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Zeichen auf der Bildhaut

Aus Europas Südosten in die Schweiz: Die Werke von Velimir Ilisevic sind von einer ebenso starken wie zupackend zärtlichen Ausdruckshaftigkeit. Ein neues Buch stellt das jüngere Schaffen des Künstlers vor.

Es ist immer von Neuem beglückend: Kunst zu begegnen, aktueller, zeitgemässer Kunst, die den Betrachter mit gelebtem Leben zusammenführt, mit Spuren und Zeichen, in denen er sich zurechtfinden muss; Spuren, die etwas bedeuten, deren Bedeutung einem jedoch wie ein glitschiger, sich windender Fisch, kaum hat man ihn, wieder entgleitet. Das ists, sagt man sich, und könnte im selben Moment nicht sagen, ob – zum Beispiel – das Rot im Bild Blut, nährende oder verzehrende Glut, Wärme, auf dem Wasser treibende Blütenblätter, späten Schimmer oder Erinnerung an eine wie auch immer geartete Herzensangelegenheit bedeutet. Nähe und Distanz Die Rede ist vom Maler Velimir Ilisevic, der 1965 im ehemaligen Jugoslawien geboren wurde, 1989, noch vor den Balkankriegen, in die Schweiz kam und inzwischen mit seiner Familie in Stein am Rhein zu Hause ist. Ja, Herzensangelegenheiten sind es bei ihm wohl immer. Aber die gehören nur ihm; sie sind jedoch zu spüren angesichts der Werke des Künstlers: als ausgesprochen subjektives Moment, das nicht aus- und schon gar nicht wegzudeuten ist. Velimir Ilisevics Malerei findet auf bewegtem Grund statt, bewegt in mancher Hinsicht. Davon kann man sich bei jeder Ausstellung überzeugen, neu nun auch anhand des Bildbandes, der vor Kurzem zur gleichnamigen Ausstellung «Flussentlang» erschienen ist (Kunstraum Engländerbau, Vaduz, noch bis Sonntag). Langsam arbeitet sich da, besonders in den grossformatigen Ölgemälden, etwas an die Oberfläche und erscheint, bleibt liegen auf der schimmernden Bildhaut, von der oft ein Strahlen und Leuchten ausgeht. Dieses Etwas ist in der Realität verankert, es kann aussehen wie ein Boot, wie Stiefel, wie Baumstrünke, wie ein altes Bügeleisen, wie Ketten, Netz oder Laich, wie Fische, wie eine Brücke über den Fluss. Nicht selten verwandelt sich eines dieser zeichenhaften Objekte dem anderen an; seine Rätselhaftigkeit gibt es nie ganz preis. Oft, wenn auch nicht immer, scheinen die eher flächig wiedergegebenen «Gegenstände» auf beziehungsweise vor dem Bildgrund zu schweben: ein haltloses Gehaltensein, bei dem vieles in der Schwebe bleibt. Schwer zu sagen, was da eigentlich geschieht: Eine ganz eigene, unverwechselbare, bei aller Offenheit stark sich selbst behauptende Wirklichkeit wird dem Betrachter buchstäblich entgegengehalten. Erinnerungsräume gehen auf, mit denen man sich konfrontiert sieht oder über die man sich beugt wie über Wasser. Und das Bild verwickelt sein Ge­gen­über in ein kompliziertes Verhältnis von Nähe und Distanz. Wasser gehört überhaupt zum Leben des Künstlers Velimir Ilisevic. Waren es in seiner ursprünglichen Heimat die Flüsse Save, Kupa und Sana, so ist es in der neuen Heimat und in seinem jüngeren Werk vor allem der Rhein, an dem er entlangspaziert, den er mit dem Gummiboot befährt, der ihm Motive gibt, die er dann findet. «Flussentlang» ist das Kennwort für diese Wasserbildserie, «Flussentlang – Fenster», «Flussentlang – Boote», «Fluss­entlang – Verlauf» können die entsprechenden Titel heissen. Fordernde Präsenz Ilisevics Bilder sind von einer fordernde Präsenz: als wollten die expressiv gestalteten Flächen, die einzelnen Schichten, aus denen sie sich zusammensetzen, auf und aus denen das Motiv erwächst, erkannt werden. Gerade die grossen Formate, an denen der Künstler mehrere Wochen, ja Monate arbeitet, lassen (nicht zuletzt am Farbverlauf am unteren Rand der Leinwand) erkennen, wie sich da einer vom Dunklen ins Helle arbeitet und zu einer ästhetischen Freiheit findet, welche vielfach reflektierte Erinnerung und tastend beobachtende Sehnsucht vereint. Im neuen Buch, das 43 Werke aus den Jahren 2008–2012 vereint, ist in zwei knappen, dafür umso erhellenderen Texten einiges zum Schaffen von Velimir Ilisevic zu erfahren: vom lebendigen Atem im Œuvre dieses «Malers im eigentlichen Sinne» (Uwe Wieczorek) über die Vision, die ihn im jeweiligen Malprozess vorantreibt, über die «hastig hingesetzten pastos-breiten Pinselstriche» (Matthias Frehner), aus denen diese wunderbaren Bilder entstehen: «Bilder, die verunsichern».

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