht unbedingt. Eine kontinuierliche Betreuung heisst auch, mehr auf Pikett zu sein. Für manche Hebammen wären solche Arbeitszeiten nicht möglich.

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