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Zeige mir deinen Schreibtisch, und ich sage dir, wer du bist

Büromenschen schmücken ihre Schreibtische gerne mit Krimskrams. Das ist in Ordnung, wenn es keiner übertreibt. Was aber tun, wenn der Tischnachbar seine Manga-Flotte ausbaut?

Die Kollegin ist nett, wirklich. ­ Sie ist fachlich fit, hilfsbereit und aufgestellt. Das mit dem Aufstellen nimmt sie allerdings wörtlich. Ihren Schreibtisch bewacht eine Unzahl bonbonfarbener Plastikmonster. Sie haben Affenarme, Glupsch­augen und Säbelzähnchen. Und nerven tierisch. Am liebs­ten würde man damit auf­räu­men. Einmal mit ausladender Hand­bewegung den ganzen Krem­pel wegwischen. Und sich nicht mehr vorkommen müssen wie im Kindergarten. Geht es Ihnen im Büro ähnlich? Vielleicht hilft die Feststellung, dass es mit dem Kram viel schlimmer sein könnte. Designforscher aus Köln haben für eine Studie weltweit Tausende von Arbeitsplätzen fotografiert und sind in Taiwan auf ein Extrembeispiel ­gestossen. 128 knallbunte Deko-Elemente aus Plastik und Plüsch, auf einem einzigen Schreibtisch! Toys R Us im Gemein­schafts­­büro. Denn an den anderen Arbeits­plätzen sah es kaum anders aus. Unterschiedliche Kulturen Ein Fazit der Studie: Was ordentlich ist und was nicht, unter­scheidet sich je nach Kulturkreis grundlegend. «Es gibt Arbeitsplätze, die würden wir als hoffnungslos chaotisch beschreiben; in Asien hingegen gelten sie als aufgeräumt», sagt Studienleiterin Uta Brandes. Ähnlich verhält es sich mit den Bezeichnungen «voll» und «leer». Was bei uns schnell überfrachtet wirkt, wird woanders als karg und steril ­bezeichnet. «Überladen» sei in China oder Japan überhaupt ein dehnbarer Begriff. «Zu voll ist es erst dann, wenn der Schreibtisch unter dem Material zusammenbricht», hält die Design-Professorin fest. Was Büromenschen aller Länder vereinigt, ist der Hang zum Nest­bau. Sie wollen es sich gemütlich machen, sich ein wenig fühlen wie daheim. Und mit den persönlichen Sachen ausdrücken: Hier bin ich. Das ist mein Territorium. Extremformen gibt es dabei immer wieder, gerade in europäischen Amtsstuben. Hier haben Mitarbeiter oft jahrzehntelang denselben Schreibtisch, sind quasi mit ihm verwurzelt. Uta Brandes spricht von «Biotopen». In den Büros wachsen die prächtigsten Pflanzen in Hydrokultur. Wer danach kommt, kann das Ge­wächs­haus übernehmen – oder lässt erst einmal grossflächig roden. Selbst in modernen Betrieben, in denen nicht mehr jeder seinen eigenen Schreibtisch hat, findet man selten Nüchternheit pur. Freilich liegen hier keine üppigen Installationen mehr drin. Es gilt, sich aufs Nötigste und Transportables zu beschränken, wie Nomaden es eben tun. Beispiel Post in Bern: Sie zieht in ­diesem Frühjahr in einen neuen Haupt­sitz um, die Arbeitsplätze werden dann geteilt. Morgens dürfen die Mitarbeiter ihre Tische dekorieren. Am Abend aber kommen Kaffeebecher, Kerzenhalter oder Kristalle ins persön­liche Depot. Etwas Kitsch ist erlaubt «Clear Desk heisst, dass keine vertraulichen Dokumente liegen bleiben dürfen, und nicht, dass persönliche Gegenstände verboten sind», sagt Produktivitätstrainer Willy Knüsel aus Solo­thurn. Es zu untersagen, wäre auch kon­tra­pro­duktiv, bekräftigen ­Arbeits- und Organisationspsychologen (siehe Box). Gerade an unterkühlt wirkenden