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Woyzeck tanzt

Christian Spucks Ballettversion von Georg Büchners Dichtung kon­zen­triert die Handlung gekonnt auf die Titelrolle. Und der junge Tänzer Jan Casier begeistert mit einer vielgestaltigen Interpretation, die unter die Haut geht.

Im Dunkeln erklingt kurz eine Spieluhr; der Vorhang geht auf; ein einziger Trommelschlag durchbricht die Stille. Dann beginnen fünf Trommler auf der Bühne ein unerbittliches Crescendo und versetzen die Figur zwischen ihnen in Bewegung. Rhythmus und Tempo treiben den jungen Mann an, reissen ihn mit. Woyzeck will Schritt halten, exerziert schnell und kraftvoll, greift sich an den Kopf, wiederholt automatische, eckige Bewegungen, sackt plötzlich zusammen, erstarrt in seltsam verrückten Posen oder fällt aus der Ba­lance, wird weiter angetrieben. Plötzlich klickt er aus dem Vorwärtsdrängen und der überspannten Haltung aus, erschlafft, geht langsam leicht gebückt weg, setzt sich hin, wendet sich ab, horcht nach innen. Das Solo zeigt, wie er in die Enge getrieben wird. Woyzeck ist Soldat, hat ein Kind mit Marie, liebt sie und gibt ihr alles, was er hat. Seinen Sold bessert er als Gelegenheitsarbeiter und medizinisches Versuchskaninchen auf. Er wird als Aussenseiter gedemütigt und von inneren Stimmen geplagt. Als ihn Marie betrügt, bäumt er sich auf und bringt sie um. Dramatische Tanzszenen Woyzeck ist verhetzt und hirnwütig, wie der Hauptmann in der literarischen Vorlage sagt. Büchners Stück von 1836 ist ein Torso. Die vollendet in Sprache gefassten einzelnen Szenen wurden und werden unterschiedlich geordnet und auf die Bühne gebracht. Im Schiffbau ist Stefan Puchers ausufernde Inszenierung zu sehen. Spucks Ballett­version, die vor zwei Jahren in Oslo uraufgeführt wurde und jetzt vom Zürcher Ballett interpretiert wird, sucht die Konzentration, will das Fragmentarische mit schnellen Übergängen zu einem stringenten Ablauf zusammenfassen. In anderthalb Stunden ohne Pause zeigt die Choreografie in Gruppentänzen soziale Zustände und erzählt von den Vorgängen unter einzelnen Figuren. Die gegensätzlichen Stimmungen illustriert eine Musikcollage von Martin Donner, Philip Glass, Györ- gy Kurtág und Alfred Schnittke. Die Ausstattung von Emma Ryott deutet passend wechselnde Spielorte an und evoziert in den Kostümen und Requisiten eine unbestimmte Vergangenheit. Spuck lässt das Publikum das Stück aus der Sicht Woyzecks erleben: Die Tänze der Dorfgesellschaft wirken einförmig und beliebig. Der Freund An- dres gewinnt keine eigenen Konturen. Die überlegenen Personen wie der Hauptmann, Doktor oder Tambour­major sind festgelegte Typen. Sogar Marie hat keinen rollenspezifischen Tanzausdruck. Komplex und abwechslungsreich choreografiert sind dagegen Woyzecks kurze dramatische Begegnungen mit ihr. So wenn er Geborgenheit und Zuneigung sucht und sie ihn abwehrt oder wenn er unverhofft die goldenen Ohrringe entdeckt und körperlich sofort spürbar macht, dass er sie als Geschenk eines Liebhabers erkennt. Spannend, wie er zuerst handlungs­unfähig zusieht, wie sie mit dem Tambourmajor im Wirtshaus tanzt, dann aber ungeheure Kraft aufbringt, um sie zum Gang an den Teich zu zwingen und sie zu erstechen. Woyzeck ist eine gespaltene Person, äussert sich überzeugend in vielen Körper­sprachen. Er agiert und reagiert unvorhersehbar passiv oder energisch, als Verlierer oder selbstbewusst. Schwieriger darzustellen ist, wie er von Stimmen heimgesucht wird. Eindringlich macht er sich klein, kauert einwärts gedreht verbogen unter dem Tisch und hält sich das Ohr zu. Was ihm aber durch den Kopf braust, inszeniert Spuck zu vordergründig. Da fehlt dem Literaturballett die Sprache. Das Zürcher Ballett bewährt sich auf hohem Niveau als Spucks Truppe, erzählt weitgehend sofort verständlich. Die Gruppentänze verkörpern Enge und Bodenhaftung. Cristian Alex Assis als Hauptmann, William Moore als Tambourmajor und Manuel Renard als Doktor finden das richtige Mass zwischen klassischem Tanz und Karikatur. Katja Wünsche zaubert kraft ihrer Persönlichkeit aus dem Bewegungsmaterial, das Spuck schon für Julia und Lena benutzt hat, eine überzeugende Marie. Und Jan Casier trägt als grandioser, omnipräsenter Woyzeck das Tanzwerk zum grossen Erfolg. www.opernhaus.ch

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