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Zeugnisse der Leidenschaft

Er war eine Hauptfigur der jungen Nachkriegsavantgarde, und er war ein Künstler, der sich betroffen machen liess und seiner Zeit leidenschaftliche Bilder entgegenhielt: Heute vor 100 Jahren wurde Wilfrid Moser (1914–1997) geboren.

Wilfrid Moser wird nie langweilig. So einfach ist das. Nicht als Mensch, der er war, und nicht als Künstler, der in einer Vielzahl von Werken weiterlebt, welche er im Lauf von sechs Jahrzehnten geschaffen hat: Der Betrachter wird noch immer und jedes Mal von neuem in den Bann gezogen, egal ob er es mit einem Ölgemälde, einer Zeichnung oder einem der kleinen oder grossen Raumobjekte zu tun hat, wie sie der Malerplastiker seit den 60er-Jahren geschaffen hat. Vieles kommt in diesem bewegten Werk zusammen, das sich dem 20. Jahrhundert eingeschrieben hat, dem Werk eines Künstlers, der bei aller Zeitgenossenschaft letztlich ein Einzelgänger und in manchem der Kunst seiner Zeit voraus war.

Sinnlich geerdet

Es ist ein kraftvolles Werk, und es ist ein welthaltiges Werk, das einen packt, nicht selten unheimlich expressiv, und selbst in der Nähe zur Abstraktion immer sinnlich geerdet. Und leicht kann es passieren, dass man seinem Sog erliegt: Es ist, so hat man es in der grossartigen Schau im Berner Kunstmuseum vor fünf Jahren erleben können, der Sog der schwindelerregenden menschlichen Existenz.

Heute nun jährt sich der Geburtstag von Wilfrid Moser zum 100. Mal – Grund genug, an einen der grössten Künstler Zürichs zu erinnern, der in den Museen noch etwas präsenter sein müsste, als er es ist. Denn vom Aargauer bis zum Zürcher Kunsthaus ist er in Museumssammlungen vertreten, und in seiner Heimatstadt Zürich kann man ihm auch im öffentlichen Raum begegnen. Seiner Grossplastik «La fontaine bleue» etwa beim Zen­trum Dorflinde in Zürich-Oerlikon oder der nicht ganz so grossen Skulptur «Leporello»: Man sieht sie vom Tram aus, etwas entrückt auf der Terrasse des Müller-Baus des Kunsthauses; sinnlich rund und spitz gezackt, wie es zur Gestalt von Leporello, Don Giovannis berühmtem Diener, passt.

Vor «Leporello» hatte dort Mosers «Caliban» gestanden (so heisst eine fiktive Figur in Shakespeares «Sturm»). Der aber wurde am Morgen des 11. April 1979 ein Opfer der Drogenszene und verbrannte innert kurzer Zeit. Doch das ist eine andere und keine Geburtstagsgeschichte.

Mythos und Gegenwart

In Zürich-Enge fing alles an. Am 10. Juni 1914 kam Wilfrid Moser als einziges Kind eines Sinologen und einer Klavierlehrerin zur Welt. Er wuchs in einem kunstsinnigen, an Begegnungen und Reisen reichen Umfeld auf, zeigte bald eine ausserordentliche Gabe für das Geigenspiel und wurde bereits in seiner Kindheit zum Malen angeregt. Frühreif, intelligent, unglaublich unternehmungs- und reiselustig, aber nicht abgehoben – dass der 15-Jährige beim Knabenschiessen 1929 Schützenkönig wird, mag als Beleg gelten –, in den 30er-Jahren dann endgültig auf dem Weg zum Maler, schliesslich, während Krieg und Aktivdienst, Gründung einer Familie und Bau eines Atelierhauses in Ronco TI, wo er mit seiner ersten Frau lebt.

Gleich nach dem Krieg wird Paris zu seiner zweiten Lebensstation (Zürich ist die dritte, auch dort hat er ein Atelier), wo seine unverwechselbaren Bilder von Metro-Katakomben, Metzgereien, offenen Häusern entstehen. Noch in seiner tachistischen, informellen Malerei führt Moser den Betrachter nicht ins Ortlose – ins Abgründige schon. Überall ist Lebenswirklichkeit spürbar, die bei ihm bis in weit zurückliegende Zeiten und die Welt der Mythen reicht. Erfolg stellt sich ein, Auszeichnungen folgen, und Moser wird an wichtige Biennalen eingeladen. 1979 zeigt das Museum Allerheiligen in Schaffhausen eine grosse Retrospektive, und die beeindruckende Zürcher Retrospektive von 1993 wird vielen noch in Erinnerung sein.

Auch Mosers Alterswerk ist von derselben heftigen Strahlkraft wie sein früheres Schaffen, das von Zauber und Schmerz, Eros und Intellekt geprägt ist. «Die Kunst», hat Wilfrid Moser gesagt, «ist der Schock des Individuums vor der Welt.» Angelika Maass

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