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Zeugnisse von höchstem Wert

cOrzoneso. Roberto Donetta (1865–1932) ist bis heute «il foto­grafo» des Tessiner Bleniotals. Sein Archiv in Corzoneso umfasst Tausende Bilder über die Menschen dort, ihren Alltag und ihre Kultur in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Ein Besuch.

Weiss gekleidet, mit gefalteten Händen liegt das Mädchen im Sarg, umgeben von Blumensträussen. Roberto Donetta hat das im strahlenden Licht aufgebahrte tote Kind frontal fotografiert. Nüchtern, ohne Pathos erzählt das Bild eine Geschichte über das Bleniotal, als die Kindersterblichkeit hier noch zum Alltag gehörte. Die Fotografie mit der Nummer DON3954 ist Teil des Archivs mit seinen 5000 Glasplatten und 600 Originalabzügen, die in der Casa Ro­ton­da im Weiler Casserio oberhalb von Corzoneso aufbewahrt und in wechselnden Ausstellungen öffentlich gemacht werden. Grosses Interesse im Tal Seele der Stiftung, der Fondazione Roberto Donetta, die das Archiv verwaltet, ist die Kuratorin Mariarosa Bozzini. Ende der 1970er-Jahre holte sie die Bestände, die nach Donettas Tod niemanden interessiert hatten und die deshalb im Gemeindehaus und in einem Stall in Corzoneso eingelagert worden waren, wieder ans Licht. Zuerst habe sie das Archiv «etwas in Ordnung gebracht», um dann 1984 im Gemeindehaus in einer ersten Ausstellung 250 Hochzeitsbilder zu präsentieren, erzählt Bozzini in der renovierten Casa Rotonda, diesem eigenartigen Gebäude, wo der Fotograf allein und in grosser Armut die letzten Lebensjahre verbracht hat. Das Tal habe mit grossem Interesse auf diese Ausstellung reagiert. Daraufhin konnte Bozzini den Tessiner Fotografen Alberto Flammer dafür gewinnen, von den 5000 Glasplatten Reproduktionen herzustellen. Seither kann auf diesem Weg das gesamte Werk Donettas eingesehen werden. Stolzes Selbstporträt Einige der 46 Ordner mit den Reproduktionen holt Bozzini hervor. Geordnet hat sie die Bilder nach Themen wie «Hochzeiten», «Tod», «Beerdigungen/Prozessionen», «Kirchen», «Paare», «Kinder», «Männer», «Unheil» oder «Berufe». Strenger hütet die Kuratorin die Glasplatten, die sie in einem panzerähnlichen Schrank in Schubern verwahrt. Mit Hilfe des Vereins Memo- riav, der sich für die Erhaltung und Erschliessung des schweizerischen audiovisuellen Kulturguts einsetzt, sind diese Glasplatten auch digitalisiert worden. Vorsichtig wickelt Bozzini eine der Negativ-Vorlagen aus der schützenden Hülle. Zum Vorschein kommt eines der zahlreichen Selbstporträts. Es zeigt den stolzen Fotografen sonntäglich herausgeputzt, wie er vor der überwachsenen Mauer einer Kapelle im Bleniotal steht (siehe Kästchen). Offensichtlich ist sich Donetta seiner Bedeutung als Fotopionier bewusst. Das Bild täuscht allerdings dar­über hinweg, dass der Fotograf, der das Bleniotal auch als Samenhändler durchwanderte, seine Familie kaum je ernähren konnte. Frau und Kinder verliessen ihn, um in den französischen Pyrenäen eine neue Existenz aufzubauen. Mariarosa Bozzini ist es zu verdanken, dass der Autodidakt Roberto Donetta Eingang in die neueren Standardwerke der Schweizer Fotogeschichte gefunden hat. So hat ihm etwa die Photochronik «Seitenblicke» (1998) das Jahr 1908 gewidmet. Das ausgewählte Bild zeigt einen alten Mann zu Hause auf seinem Totenbett. Seine Familie und Freunde halten Totenwache. Ein starkes Bild des Abschieds. Donetta sei «einer der Grossen der Schweizer Fotogeschichte», schreibt David Streiff, seit 2008 Präsident der Fotostiftung Schweiz, im Katalog zur Ausstellung «L’arte del rendere visibile». Trotz der einfachsten Mittel, die ihm zur Verfügung standen, sei Donetta «ein ausserordentlich sorgfältiger Fotograf, mit einem sicheren Gefühl für Bildausschnitte, Tiefenschärfe und Licht». Dank diesen Bildern, «Zeugnissen von unschätzbarem Wert», erhalte man einen dokumentarischen Überblick über das Leben, über die Leute im Bleniotal zu Beginn des 20. Jahrhunderts, schreibt Streiff. Die erste grosse Retrospektive Mariarosa Bozzini veranstaltet in Corzoneso jährlich zwei bis drei Ausstellungen. Im Gespräch ist sie nun auch mit der Fotostiftung Schweiz in Winterthur und dem Museo Cantonale d’Arte in Lugano. An diesen beiden Orten soll 2015, so Peter Pfrunder von der Fotostiftung, eine erste grosse Re­tro­spek­tive auf Roberto Donetta und sein Schaffen stattfinden. Es ist Zeit, dass das Werk dieses bedeutenden Fotografen auch in der Deutschschweiz bekannter wird.

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