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Wo schmerzende Füsse sich lohnen

Zum neuen Jahr laden etliche Veranstalter in Wien zu ihren Bällen ein. Rund 450 finden pro Saison statt. Was fasziniert die Österreicher so am Tanzen? Eine Spurensuche.

Mit Reitstiefeln und braunem Frack schreiten rund zwanzig Bereiter der Wiener Hofreitschule zu den Klängen der Eröffnungsfanfare über die 450 roten und weissen Karos, die den Boden der Winterreitschule bedecken. Dort, wo sonst Lipizzaner-Pferde in der Wiener Hofburg Pirouetten drehen, findet alljährlich im Sommer die Fête Impériale statt, ein Ball zugunsten der Reitschule. Am Arm der Herren laufen die Ehrendamen, die meisten in roten, bodenlangen Kleidern gewandet. Wir Pressevertreter lugen von der Balustrade aus gebannt aufs Parkett hinunter, um ja kein Detail des feierlichen Zeremoniells zu verpassen. Uhr als Fettnäpfchen Für viele von uns ist diese Art des Feierns neu. Denn anders als in Wien, wo jährlich 450 Bälle rund 300 000 Tanzbegeisterte anlocken, gibt es hierzulande nur wenige Möglichkeiten, das Abendkleid und den Frack aus dem Schrank hervorzukramen. Ein bodenlanges Kleid für die Damen ist an den meisten Wiener Bällen übrigens Pflicht, genauso wie der Smoking oder der Frack für die Herren. Das Tragen einer Armbanduhr oder einer Krawatte gilt dabei als Fauxpas, korrekt ist eine goldene Taschenuhr mit Kette und eine Fliege. Fasziniert beobachten wir, wie das Europaballett St. Pölten zur Ouvertüre zu «Wilhelm Tell» von Gioacchino Rossini übers Parkett tänzelt. Solcherlei Einlagen haben an den Bällen ebenso Tradition wie die Balleröffnung durch die Debütantenpaare. Dann tanzen 80 Damen im Galoppschritt über die Karos – so weit ihre weissen Hochzeitskleider die hitzige Gangart erlauben. 80 junge Herren traben mit einigem Abstand artig hinterher, knien vor ihrer Dame nieder und reichen ihr einen Fächer. Die Paare beginnen sich in einer perfekt einstudierten Choreografie zu Johann Strauss’ «Radetzky-Marsch» zu drehen. Ich erkenne eine junge Frau des Eröffnungskomitees wieder, die mir tags zuvor in der Tanzschule Elmayer als äusserst begabte Tänzerin aufgefallen ist. Wer tanzt am besten? Während unseres einstündigen Crashkurses in Sachen Walzer und Quadrille konnten wir unsere (zumeist) ziemlich verstaubten Kenntnisse im Dreiviertel- und Zweivierteltanz auffrischen. Welche Touristen denn die besten Tänzer sind, will ich von Tanzlehrer Rudolf Peschke wissen. «Das lässt sich so nicht sagen», gibt er sich diplomatisch. An ein Erlebnis mit einer japanischen Touristin kann er sich aber noch gut erinnern: «Wir haben Runde um Runde Walzerdrehungen aufs Parkett gelegt – und als der Tanz fertig war, ist sie wie eine Tanne nach hinten umgekippt», erzählt er lachend. In der Tanzschule hatten wir auch Gelegenheit, den jungen Leuten zuzuschauen, die sich auf ihr Debüt vorbereiteten. Zugegeben, ein ungewohntes Bild, die Teenager in weissen Handschuhen und Anzug (Herren) und in braven Röckchen oder Hosenanzug zu beobachten. Nur ungern erinnere ich mich an meinen eigenen Jugendtanzkurs, währenddessen wir uns ziemlich steif und mit Hemmungen zu Salsa-, Foxtrott- oder Walzerklängen bewegt haben. Hier scheint dies anders zu sein, wie Peschke bestätigt. «Der Einzug mit dem Debütantenkomitee zu einem Ball gehört für die jungen Leute nach wie vor ganz selbstverständlich dazu – es ist die Einführung in die Gesellschaft.» Nicht nur Kinder aus der Ober- und Mittelschicht würden die Kurse besuchen, betont er. Auch Jugendliche, die das jährliche Kursgeld von bis zu 390 Euro nicht aufbringen können, sollen den Tanzunterricht besuchen können – viele Tanzschulen bieten hier Sonderlösungen an. Die Teilnahme als Debütantin oder Debütant hat nebst dem Erlenen des Tanzens einen weiteren Vorteil: Sie erhalten zu den meisten Bällen freien Eintritt – was bei durchschnittlichen Preisen von 160 Euro ein nicht unwesentlicher Punkt ist. Auf ins Getümmel Mittlerweile ist es in der Hofburg kurz vor Mitternacht geworden. Mehrere Hundert Personen drängen sich aufs Tanzparkett. Mein Tanzpartner und ich reihen uns ein in eine der Kolonnen – Dame, Herr, Dame, Herr. Wir warten auf die Mitternachtsquadrille, einen Contretanz, der auf die Zeit Napoleons zurückgeht. Es ist ein emsiges Trippeln und Tänzeln allenthalben rings um mich. Eigentlich weiss ich seit dem Tanzkurs ja, was mich nun erwartet. Doch ich bin unglaublich aufgeregt, und so scheint es den meisten hier zu gehen. Dann tritt Tanzmeister Thomas Schäfer-Elmayer, die österreichische Koryphäe des Tanzens, auf die Bühne. Via Mikrofon versucht er, sich Gehör zu verschaffen. Geduldig, aber bestimmt erklärt er nochmals die Figuren. «Zum eigenen Partner wenden, Compliment – tief, tief, hoch, hoch, Chaîne anglaise, Balancé, Tour de Main, Promenade und zum eigenen Platz zurück.» So weit, so gut. Den Überblick nicht verlieren Doch kaum erklingen die ersten Klänge von Johann Strauss’ Fledermaus-Quadrille, scheint mein Kopf leer zu sein, und ich versuche mehr schlecht als recht, die Figuren bei meinen Nebendamen abzuschauen. Freundlich grüssen, vor und zurück, dann um den Tanzpartner drehen – in meinem bodenlangen Abendkleid komme ich mir wie eine Hofdame aus dem 19. Jahrhundert vor. Die erste Tour ist geschafft. Gellende Schreie ertönen und ein paar mutige Paare galoppieren zwischen den Reihen durch. Aus Angst, dass mein Kleid reissen könnte, verzichte ich auf diesen Spass. Dann, bei der zweiten Tour, wird die Musik immer schneller. Mein Tanzpartner und ich verlieren den Überblick. Da hilft auch der Blick nach links und rechts nichts mehr – unsere Mittänzer haben ob des Chaos offenbar beschlossen, irgendetwas anderes zu tanzen, Hauptsache, es macht Spass. Wir schliessen uns an. Nun verstehe ich, was die Wiener so an ihren Bällen mögen: Der Tanz verbindet fremde Menschen für kurze Zeit miteinander, gemeinsam erfreut man sich am schönen Fest und ob der vielen schön gewandeten Menschen. Da nimmt man auch den Muskelkater und die schmerzenden Füsse am Tag danach in Kauf. Schliesslich kann man auch in bequemen Turnschuhen ins nächste Kaffeehaus gehen.

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