Computer-Arbeits­plät­zen brauche es Individualität und Wärme. Und, na ja, ein bisschen Kitsch. Die Betonung liegt auf «ein biss­chen». Willy Knüsel wird in Firmen bestellt, um aufzuräumen. Und hat schon Schweizer Arbeitsplätze gesehen, die mit asiatischen durchaus mithalten können. Seiner Überzeugung nach lässt der Zustand des Schreib­tisches Rückschlüsse auf die Arbeitsweise zu. Je mehr wir dar­auf lagern, desto grösser sei die Gefahr, unproduktives Multitasking zu betreiben. Knüsels Devise lautet deshalb: Weg mit dem ganzen Zeug, freie Flächen schaffen! Auf einem gut organisierten Schreibtisch findet sich nichts aus­ser den Unterlagen für die aktuelle Arbeit, dem Arbeitsmittel, das jeden Tag gebraucht wird, etwa ein Nachschlagewerk, und ein, zwei persönliche Gegenstände, die einem am Herzen liegen. Dass we­niger Material und we­niger Deko mehr Durchblick schafft, diese Erkenntnis hat sich jedoch noch nicht überall durchgesetzt. «Immerhin sind in den Büros ­ die Papierstapel kleiner geworden in den letzten Jahren», sagt Willy Knüsel. Von Redaktionen vielleicht abgesehen. Chaotischer Arbeitsplatz, unstrukturierte Arbeitsweise – mit derlei Kategorien ist Uta Brandes vorsichtig. Wohl auch deshalb, weil sich auf ihrem Schreibtisch einiges türmt. Sie aber hält sich ­ an das Gesetz der «geologischen Ordnung»: Letzte Woche waren die Unterlagen noch zuoberst ­ auf diesem Stapel, also müssen sie jetzt etwa fünf Zentimeter weiter unten lagern. «Funktioniert in ­ 80 Prozent der Fälle», bekräftigt sie. Immer in den Semesterferien räumt die Design-Expertin auf. Zur Disposition stehen «die beiden hübschen, aber völlig un­nützen Art-Deco-Tintenfässchen und der Plüschbär mit Bauhelm». Aber dies sei alle Jahre wieder der Fall. Zeige mir deinen Schreibtisch, und ich sage dir, wer du bist. Cary Coo­per von der britischen Lan­cas­ter-Universität untersuchte vor mehreren Jahren die Arbeitsplätze von rund 2500 Beschäf­tigten. Er lei­tete daraus eine Schreibtischtypologie ab, die bis heute gültig ist. Demnach steht dem Ordnungsfanatiker der Chaot und der Kreative gegenüber. Letzterer umgibt sich mit schönen Dingen und inszeniert gerne eine lässige Nachlässigkeit. Zwischen Familienmensch und Workaholic will Cooper eine Gemeinsamkeit festgestellt ­haben. Beide haben Familienfotos auf dem Tisch. Während der eine ­ aber zwischen Privatleben und Job unterscheidet, kommt der ­andere nicht raus aus dem Büro. Immerhin dokumentiert der Work­aholic mit den Fotos, dass ­ da auch Menschen in seinem Privat­umfeld existieren. Sich gut präsentieren Apropos Inszenierung: Die Kölner Crew hat festgestellt, dass die Liebe zum Dekorieren auch eine Ausstellung sein kann. Man stellt sich so dar, wie man gerne von den anderen wahrgenommen werden möchte. Bilder von sich und seinen Lieben sind dafür ein schönes Beispiel. Sie werden meistens am linken oder rechten Rand des Schreibtisches platziert – damit Kollegen und Kolleginnen sie sehen und zum Schluss kommen: «Toll, was die für eine glückliche Familie hat.» Ähnlich verhält es sich mit Statussymbolen. Achten Sie beispielsweise mal darauf, ob bei Ihrem Kollegen der Autoschlüssel auf dem Schreibtisch liegt. So, als habe er ihn zufällig hingeworfen. Wetten, dass der was Teures fährt? Vera Sohmer

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