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«Wir sind alle schizophren»

In Zürich wurde gestern die Kampagne zur Entstigmatisierung von psychischen Krankheiten lanciert. Wulf Rössler, der frühere Chef der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, hat Fragen zur Stigmatisierung untersucht – und dabei teils überraschende Erkenntnisse zutage gefördert.

Waren Sie selber schon mal psychisch krank? Wulf Rössler: Sagen wir es einmal so: Mir geht es auch nicht immer gut. Ich habe wie jeder andere Mensch auch meine guten und meine schlechten Tage. Hinzu kommt, dass ich einmal ein Burn-out hatte. Im Unterschied zu den meisten Patienten verfüge ich aber über genügend Techniken und Strategien, um zu wissen, wie man mit einer solchen Si­tua­tion umgeht. Konkret hiess das in meinem Fall, dass ich mein Arbeitsumfeld so umstrukturierte, dass ich wieder mehr Luft hatte. Ab da ging es mir dann besser. Kann man es sich denn als Koryphäe in der Psychiatrie, wie Sie es sind, überhaupt leisten, psychisch krank zu sein? (Schmunzelt) Nun, die breite Öffentlichkeit geht ja ohnehin davon aus, dass die Fachleute aus diesem Umfeld selber nicht ganz dicht sind. Aber letztlich ist es doch so, dass alle Mitarbeitenden in der Psychiatrie ein Spiegel der Gesellschaft sind. Sie finden dort genauso viele Gesunde und Kranke wie anderswo auch. In der Einladung zum Start der Kam­pa­gne zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen heisst es, dass jeder zweite Mensch in seinem Leben einmal eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung erlebt. Das ist eine sehr hohe Zahl. Da haben Sie recht. Aber diese Zahlen stimmen tatsächlich. Gerade die epidemiologische Zürich-Studie zeigt dies klar. Wir begleiten da Menschen bereits seit dreissig Jahren und befragen sie hinsichtlich ihrer psychischen Gesundheit immer wieder neu. Diese Studie macht beispielsweise deutlich, dass zwei Drittel aller psychiatrischen Erkrankungen bis zum 25. Altersjahr auftreten. Im Vordergrund stehen dabei Angsterkrankungen, Depressionen bis hin zu sehr häufig vorkommenden psychotischen Sym­pto­men. Ich hätte deshalb gerne mal eine Kam­pa­gne gemacht mit dem Titel: Wir sind alle schizophren. Und warum? Im Prinzip gibt es kein psychiatrisches Symptom, das wir nicht alle kennen. Wir können also nicht so tun, als hätte dies alles nichts mit uns zu tun. Wenn wir auf andere zeigen, dann schauen immer auch einige Finger auf uns zurück. Noch 2012 hat die überwiegende Mehrheit der Zürcherinnen und Zürcher gesagt, dass es ihnen gut bis sehr gut geht. Lügen denn diese Leute? Nein. Aber das Leben besteht mehr als aus der einen Frage: Geht es dir gut? Denn man müsste beispielsweise auch fragen: Welche Probleme beschäftigen dich derzeit und wie gehst du mit ihnen um? Allein die Tatsache, dass fast 50 Prozent der Partnerschaften geschieden werden, lässt auf mannigfaltige psychische Schwierigkeiten schliessen. Der Kam­pa­gnen-Slogan heisst nun aber ja gerade: «Wie geht’s Dir?». Viele stellen diese Frage, ohne wirklich wissen zu wollen, wie es dem andern geht. Da stimme ich Ihnen nicht ganz zu. Die Frage ist nicht nur eine Höflichkeitsfloskel. Denn sie gibt dem Ge­gen­über tatsächlich die Möglichkeit, von seinen Sorgen zu erzählen. Ich empfinde deshalb diese Frage, in der man nach dem Befinden der anderen Person fragt, als ausserordentlich wichtig. Wie kann man Stigmatisierungen von psychisch kranken Menschen konkret vorbeugen? Indem man sich die wichtige Erkenntnis vor Augen hält: Das könnte mir auch passieren. Und: Das, was diese Person durchmacht, kenne ich auch – wenn auch vielleicht in einem eher schwächeren Ausmass. Es geht also darum, nicht die Unterscheidung zu machen zwischen denen und uns. Zudem kennt fast jeder von uns – wenn man nicht gar selber betroffen ist – eine Person in seinem Umfeld, die ein psychiatrisches Problem hat. Es geht also auch darum, der Verleugnung von psychischen Erkrankungen entgegenzutreten. Früher hiess es, jemand sei verhaltensgestört. Dann benutzte man das Wort «verhaltensauffällig» und heute verwenden manche das Wort «verhaltensoriginell». Inwieweit hilft die Sprache zur Entstigmatisierung? Das ist ein wichtiger Punkt. Die Linguisten sagen: Die Sprache determiniert das Denken. Die Sprache über und mit allen Menschen sollte positiv besetzt sein. Und genau so, wie wir ja manchen Künstlern durchaus zugestehen, dass sie nicht ganz in Ordnung sein dürfen – und diese dann deshalb in der Gesellschaft eine gewisse Narrenfreiheit geniessen –, so sollten wir auch jenen Personen, die psychisch beeinträchtigt sind, zugestehen, anders sein zu dürfen. Die Kam­pa­gne gegen die Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen arbeitet auch mit Plakaten. Wie nachhaltig ist das? Ich bin sehr dankbar, dass es diese Kam­pa­gne gibt. Aber eine der entscheidenden Fragen wird tatsächlich sein, wie nachhaltig sie ist. Denn die Gefahr ist gross, dass das Gesehene und Gehörte wieder relativ rasch verpufft und in Vergessenheit gerät. Dieses Risiko können wir jedoch kaum ausschalten. Die Herausforderung für uns besteht dar­um darin, dass wir mögliche Effekte dieser Kam­pa­gne über einen langen Zeithorizont aufrechterhalten können. Interview: Thomas Münzel

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