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Wohnen wie ein Textilbaron

Eintauchen in die Vergangenheit kann man in den Feriendomizilen der Stiftung «Ferien im Baudenkmal». Im Glarnerland etwa wohnt man in einer Villa wie einst ein Textilbaron.

Der Kies knirscht leise unter den Füssen. Der Blick fällt auf den parkähnlichen Garten, der die herrschaftliche Villa umgibt, fast wähnt man sich in Südfrankreich. Bewundernde Blicke erhält auch das schmucke Vorhaus aus Gusseisen und Glas, das als geräumiger Eingang dient. Die Besitzerin, Theres Truttmann, empfängt die Gäste in der grosszügigen, mit Stuckaturen ausgestatteten Eingangshalle. Über ein weiträumiges Treppenhaus geht es dann nach oben bis fast unter das Dach. In aussichtsreicher Höhe kann man dort Ferien geniessen, und zwar ganz besondere, nämlich in einem Baudenkmal. Die ehemalige Textilfabrikantenvilla in Mitlödi im Glarnerland ist eines von 19 Objekten, die man über die Stiftung «Ferien im Baudenkmal» mieten kann. Im Baudenkmal wohnen heisst, zu erleben, wie man einst wohnte. Als «Bewohner auf Zeit» erhält man beispielsweise einen recht authentischen Einblick in das Leben einer Bauernfamilie im Simmental oder eines Fischers in Romanshorn. Auf heutigen Standard muss man nicht verzichten, denn alle Ferienhäuser sind sorgfältig renoviert. Manchmal jedoch heisst es, erst Holz hacken, dann heizen, was in den Ferien aber dennoch reizvoll sein kann. Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums im Jahr 2005 hat der Schweizer Heimatschutz die Stiftung «Ferien im Baudenkmal» gegründet. Einerseits sollen gefährdete Bauten – Zeugen einer bewegten Vergangenheit und wesentliche Bestandteile von Landschaften und Ortsbildern – erhalten bleiben und sinnvoll genutzt werden. Die Stiftung kauft teilweise Bauten selber, meistens aber übernimmt sie Häuser im Baurecht oder sorgt wenigstens für eine fachgerechte Renovation. Schliesslich werden die Häuser zu ortsüblichen Preisen als Feriendomizile der besonderen Art vermietet, und dies mit sehr gutem Erfolg. Die Non-Profit-Organisation setzt alle Einnahmen wieder für den Erhalt und den Betrieb der Baudenkmäler ein. «Diese Art der Nutzung ist ein schöner Nebeneffekt unseres Hauptanliegens, dem Erhalt schützenswerter Bauten», erklärt die Geschäftsführerin der Stiftung, Kerstin Camenisch. Zudem würde die Bevölkerung für die einheimische Baukultur sensibilisiert. In ferner Zukunft sei das Ziel, flächendeckend Schweizer Baukultur abzubilden. Bewusstsein für Baukultur Die Idee dieser touristischen Nutzung von historischen Bauten fanden die Heimatschützer schliesslich beim britischen National Trust, der seit Jahrzehnten mit dem «Holiday Cottages»-Programm Reisende in die Baudenkmäler lockt. Die Idee kam gut an und brachte sogar eine Ernennung für den renommierten Tourismuspreis «Milestone» 2010 ein. Denkmalpflege mit dem Tourismus zu verbinden, ist zwar keine neue Idee in der Schweiz. So gibt es seit neun Jahren die Kooperation der Swiss Historic Hotels mit 47 Mitgliedern, vom kleinen Privathotel in Nidfurn (siehe Kasten) bis zum Fünf-Sterne-Luxushotel in St. Moritz. Allerdings musste sich das Bewusstsein für die Historie hierzulande erst noch entwickeln. Die Schweiz hinkte mit der Idee der Vermarktung ihrer wertvollen Baudenkmäler und historischen Bausubstanz, etwa im Vergleich zu England, recht hinterher. Mitte des letzten Jahrhunderts wurden gar Hotelkästen oftmals einfach gesprengt.Viele erinnern sich an die, dank privater Initiative, gelungene Rettung des Grandhotels Giessbach. Glücklicherweise bemüht sich die Schweiz heute landesweit, nicht nur in den touristischen Hochburgen, um den Erhalt ihrer Baudenkmäler. Nicht zuletzt schliesst das Angebot der Stiftung eine Lücke, denn geschmackvolle Ferienwohnungen mit authentischem Flair, mit einem guten bis sehr guten Ausbau- und Einrichtungsstandard und zu bezahlbaren Preisen sind, vor allem für Familien, oft schwer zu finden. Ein Haus mit Familientradition Die Weisse Villa in Mitlödi zählt zu den bedeutendsten Glarner Baudenkmälern des vorletzten Jahrhunderts. Im Jahre 1865/66 errichtete der Fabrikant Friedrich-Trümpy-Trümpy erst ein recht bescheidenes spätklassizistisches Fabrikantenhaus. Im Glarnerland stösst man oft auf derartige Häuser, die Villa sprengt also keineswegs den Rahmen glarnerischer Bürgerhäuser. Anders ist jedoch der französische Flair, den sie nach dem Umbau durch den zweiten Besitzer, Jakob Trümpy-Heer, zwischen 1885 bis 1890 erhielt. Sie präsentiert sich wie ein barockes Lustschlösschen, vor allem dank zweier Türmchen, die mit einem Geschoss, einem steilen Dach und zierlichen Eisenaufsätzen die beiden Hauptgeschosse überragen. Am stattlichsten wirkt sie vom Garten aus. Hier steht heute dazu ein Pool, der von den Feriengästen mitbenutzt werden kann. Bis im Jahr 1950 wohnte die Familie Trümpy darin, danach begann die Leidensgeschichte, der Abriss stand sogar bevor. Erst 1987 konnten die jetzigen Eigentümer dank grossem Engagement die Villa erwerben und mit Hilfe der Unterstützung von Kanton und Denkmalpflege fachgerecht renovieren. «Wir wollten die Wohnung, in der meine Mutter bis vor Kurzem wohnte, nicht an irgendwelche Leute vermieten. Unsere Gäste sollen dem Haus Interesse und Feingefühl entgegenbringen», erklärt Theres Truttmann ihre Motivation, sich bei der Stiftung für Baudenkmal zu melden. Tatsächlich sind bisher alle Urlauber rücksichtsvoll und geniessen die besondere Atmosphäre. Das Publikum sei gut gemischt, Velotouristen, ältere Ehepaare und Familien bis zu Teilnehmern am Klausenrennen hätten den Weg hierher gefunden. Überrascht waren die Gastgeber, dass öfter Familien mit kleineren Kindern anfragten. Stiftung Ferien im Baudenkmal: www.magnificasa.ch

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