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Wo die Ukrainer frei von Janukowitschs Fesseln sind

Nirgendwo ist die Solidarität für den Kiewer Majdan so gross wie in der westukrainischen Metropole Lwiw. Dort hat die Opposition bereits das Sagen.

Oleh Radik ist fest entschlossen. «Ich habe mir extra das Schengen-Visum nicht erneuern lassen», sagt , «ich bleibe, denn mein Platz ist nun hier in der Ukraine.» Flugblätter und Boykottkleber liegen in seiner Küche herum. Tagsüber stand der Vierzigjährige letzte Woche oft zusammen mit seiner Aktivistengruppe vor einem der grossen Supermärkte und versuchte, die Lemberger davon abzubringen, die Produkte des Janukowitsch-Clans zu kaufen. Mit Tomatenmark rührte er rote Farbe an und goss sie auf die Treppen der Oligarchenbanken. Nun tropft richtiges Blut auf den Strassen der Ukraine.

«Banditen beherrschen diesen Staat und die Polizei steckt unter derselben Decke», sagt Radik. Zuerst hatte er mitgeholfen, die Barrikade um die ­Gebietsverwaltung aufzubauen, dann aber sein Feld verlagert. «Die Regierungspartei kennt keine Ideologie ausser Geld», analysiert Radik. Dies müsse sich die Opposition zunutze machen. Wenn es indes sein müsse, verlege auch er sich wieder auf radikalere Aktionen, sagt Radik.

Seelenlose Wohnsilos sowjetischer Bauart haben in Radiks Wohngegend die romantischen Gassen der Innenstadt verdrängt. Junge Männer lungern vor dem Hauseingang herum, rauchen und trinken. Geld für die vielen neuen Cafés auf dem Lemberger Marktplatz haben sie keines. Knapp 800 000 Einwohner hat die westukrainische Verwaltungsmetropole; in Wirklichkeit dürfte es aber eine Million sein, heisst es im Rathaus.

Dort hat Bürgermeister Andrij Sadowy an der Fassade ein grosses Plakat anbringen lassen. «Freie Stadt freier Bürger», heisst es darauf. Er fühle sich alleine seinen Wählern verantwortlich, sagt Sadowy im Gespräch. Die Drohungen aus Kiew, den Geldhahn für das aufmüpfige Lwiw abzudrehen, quittiert Sadowy mit einem Hinweis auf die ukrainische Verfassung. Die Orange Revolution und nun dieser neue Majdan hätten die Einwohner der Stadt verändert und ihnen die Angst genommen, erklärt der parteilose Lemberger Bürgermeister. «Alleine die letzten drei Monate haben andere Ukrainer hervorgebracht», sagt Sadowy. Hier in Galizien, wo die Sowjetmacht erst nach 1945 begonnen habe, wolle niemand mehr ein Sklave sein.

Entführt und gefoltert

Sadowy hatte dies schon am Begräbnis von Juri Werbitzki Ende Januar gesagt. Der Lemberger Künstler gehört zu den ersten Opfern des neuen Volksaufstands. Er wurde aus dem Spital entführt und zu Tode gefoltert, vor allem weil er aus Lwiw stammte. Dass ihm, der sich vor drei Monaten sofort auf den lokalen Majdan gestellt und den Kiewer Demonstranten die Solidarität seiner Stadt versichert hatte, Gleiches drohen könnte, interessiert Sadowy kein kleines bisschen. «Die heute Regierenden müssen sich eines bewusst sein: Sie sind nicht ewig an der Macht und auf alle wartet ein letzter Richter», sagt er.

Vor Monatsfrist – am Tag nach den ersten Schüssen auf wehrlose Demonstranten in der Kiewer Gruschewski-Strasse – stürmten Lemberger Aktivisten der Opposition die Regionalverwaltung. Janukowitschs Gebietsverwalter Oleh Salo wurde vor Fernsehkameras zu einen handschriftlichen Rücktrittsgesuch gezwungen. Eine Bürgerpatrouille bewachte daraufhin drei Wochen die von der Kiewer Machtzentrale benutzte zweite und vierte Etage des Verwaltungsgebäudes. Gleichzeitig übernahm der Präsident des Lokalparlaments, Petro Kolodyj, so gut es ging, die Aufgaben des vertriebenen Gouverneurs. Ähnlich ging die Opposition in sechs weiteren westukrainischen Oblasts vor.

Drei Wochen Demokratie

Kiew habe sich davor gehütet, den Geldfluss zu stoppen, um ja keine Sezessionsgelüste zu befeuern, erzählt Andrij Holowka, Chef der grössten Fraktion im Lokalparlament, der Partei «Swoboda» («Freiheit»). «Drei Wochen lang hatten wir hier die Demokratie», sagt Holowka. Dann kam aus der Kiewer Drei-Parteien-Oppositionszentrale die Bitte, die Gebietsverwaltung freizugeben. «Das war eine Goodwill-Aktion der Opposition vor allem für den Westen», erklärt Holowka. «Wir wollten zeigen, dass wir keine Extremisten sind», sagt der Fraktionschef von «Swoboda».

Inzwischen ist das Verwaltungsgebäude in Lwiw wieder besetzt. Nach der neusten Eskalation haben die Lemberger jedoch gleich auch die Staatsanwaltschaft, die Delegatur des Innenministeriums, den Sitz des Geheimdienstes und mehrere Kasernen mit Barrikaden blockiert. Inzwischen haben viele Sicherheitskräfte desertiert. Das Lokalparlament hat die Macht wieder übernommen.

Ausgeburt der Sowjetunion

Der bewaffnete Widerstand gegen die Sowjetmacht dauerte in Galizien und der Westukraine bis weit in die Fünfzigerjahre. Daran erinnert man sich jetzt wieder. Denn Janukowitsch, der 2010 sechs Prozent der Stimmen in Lwiw bekam, ist für die Lemberger nicht nur ein Krimineller, sondern auch eine Ausgeburt der verhassten Sowjetunion. So erstaunt es nicht: Jeder zweite Demons­trant auf dem Kiewer Majdan stammt aus der Westukraine, jeder dritte aus Lemberg und Umgebung.

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