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Wo Frauen noch immer Männer sind

Region. Dinhard setzt seit vergangenem Sonntag in der Verfassung bis ins Detail auf Gleichberechtigung. Einige Nachbargemeinden umgehen das mit einem Trick – und schreiben weiterhin nur von Männern. Die Kritik der Expertin: «Das ist nichts als denkfaul.»

Wort für Wort hat der Dinharder Gemeindeschreiber Martin Schmid die Gemeindeordnung durchforstet. Seine Aufgabe war es, die Verfassung zu überarbeiten, weil die Gemeinde das Sozialwesen nach Seuzach ausgelagert hat. Beim genauen Lesen ist dem aufmerksamen Schmid aufgefallen, dass Mann und Frau nicht in der ganzen Gemeindeordnung gleichgestellt sind. Im 17-seitigen Papier existierte nur ein Betreibungsbeamter und ein Gemeindeammann. Ansonsten verwendet Dinhard für alle Berufe stets die männliche und weibliche Form, also «der Präsident bzw. die Präsidentin». , Am letzten Sonntag haben die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger nun entschieden, dass in ihrer Verfassung auch eine Betreibungsbeamtin und eine Gemeindeamtsfrau verankert sein sollen. «Frauen sind mitgemeint» Auf die Sprachregelung mit der Abkürzung «bzw.» haben sich in den letzten Jahren einige Gemeinden in der Nähe Winterthurs geeinigt. Darunter auch Seuzach, Wiesendangen und Andelfingen. Einige Dörfer wie Trüllikon, Ossingen und Brütten beharren jedoch auf den männlichen Berufsbezeichnungen oder weichen auf geschlechtsneu­trale aus. In Pfungen zum Beispiel finden sich bloss Präsidenten, Friedensrichter oder Lehrkräfte. Frauen existieren nur bei den «Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im schulischen Bereich». Trotzdem müsse sich niemand ausgegrenzt fühlen, sagt der stellvertretende Gemeindeschreiber und Bausekretär Reto Amstutz. Dafür sorge der Satz am Anfang: Deshalb seien die Frauen stets mitgemeint. Pfungen hat seinen Verfassungstext 2009 überarbeitet. Amstutz war zwar nicht direkt beteiligt, kann sich aber erinnern, dass diese Regelung «keinerlei Diskussionen ausgelöst hat» – weder im Gemeinderat noch in der Gemeindeversammlung oder im Dorf. Nur männliche Bezeichnungen zu verwenden, sei gemäss Richtlinien des Bundes «ausdrücklich ausgeschlossen», sagt , Linguistin an der ZHAW. Geschlechtergerechte Formulierungen verlange schon das Sprachengesetz von 2007. «Mit dem Satz, Frauen seien mitgemeint, stiehlt man sich aus der Verantwortung.» Ihren Studentinnen und Studenten sage sie jeweils, darin zeige sich Denkfaulheit. Kniff aus der «Grauzone» Als «faul» würde Kurt Nafzger sich und den Neftenbacher Gemeinderat nicht bezeichnen. Als Gemeindeschreiber hat er die Verfassung vor vier Jahren überarbeitet und dem Stimmvolk ebenfalls einen einleitenden Satz und die männliche Form vorgeschlagen. «Das war eher Gewohnheit.» Der Anfangssatz sei ein Trick, den sie verwendet hätten, um umständliche Formulierungen zu umgehen. «Es ist mir bewusst, dass sich dieser in einer Grauzone befindet.» Würde Nafzger die Gemeindeverfassung heute überarbeiten, wählte wohl auch er bei jeder Bezeichnung die männliche und weibliche Form: «Dann bleibt die Kirche im Dorf.» F machte sich SP-Kantonsrätin Julia Gerber Rüegg schon vor 20 Jahren stark und erreichte damit internationale Bekanntheit (siehe unten). Heute zieht sie eine «durchzogene Bilanz». In Gesetzestexten sei die sprachliche Korrektheit von Amtes wegen gegeben, wie das Beispiel des aufmerksamen Dinharder Gemeindeschreibers zeige. «Wir Frauen verlangen auch auf anderen Ebenen Gleichbehandlung, etwa was Löhne, Laufbahn, Haushalt und Familie betrifft.» Auch wenn die Sprache diesen Forderungen nur als Transportmittel diene, sei ihre sorgfältige Pflege trotzdem wichtig. «Schliesslich prägt die Sprache das Denken.»

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