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Würden Kühe Glocken tragen?

Leiden die Kühe unter den Glocken, die sie tragen? Die ETH-Doktorandin Julia Johns will Fakten zu dieser Frage liefern. Sie untersucht die Kühe auf dem Hof von Martin Hübscher auf dem Liebensberg.

Padrona schaut verdutzt in die Runde. Denn sie ist es ganz und gar nicht gewohnt, eine Glocke um den Hals zu tragen. Die knapp dreijährige Kuh steht im Stall von Martin Hübscher auf dem Liebensberg in Bertschikon. Wenn sie auf der Weide ist, trägt sie normalerweise weder Glocke noch Treichel. Jetzt aber zieht ihr die ETH-Doktorandin Julia Johns eine fünfeinhalb Kilogramm schwere Glocke an. Dazu noch ein Gerät, das die Herzfrequenz misst, eines, das die Kaubewegungen regis- triert, ein drittes Gerät zeichnet Padronas Bewegungen auf. Johns führt die Versuchskuh nach draussen. Für das Foto posiert Padrona nun schon ganz selbstbewusst. Ihre Kolleginnen be- äugen sie kritisch von Weitem. Kühe und ihre Glocken lösen Gefühle aus. Für die einen klingen Kuhglocken beruhigend – nach Tradition, Heimat und Nostalgie. Andere stören sich daran. Die IG Stiller etwa, die sich auch gegen Kirchenglocken engagiert, empfindet Glockenbimmeln viel eher als Lärm. Und für manche Tierschützer bedeuten Kuhglocken Tierquälerei. Sie berufen sich darauf, dass Kühe ein viel feineres Gehör haben als Menschen und dass es für uns auch unangenehm wäre, ständig ein Gebimmel zu hören. Erste Studie zu Kuhglocken Wie es Kühen tatsächlich geht, wenn sie Glocken tragen, ist wissenschaftlich noch nicht erforscht worden. Mit der Studie von Julia Johns soll sich das ändern (siehe Box). In einem Versuch, bei dem das Weideverhalten der Kühe mit und ohne Glocke untersucht wird, will Johns zeigen, ob Glocken bei Kühen Stress auslösen. Seit diesem Sommer ist die Wissenschafterin deshalb meistens auf dem Hübscher-Hof anzutreffen. Die ETH-Forscherin misst nicht nur rein physikalisch, wie die Kuhglocken das Weideverhalten beeinflussen. Sie beobachtet auch. «Ich habe Kühe erlebt, denen es überhaupt nichts ausmachte, dass sie eine Glocke um den Hals trugen. Ein anderes Mal dachte ich: ‹Die schaut mich sehr traurig an.›» Landwirt Martin Hübscher kennt seine Tiere. Er weiss, dass nicht jede Kuh gleich auf die Glocken reagiert. «Einmal hatten wir ein regelrechtes ‹Mobbing› im Stall», erzählt er. Eine Mitarbeiterin habe ihrer Lieblingskuh nur zum Spass eine Glocke umgehängt. «Die wurde richtiggehend geplagt. Man musste ihr die Glocke ziemlich schnell wieder abnehmen.» Kein Problem sei es, wenn man ranghöheren Kühen eine Glocke anziehen würde. Das würde von der Herde und den Leittieren selber gut akzeptiert. «Kühe merken, wenn sie speziell behandelt werden, es kann auch sein, dass sie sich deshalb etwas anders verhalten.» Es ist seit jeher Brauch, dass Leittiere Schellen tragen. Hübscher findet Glocken an Kühen grundsätzlich schön. In seiner Herde tragen etwa ein Dutzend Kühe Treicheln um den Hals, wenn sie auf der Weide sind. Diese Treicheln haben einen etwas dumpferen Klang als die schwereren Glocken. «Die Kühe orientieren sich an denen, die Treicheln tragen.» Das sei auch deshalb wichtig, weil Kühe ohnehin schlecht sehen und einige seiner Kühe sogar blind seien. Kuhglocken erfüllen aber auch andere Zwecke, sagt der studierte Agronom. Auf grossen Weiden wisse man dank dem Glockenklang immer, wo genau sich die Kühe befinden. «Besonders praktisch ist das, wenn sie einmal ausbüxen – man findet sie schnell wieder.» Auf einer Alp sei es aus diesem Grund fast Pflicht, Kühen eine Glocke umzuhängen. Hübscher hat bisher nicht festgestellt, dass Kühe ohne Glocken mehr Milch geben würden. Umso gespannter ist er auf die Ergebnisse der Studie. Am In­sti­tut für Agrarwissenschaften der ETH kennt man bereits Zahlen zu Ziegen und Glocken. Edna Hillmann, Leiterin der Abteilung für Verhalten, Gesundheit und Tierwohl, stellte fest, dass die Tiere stark auf die Glocken reagierten (siehe Box). «Doch es tritt auch ein Gewöhnungseffekt ein.» Als Tierquälerei würde sie die Glocken nicht bezeichnen. «Tierquälerei ist, wenn man eine brennende Zigarette an einer Katze ausdrückt.» Tierschutz sei immer eine Güterabwägung. Es sei auf jeden Fall gut, dass die Kühe draussen auf der Weide sind – mit oder ohne Glocke. «Und dass man die Kühe dank der Glocken wieder findet, ist sinnvoll.» Gestern hat Doktorandin Julia Johns ihre Arbeit auf dem Hübscher-Hof abgeschlossen. Nun wird sie die Zahlen und ihre Beobachtungen interpretieren. «Das Ziel dieser Forschungsarbeit ist es, die Diskussion um die Kuhglocken zu versachlichen.» Kuh Padrona steht nach dem Fototermin wieder ohne Glocke im Stall. Gestresst sieht sie nicht aus. Sie scheint genüsslich zu kauen. Und ihre Art- genossinnen beachten sie kaum noch.

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