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Zauberhafte Fantasie und Fabelei

bregenz. Mit Mozarts «Zauberflöte» findet die Philosophie der Bregenzer Seebühne ihre schönste Erfüllung: in der Verbindung von attraktivem Spektakel und eigenwilliger Ästhetik und szenisch wie musikalisch mit hohem Anspruch ein grosses Publikum zu begeistern.

Ein bisschen drollig, ein bisschen bedrohlich, jedenfalls wie dem Bilderbuch entstiegen stehen die drei farbigen Riesendrachen im Wasser des Bregenzer Seebeckens. Ihre Augen glühen manchmal, aus den Rachen qualmt es mächtig, und aus ihren Bäuchen dringen furchtbare Geräusche. Wie ein Schildkrötenpanzer wölbt sich zwischen ihnen die Bühne, und wie sich dieser Rücken dann Szene für Szene verwandelt in Wald und Tempel, wie er in allen Farben leuchtet und wie er sich belebt mit den Fabelwesen und Figuren der «Zauberflöte», muss auch den abgebrühtesten Habitué von einem Theaterwunder schwärmen lassen. Reine Magie Dass die Fantasie von Regisseur und Intendant David Puntney und seinem Team – Johann Engels für die Bühne, Marie-Jeanne Lecca für die Kostüme – keine Grenzen kennt, ist bekannt, aber mit der märchenhaften Mozart-Oper hat sie auch ihren ultimativen Stoff, mit der Seebühne das grenzenlose Spielfeld. Alles ist machbar, nichts, was die Ingenieure und Werkstätten nicht richten: Wenn Papageno sich aufknüpfen will, erscheint am Himmel eine goldene Riesenhand und hält ihm das Seil. Aber dann kommt ja Papagena – von weit her über den See schwimmt ein weisses Ei heran, aus dem sie wie ein Küken schlüpft, und so banal das nun klingt, im Spiel vor den 7000 Menschen ist es die reine Magie. Die Aufführung beginnt zur Ouvertüre mit der Erzählung der Vorgeschichte, dem Tod von Paminas Vater, dem Raub des Sonnenkreises durch Monostatos und der Entführung Paminas in Sa­ra­stros Reich: ein rechtes Getümmel auf der Bühne, Knallpetarden inklusive – man fürchtet die Degradierung Mozarts zum Lieferanten des Soundtracks zu einem Fantasyfilm. Doch mit dem Auftritt Taminos rücken die Verhältnisse zurecht: Die weitere Inszenierung ist nun samt Acrobatic Stunt Performer, Aerial Stunt Performer und Stunt Rigger sowie Puppenspieler und ­Doubles, die den Besetzungszettel um Mozarts Vorgaben ergänzen, fast auf Punkt und Komma der Musik gehorsame Tochter. Auch eine Art Kino-Tonspur mit Vogelgezwitscher, Hundegebell, Löwengebrüll und unheimlichen Geräuschen aller Art findet ihren Platz zwischen den Noten. Mozarts Musik hat aber eben auch ihre unbedingte Autorität; sie ist von bezwingender Deutlichkeit, und dies auf der Seebühne zunächst dank einer Tontechnik, die mit den enormen Raumdimensionen zurechtkommt, dann aber vor allem dank einem grossartigen En­sem­ble. Der amerikanische Tenor Norman Reinhardt als Tamino war die sängerische Sensation des Premierenabends, heldisch in der Substanz der Stimme, dabei differenziert und sensibel im Mezzavoce, musikalisch souverän in den weit gespannten Kantilenen und der griffigen Rhetorik der Partie. Dann war da aber auch Ana Durlovski, als Königin der Nacht nicht nur wunderbar «sternflammend» kostümiert, sondern auch singend eine Figur der glitzernden Koloraturen und der pathetischen Dramatik eines Unheilskometen am Nachthimmel. Hervorragend präsent und musikalisch auf der Höhe auch die weiteren Protagonisten, Gisela Stille als berührende Pamina, Daniel Schmutzhard als behäbiger Papageno, Dénise Beck als Papagena, Martin Koch als wendiger Monostatos und Eike Wilm Schulte als Sprecher hoch oben auf der Hängebrücke zwischen den Monsterköpfen. Zum musikalischen Erlebnis des Abends gehörte, wie flexibel in Tempo, Dynamik und im Detail der Phrasierung in den luftigen Verhältnissen musiziert wurde. Zugleich erreichte die Aufführung unter der Leitung von Patrick Summers einen packenden Zug und eine Spannung, die ohne Einbrüche durch die pausenlose, zweieinhalbstündige Aufführung gehalten wurde. Stark – und schlicht Bei den komplexen Verhältnissen ist das alles andere als selbstverständlich. Allerdings steht ein guter Teil des En­sem­bles zusammen mit dem Orchester, den Wiener Sinfonikern, auch in direktem Augenkontakt mit dem Dirigenten: Die drei Damen, das von Frauen gesungene Knabenterzett, die Geharnischten und der Prager Philharmonische Chor interpretieren ihre Partien im Haus. Sie leihen ihre Stimmen den Fantasiegestalten auf der Bühne und haben so als Drachenvögel, als grossköpfige Wesen, als fabulöse und den Bühnendimensionen entsprechende Mythenfiguren ihren faszinierenden Auftritt. Stark in der Botschaft und letztlich schlicht aber lässt David Pountney Mozarts Oper in den modernen Mythos münden. Die zwielichtige Welt der Sarastros und der Nachtkönigin geht unter, was bleibt, ist der Mensch, der Mensch als Paar, die geprüfte Liebe, Tamino, Pamina.

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