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Wogen und Schlingern

zürich. «Nil» hat weniger mit Geografie als mit Imagination zu tun. Ein Gang auf die Saffa-Insel mit der Genfer Compagnie 7273.

Die Seebühne des Theaterspektakels ist der ideale Aufführungsort für «Nil» der Cie. 7273. Wenn die Choreografie von Laurence Yadi und Nicolas Cantillon während des Einnachtens vor dem Zürichsee als leuchtendem, plätscherndem Hintergrund getanzt wird, zeigt sich besonders deutlich, dass der Titel «Nil» weniger mit Geografie als mit Imagination zu tun hat. Denn ein konkreter Bezug zu etwas real Vorhandenem wird im Stück nicht angestrebt.

Der Name des längsten Flusses Afrikas weist nicht auf die Länder an seinen Ufern oder die mit ihm verbundenen Geschichtsepochen hin, sondern bezeichnet etwas Grenzenloses, wo sich Bewegung aus sich selbst heraus und ungestört von den tatsächlichen Wasserfällen, Katarakten und dem Mäandern im Delta eigenständig entwickeln kann. Die riesige Wassermenge scheint alle Einflüsse von aussen abzuschirmen und flösst die Vision eines in sich geschlossenen, selbstbezogenen Tanzens im Nirgendwo ein.

Das Gruppenstück für sechs Tänzerinnen und Tänzer wurde Anfang 2011 in Genf uraufgeführt und im letzten Oktober mit dem Schweizer Tanz- und Choreografiepreis ausgezeichnet. Sein Inhalt ist vom formalen Aufbau und Ablauf bestimmt. Es geht um reinen Tanz, der nichts erzählen oder ausdrücken will als sich selbst. Dieser Eindruck wird verstärkt durch die Einfachheit der Unisex-Kostüme. Die Farbskala der Hosen und Oberteile zwischen Blau und Blau-Grün entspricht dem Element Wasser, in dem sich das Bewegungsgeschehen vollzieht. Es geht darin auch nicht primär um ein Verhältnis zur Musik. Die Musikbegleitung von Sir Richard Bishop entstand erst, nachdem die Choreografie abgeschlossen war. Trotzdem wirkt sie jetzt im Nachhinein stellenweise, als ob sie den Tanz in Gang setzte.

Klare Linien

Die Bewegungskomposition entstand aber als selbstständiges Formenspiel. Dieses entwickelt sich aus einer Exposition, die neben einer einprägsamen Bewegungsfolge auch bestimmte Prinzipien punkto Körpereinsatz und Ener­gie­stärke enthält. Eine Tänzerin beginnt mit einfachen Schritten, spiraligen Drehungen und wellenartigen Armbewegungen, die vom Torso ausgehen, regelmässigen Impulsen folgen, bei gleichbleibender Ener­gie­ auf einen Akzent hinsteuern und zurückwogen. Dieses Grundmotiv wird zuerst von Einzelnen, dann von der Gruppe aufgenommen, wiederholt, minimal verändert, durch ähnliche Bewegungen erweitert, von klaren Linien in alle Raumrichtungen ausgebreitet, auf komplexeren Torsoeinsatz und Kopfkreisen ausgedehnt.

Magischer Sog

Aus der einzelnen Erfüllung des vorgegebenen Materials ergibt sich sukzessiv ein gemeinsames Tanzen, das sich in lockerer Formation meist nebeneinander her bewegt, sich aber auch zusammenballt, um den Körperkontakt sofort wieder zu fliehen. Einige Soli, ein Duo, das die Grundformen auf Hebungen überträgt, bereichern den einheitlichen, bei allem Wogen und Schlingern präzis gestalteten Bewegungsfluss, der als magischer Sog oder als zerdehnte Studie erlebt werden kann.

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